Freitag, 19. Oktober 2018

Was hält einen?

Die Datti geht in der großen Stadt demonstirieren.
Sie will eine andere Regierung, diese hat sie nicht gewählt, absolut nicht.
Sie will einen anderen Job, sie will mehr verdienen.
Dass dem nicht so ist, daran ist sie womöglich schuld, wenn man von einer solchen sprechen kann. Jahrelang hat sich die Datti um ihre Familie gekümmert und parallel dazu sind alle voll arg geworden.

Und ob sie es will oder nicht, sie braucht mehr Geld.

Das Kind ist jetzt auch in der großen Stadt, denn das Kind ist kein Trottel, nie gewesen. Das Kind mag "Tombini a livello". Kanaldeckel, die nicht schief verlegt worden sind. Das Kind will was lernen, das Kind hat Ideen und will sich nicht beklagen.

Das Kind sagt: Es ist schwierig, aber ich bin glücklich.

Die Vorstellung, dass das Kind bisher nicht glücklich war, zwingt mich in die Knie. Das Kind sagt, es hätte bis jetzt die Schule gehasst. Ich kenne das Kind seit 11 Jahren und immer ist es in die Schule gegangen und, Donnerwetter, immer hat es die Schule gehasst? Und ich habe es immer ignoriert?
Ignoriert, wie dass ich eigentlich mehr Geld verdienen muss? Wie dass sich der Rallyefahrer offenbar in seinem Leben langweilt? Ignoriert, dass sich mein großer Sohn in eine Situation extremer Existenzangst begeben musste, bevor wir alle ein Gefühl füreinander bekommen konnten?

Die Datti sollte demostrieren. Aber es ist komisch. Auf der Demo sind sehr viele junge Menschen. Was ja gut ist. Und dann sind auch einige, die aus der Datti-Generation stammen. Aus der goldenen Zeit. Als man begann, die Schulbücher gratis zu vergeben. Als es normal war, sozial zu sein. Als es eine Sozialpartnerschaft gab. Nicht hergeben.

Nach 22 Jahren in Italien wird das Sozialsystem im Staatsbürgerland der Datti zu einer persönlichen Frage.

Die Datti liebt das Land. Aus politischen Gründen, nicht aus landschaftlichen. Eine lange Zeit lang ist ihr das Land auf die Nerven gegangen, als alle sie belehren wollten. In Italien wollte sie niemand belehren. Aber in Italien haben sich alle geduckt, mit den Armen um ihre Lieben. Und es steht einem nichts zu, außer die eigene Familie.

Jetzt ist es so: Die politische Wahrhaftigkeit jedes der Länder ist kompromittiert, wenn man so ein altmodisches Wort benutzen darf.

Soll man dort bleiben, wo die Kanaldeckel gerade verlegt wurden? Wo es mehr gepflegte Geschichte gibt?

Ich hätte gerne eine Freundin, die jetzt mit mir in der Küche abtanzt zu sowas wie "Daddy cool". I'm crazy like a fool. Aber alle meine Freundinnen müssen die Deutschhausübungen ihrer Töchter verbessern, sich um ihre Sozialversicherungsbeiträge sorgen oder ihre alternden Mütter wenn nicht ihre Enkelinnen bespaßen.

Das hat uns niemand ermöglicht, Sozialpartnerschaft si oder no: Sorgenfrei in eine Zukunft zu schauen,  auch wenn das Gras grün ist. Schon oasch.

Dienstag, 9. Oktober 2018

Don't be old

In der großen Stadt begleite ich meine Mutter zur Friseurin. Man muss dazu nicht einmal die Straße überqueren und meine Mutter rast mit ihrem Rollator den Gehsteig entlang. Ich überlasse sie eine halbe Stunde der Obhut der sich enthusiastisch gebärdenden Frau Karin und fühle mich, als wären meine Kinder mit der Babysitterin unterwegs. Nur schreibe ich nicht schnell einen Roman, sondern kaufe im Supermarkt Fertiggerichte für meine Mutter ein. Ich bin dennoch glücklich.
Die Friseurin hat meiner Mutter einen Kurzhaarschnitt verpasst, mit dem sie sich jugendlich fühlt. "Vorher habe ich ja ausgesehen wie eine Hundertjährige!" sagt sie empört. Sie wird in diesem Jahr 88. Hundertjährige sind für meine Mutter wohl das, was für mich als Jugendliche Erwachsene waren.

Sie will noch nicht gleich nach Hause gehen und wir gehen eine Runde um den Block. Sie erzählt mir, wie ihre Füße schmerzen. Sie sagt: "Da gibt es so viele kleine Nerven und Sehnen, ich spüre sie alle." Sie hat diesen Satz schon so oft gesagt und sie sagt ihn jedesmal, als wäre es eine Erkenntnis dieses präzisen Moments. Ich nehme mir vor, nie wieder über meine eigenen Schmerzen zu sprechen. Obwohl ich in diesem Augenblick alle Sehnen und Nerven meiner Füße spüre. Und es gerne jemandem erzählen würde.

Zu Hause angekommen trage ich den Rollator die 6 Stufen hinauf, die meine Mutter von der Welt trennen. Sie zieht sich am Treppengeländer hoch. Ich möchte die Türe schließen, aber sie verbietet es mir. Sie möchte, so lange ich da bin, versuchen, alleine die Treppe hinunter zu gehen. Sie sagt, es gäbe eine Krankheit, die Schwellenangst hieße, und deshalb könne sie die Treppe nicht hinunter gehen. Sie hätte Angst, zu fallen. Ich sage, ihre Angst sei nicht pathologisch. Die Möglichkeit, dass meine 87- jährige Mutter, die an einer Hüfte operiert ist und an der anderen leider nicht, die Treppe hinunter fällt, ist durchaus wahrscheinlich. Aber sie scheint die Psychologie entdeckt zu haben.

Sie geht die Treppe hinunter, bis zum Postkasten. Ich sage ihr, wo sie sich festhalten soll. Sie steht vor dem Briefkasten, dem eigentlichen Zielort. Ihr Postfach ist das oberste. Sie wird es nicht erreichen. Sie wirkt wie ein kleines Mädchen, das in ein Vogelnest schauen möchte. Sie zieht sich wieder am Geländer hoch. Gleichzeitig kommt der Lift von oben. Die Nachbarin steigt aus. Sie ist über 90.

Sie kann alleine gehen und sie geht jeden Tag einkaufen. Meine Mutter und die Nachbarin freuen sich, einander zu sehen. Sie denken jeden Tag aneinander. Sie schauen, ob das Licht in der Wohnung der anderen eingeschaltet ist.

Die Nachbarin hat eine tolle Frisur, sie hat ihre weißen Haare bis zum Kinn glatt geschnitten, dadurch wirkt sie eleganter als meine Mutter mit ihrer Kurzhaarfrisur. Und: Sie hat noch echte Zähne. Nicht mehr viele und in keinem guten Zustand. Aber: There they are.

Die Damen kommen sofort ans Eingemachte. Früher waren die Winter kälter. Der Beitrag meiner Mutter lautet: Sie ist an einem Freitag, dem 19. Dezember geboren worden und am Sonntag wurde sie getauft. Bei der Fahrt zur Kirche kippte der Schlitten um und meine Mutter fiel in den Schnee. In der Kirche, während der Taufe schrie sie. Kein Wunder, schließlich hatte sie Schnee im Wickelpolster. Meine Mutter ist sichtlich ergriffen wegen dem armen Baby, von dem man ihr erzählt hatte.
Der Beitrag der Nachbarin lautet: Ihr Vater war gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Sie kann sich nicht mehr an ihren Vater erinnern, aber sie kann sich an sein Begräbnis erinnern. Sie erinnert sich, dass man sie auf den warmen Herd setzte. Es muss sehr kalt gewesen sein.

Die Geschichte meiner Mutter und jene der Nachbarin weisen neben der Käte im Winter erstaunliche Parallelen auf.  Meine Mutter war das letzte Kind von 12 Kindern. Ihr Vater war Witwer und hatte bereits ein Kind. Die Nachbarin war das letzte von 8 Kindern. Ihr Vater war Witwer und hatte bereits drei Kinder. Beide Väter waren 13 Jahre älter als die Mütter.

Aber die beiden Nachbarinnen bestehen nur auf dem einen Thema: Meine Mutter war aus dem Schlitten gefallen und die Nachbarin hat keine Erinnerungen an ihren Vater, außer jener, bei seinem Begräbnsi auf den Ofen gesetzt worden zu sein. Die Erzählung meiner Mutter ist wie ein Chor, der immer mehr anschwillt, eine Anklage an all die unfähigen Leute, die sie, 2-tägiges Baby, in den Schnee warfen UND sich anschließend ereiferten, dass sie bei der Taufe geweint hätte. Die Erzählung der Nachbarin ist ein stilles Wundern über die Tatsache, dass sie nichts von ihrem Vater erinnert, nur die Tatsache, auf einem Ofen gesessen zu sein.

Es muss sehr kalt gewesen sein.

Sie kommen ein drittes Mal darauf zurück. Meine Mutter lächelt jugendlich mit ihren dritten Zähnen. Aber sie ist stinksauer auf die Hebamme, die damals bereits 70-jährig, über meine Mutter gesagt hatte: Die lebt eh nicht lang. Zum Glück hat mir nie jemand Prophezeiungen berichtet. Die Nachbarin hät sich kichernd die Hand vor den Mund, sie weiß, dass ihre Zähne, die sie seit, naja, 86 Jahren hat, nicht schön anzusehen sind. Und sie spricht über den Ofen, auf den man sie am Tag des Begräbnisses ihres Vaters gesetzt hatte.

Ich finde die Nachbarin jugendlicher als meine Mutter. Sie geht alleine einkaufen, sie hat noch Zähne.

Meine Mutter beginnt eine lange Geschichte zu erzählen, deren Protagonist ihr Vater ist (ein Mannn, dessen Frau 13 Jahre jünger war, aber 18 Jahre vor ihm starb, was ich persönlich eine Frechheit finde),  ein Pfeifenraucher, dem man zu Weihnachten Tabak schickte, bis in sein 88. Lebensjahr, in dem er beschloss, keinen Tabak zu brauchen. Nein, er hörte nicht zu rauchen auf, er verstarb. Eh klar. Meine Mutter, im 88. Lebensjahr, möchte nun auch keine Weihnachtsgeschenke mehr. Aber meine Mutter raucht keine Pfeife.

Die Nachbarin scheint die Geschichte nur einerseits zu verstehen. "Er hat gespürt, dass er sterben wird", sagt sie mit ehrlicher Bewunderung. Sie versteht nicht, dass meine Mutter damit sagen wolte, dass auch sie, im 88. Lebensjahr, sterben wird. MUSS.

Meine Mutter ist beleidigt. Ich spüre es. Man muss sich verabschieden.
Die Nachbarin sagt: Ich hätte Sie nicht erkannt. Du schaust so jung aus. Wie alt bist Du?
Ich muss nachdenken. 54.
Ich bin mit ihrem Sohn in die Parallelklasse gegangen. Ihre Tochter war meine kleine Freundin. Ihr großer Sohn ist der beste Freund meines großen Bruders. Sie sagt: Du schaust jung aus. Das ist, weil es dir gut geht.

Meine kleine Freundin, die Tochter der Nachbarin, ist ein Jahr jünger als ich. Sie ist 53. Ich sage: Damals war sie jünger als ich. Aber heute sind wir alle gleich alt. Ja, sagt sie. Wir sind alle jung.

Sonntag, 11. Februar 2018

Die Generation der neuen Empfindsamkeit und ihre Eltern

Zumindest in Italien ist es ein Gwirx.

Vielleicht ist in meinem Herkunftsland alles gleich geblieben. Wir wollten alles, als wir jung waren. Alles, außer unsere Eltern in irgendwas zu involvieren.

Hier ist alles ein Mischmasch. Zu beobachten begonnen habe ich dies, anlässlich der großen Liebe des Fußballers zur Mutter seiner Freundin, eine tolle Person, mehr eine Freundin der Tochter, als eine Mutter.
Schon muss ich innerlich stöhnen. Eine Mutter als Freundin? Wie ungustiös. Alles, nur nicht das. Fotos von ihm, der Freundin und der Mutter werden gemacht und aufgehängt. Ich versuche, möglichst abwesend zu bleiben. Irgendwann ist es unvermeidlich. Das Verhältnis zwischen mir und der Mutter der Freundin meines Sohns bleibt kalt. Wie könnte es auch anders sein, schließlich bin ich, im Gegensatz zu ihr, seine Mutter und alles andere als seine Freundin.

Später wird er sich von der Freundin trennen, weil er mit der Mutter nicht zurecht kommt und der Freundin vorwirft, immer mit der Mutter zusammenzustecken.

Der nächste Fall ist mein großer Sohn, der nach einem extremen Auf und Ab, eine Zeit lang im selben Haus wie die Eltern seiner Freundin lebt. Große Konflikte, absolute Präsenz der Eltern. In seinen Erzählungen geht es jetzt mehr um die Eltern, als um sie.

Meine Eltern haben meine Freunde oft gar nicht gekannt. Der einzige Fall, in dem sie das taten, war mir eine Lehre. Mein Freund aß für sein Leben gerne Firn-Bonbons und noch Jahre nachdem wir uns getrennt hatten, standen die Firn-Bonbons in einer Schüssel bei meinen Eltern herum und sahen mich vorwurfsvoll wir meine Mutter an.

Der aktuelle Fall ist der des Kindes. Mein jüngster Sohn verkündet, er hätte jetzt eine Freundin. Eine wunderschöne junge Frau, die außer schön zu sein, offenbar zurückhaltend ist, was er erwähnenswert findet. Die Gelegenheit, zusammenzukommen, hat, so erzählt er, die Mutter des Mädchens gegeben. Sie nennt ihn auch "Schwiegersöhnchen".

So wie ihn die Freundin des Fußballers "mein Lieblings-Schwager" genannt hat.

Könnte ich Comix zeichnen, würde ich mich unter eine Bettdecke zeichnen, in der ich eine kleine Bombe nach der anderen anfertige. Ich habe nichts gegen die Freundinnen und Exfreundinnen meiner Söhne. A priori. Mir gehen ihre Mütter auf die Nerven.

Später wird alles auf der großen Bühne von Facebook dargestellt. Zuerst die Liebe, dann die Trennung. 5000 Freunde sind dabei. Die Mütter haben als Status ihres Whatsapp-Accounts Sprüche wie: "Ich bleibe immer an deiner Seite." Arme Töchter.

Meine Schwiegermutter (die immerhin nie versucht hat, irgendjemandes Freundin zu sein) sagt zu meinen Söhnen, dass sie noch viele Freundinnen haben werden. Aber meine Söhne wollen nur sie, die eine, die erste oder zweite, jedenfalls die große Liebe. Dann trennen sie sich und schreiben sich gefühlt 3 Nachrichten pro Minute.

Oder sie trennen sich für immer, das heißt, dass die Tochter der Mutter, die immer an ihrer Seite stehen wird, meinen Söhnen, den Brüdern des Trennungsfalls, schreibt, sie wird ihre Nummern löschen, denn sie wolle nicht mehr erinnert werden. Ist ja gut. Auch in meiner Jugend hat man Nummern ausgestrichen, Seiten aus Telefonbüchern gefetzt, ohne es irgendjemand anzukündigen. Die Vorstellung, ich stehe in einer Telefonzelle und sage zu den Geschwistern meines Exfreundes: "Ich streiche deine Nummer aus meinem Telefonbuch", erscheint mir sehr lustig.

Klar, auch vor 30 Jahren fand nicht jede Trennung ohne anschließende allgemeine Verhandlung statt. Aber die Mütter waren keine Freundinnen. Sie mischten sich ein, aber wir ließen es nicht zu. Sie dachten von einem 16-Jährigen nicht, es sei ihr kleiner oder großer Schwiegersohn.

Ich merke zusehends, dass ich etwas, was vergangen ist, positiver sehe, als die Gegenwart. Ich habe eine nostalgische Haltung, wie man sie den republikanischen Amerikanern gegenwärtig nachsagt. Ich beklage den Mangel an Privatheit, die mangelnde Robustheit in Gefühlsdingen in der Generation meiner Söhne. Die Abwesenheit eines ureigenen Lebensprojekts abseits einer bestimmten Person.

Ich glaube, dass die Freundinnen meiner Söhne, aktuell, ehemals und zukünftig, unter meiner Nonchalance leiden. Es ist ein ehrliches Desinteresse. Ich will es lieber nicht wissen. Wenn ich erfahre, welchen Blödsinn sie verzapfen - und davon ist mir einiger zu Ohren gekommen - möchte ich nicht sagen, wie dumm ich sie finde. Ich möchte nicht mit meinen Söhnen streiten müssen. Ich weiß, dass sie von mir nicht hören wollen, dass ich die Aussagen ihrer Freundinnen nicht tolerieren kann. Also will ich sie einfach nicht hören.

Die Beziehungen meiner Söhne sind, wie sie sich bis jetzt gezeigt haben, keine aufregenden, inspirierenden Begegnungen, die mit Kraft für die Zukunft aufladen, sondern mit Eifersucht und Besitzgedanken erfüllte, fieberhafte Zustände, die sich in tage- und nächtelangem Schreiben von Nachrichten entladen.
Vielleicht darf es nicht verwundern, dass meine Söhne dankbare Gefühle für die häkelnden und Lasagne-kochenden Mütter der Freundinnen hegen, welche stets um eine Schlichtung in jedem Konflikt bemüht sind.

Was ich neuerdings auch verstehe, ist, warum die Leute an Gott glauben. Es erlaubt ihnen, zu beten. Ich möchte das auch, ich möchte stundenlang beten. So intensiv, wie meine Söhne Nachrichten schreiben. Ich möchte den lieben Gott darum bitten, ihnen ein Buch zu geben. Nein, die Bücher habe ich ihnen ohnehin schon gegeben. Ich möchte den lieben Gott bitten, dass sie die Bücher lesen. Dann würden sie erkennen, dass sie nicht alleine sind. Dass viele Männer und Frauen vor ihnen gelebt haben. Dass sie aufgeschrieben haben, wie sie ihre Probleme überlebt und mitunter sogar gemeistert haben. Dass man beim Lesen eines Buchs als geringst mögliche positive Auswirkung einfach von seinem quälenden Nichtwissen abgelenkt wird.

Ich möchte vor meinem Bett knien und die Hände falten und bitten: "Lieber Gott, gib meinen Kindern Verstand und schicke ihnen, wenn es leicht geht, bitte, eine Freundin, die ihnen Mut und Selbstvertrauen gibt, die ihnen Freiheit läßt und die keine Freundin zur Mutter hat, oder zumindest eine erwachsene Frau als Mutter, die sich um ihr eigenes Leben kümmert und sich nicht in das ihrer Tochter einmischt." Oder weniger fordernd, etwas zu leisten, was mir als Mutter offenbar nicht gelungen ist: "Schick ihnen eine Freundin, die mutig ist, Selbstvertrauen hat und die nicht meint, dass man einen anderen Menschen besitzen muss, um glücklich zu sein. Mach bitte außerdem, dass auf Facebook nicht mehr öffentliche Liebeserklärungen geteilt werden, die später zurückgenommen werden müssen, sondern spannende Fortsetzungsromane, möglichst in der wilden und unberührten Natur, danke."





Dienstag, 19. Dezember 2017

Ti regalo una rosa

Mein Titel hier ist der Titel eines Liedes von Simone Cristicchi, das 2007 beim italienischen Liederfestival in San Remo gewonnen hat. Es erzählt von einem Brief, den ein alter Mann, der 54 Jahre in einem Irrenhaus lebte, an seine Geliebte geschrieben hat. Schreiben würde, geschrieben hätte, ich weiß es nicht. Eigentlich heißt es: Ti regelerò una rosa. Ich werde dir eine Rose schenken. Ich muss seit gestern dauernd an das Lied denken, es schwirrt durch meinen Kopf.

In der nun folgenden kleinen Geschichte geht es um einen Jungen, der meinem Sohn eine Rose schenkt. Mein Sohn ist der einzige Beweis für mich, dass sich die Gesellschaft in den letzten 35 Jahren weiter entwickelt hat, denn mein Sohn wusste mit 15 Jahren, wen er begehrte und was er machen wollte. Hätte ich das in seinem Alter gewusst, dann hätte ich es garantiert nicht meiner Mutter erzählt. Aber mein wunderbares Kind, Ex-Tänzer, Ex-Harfespieler, Ex-Reluctant-Fußballer ist zu einem langbeinigen Herzensbrecher mit perfekt reguliertem Gebiss (dessen Geschichte hier in zahlreichen Einträgen, die nach endlosen Fahrten in die Zahnklinik entstanden sind, nachzulesen ist) und Bartanflug geworden.

Am Sonntag fragt er mich, was ich antworten würde, wenn mir jemand ein Geschenk machen wolle und ich wolle das nicht und der andere würde wissen wollen, warum nicht. Perchè? Ich schaue lange aus dem Fenster. Ich antworte: Du könntest sagen, es bedarf keiner Geschenke.
Er gibt einen Laut zurück, der mir signalsiert, dass ich nicht den Punkt getroffen habe.
Ich versuche es noch einmal: Du könntest sagen, es gibt keinen Grund, es gibt kein Perchè, du möchtest es einfach nicht.
Komischerweise wird das akzeptiert.

Ich denke nicht weiter über diese Episode nach, ich habe mich in den letzten 2 Jahren so ausgiebig mit Ringen und Geburtstagen und stundenlangen monotonen nächtlichen Telefonaten aufhalten müssen, dass ich über jede Beziehungskrise meiner Söhne, über die ich nicht informiert werde, dankbar bin.

Aber dann steigt das Kind gestern mit einer Rose aus dem Autobus, er hält sie in der Hand und schaut unangenehm berührt. Aber er hat sie nicht weggeworfen.
Ein Junge aus seiner Schule ist zu ihm in die Klasse gekommen und hat ihm, vor allen anderen, diese riesige rote Rose geschenkt. Aber mein Sohn empfindet nichts für ihn.
Der Junge hat meinen Sohn gefragt, ob er ihn umarmen wolle. Mein Sohn antwortete, dass er ihn nur wie einen Freund umarmen könne. Daraufhin hat der Junge gesagt, dann wolle er keine Umarmung und er hatte Tränen in den Augen. Ein paar Mädels aus der Klasse haben ihn dann umarmt. Zum Trost.

Ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, was das für öffentliche Umarmungen zwischen zwei Jungs sein sollen, die über die Freundschaft hinausgehen, rührt mich die Vorstellung, dass ein Junge, der vielleicht auch 15 oder 16 ist, einem anderen eine Rose gibt. Er muss entweder verrückt sein, oder mutig. Vielleicht hat das eine mit dem anderen zu tun.

Ich sage: Ist aber mutig von ihm, oder ist er dumm?
Nein, er ist nicht dumm, antwortet mein zerknirschter Sohn. "Was soll ich tun, wenn ich nichts spüre, wenn ich an ihn denke?"
Der Junge hat ihn am Vortag gefragt, welche CD von Taylor Swift mein Sohn nicht besitzt, um ihm diese zu kaufen. Vor meinem inneren Auge eilt ein Junge in einen Multimediastore, wie ich annehme dass die Läden heute heißen, die zu meiner Zeit Plattengeschäfte waren. Dort gibt er sein Taschengeld für eine CD von Taylor Swift aus, um meinem Sohn eine Freude zu bereiten. Warum bewegt mich dieses Vorhaben so?

Als ich noch ein Vorschulkind war, sang mir meine Mutter manchmal ein Lied vor, in dem ein junger Mann seiner Geliebten ein Edelweiß pflücken wollte, auf einen Berg stieg, abstürzte und tot war. Ich war dabei sehr ergriffen und schluchzte in die Kleiderschürze meiner Mutter. Manchmal bat ich sie sogar, mir das Lied vorzusingen, weil ich Rotz und Wasser heulen wollte.

Ich habe aber noch nie über jemand anders weinen müssen, der bei einem Bergunfall ums Leben gekommen war. Es geht um die Liebe, die uns dazu bringt, unfassbare Dinge zu tun, auf Berge zu steigen, in Plattengeschäfte zu gehen, Playlists zu gestalten, Briefe zu schreiben, Rosen zu kaufen. Sich auszuliefern, Geständnisse zu machen, sich öffentlich zu blamieren. Die Liebe macht uns mutig, anders kann es nicht sein.

P.S.: Ich habe mir überlegt, ob diese Episode aus dem Leben meines Sohns zu privat ist, um so zugänglich gemacht zu werden, aber erstens hat mich das sowieso noch nie gekümmert, weil das Private ja eh politisch ist, zumindest war das einmal so, und zweitens kennt eh niemanden die Beteiligten, und wer meinen Sohn kennt, dem hätte ich die Geschichte auch persönlich erzählt.


Montag, 18. Dezember 2017

Dal Parrucchiere

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, mein nächster Blogeintrag trüge den Titel "Schluss mit der Italophilie" und würde ganz und gar unwitzig darlegen, warum die Italiener nicht ein Volk sind, das zu leben versteht, sondern vielmehr ein Haufen von Baby-Greisen, die sich nach dem Mittagessen niederlegen müssen, nicht einzelne Persönlichkeiten mit Hang zum Drama, sondern viele Menschen, die an einem befreundeten Partner schreiend ausprobieren, was sie sich dem richtigen Gegner nicht zu sagen trauen, nicht Feinschmecker, sondern übergewichtige Menschen, die ihr Auto immer in dritter Spur vor dem Alimentari parken, weil sie sonst ein paar Schritte zu Fuß gehen müssten usw. Man sieht, keine gute Laune in Bezug auf mein Gastland. Doch es kam nicht zu diesem Pamphlet, denn zuvor bin ich zum Friseur gegangen und dadurch ist mein Blick angenehmer Weise ein wenig unscharf geworden und ich habe noch dazu eine super Frisur.

Ja, ich habe den Mann gefunden, der mich versteht. Zuvor war ich noch ein wenig grantig, da bei den drei Bankomaten beim Banco di Napoli die Leute so lange gebraucht haben, weil sie sich gegenseitig erzählen mussten, wie lange sie letztes Mal vor dem Schalter warten mussten  (45 Minuten!) und dass der Schwager des Mannes, der vor mir Geld behoben hatte und dem ich noch seine vergessene Quittung reichen musste, an einem Herzinfarkt gestorben war, obwohl er doch Bankbeamter war, was also ja wirklich ein Witz sei.

Ich war in die Stadt gefahren mit etwa 50 alten Schulbüchern, also alt, aus den letzten Jahren halt, die ich gedachte zu verkaufen. Die Frau in dem Buchgeschäft schaute mit mitleidig (abfällig?) an und kaufte mir ein Buch für 6 € ab, alle anderen waren nicht mehr in Gebrauch. Ich sagte zu der Frau "Im Business der Schulbücher müsste man arbeiten" und schämte mich dann für meine Geschmacklosigkeit. Ich beschloss allerdings, aus der Not eine Tugend zu machen und die viele Zeit, die ich durch die extrem rasche Abhandlung des Schulbuchverkaufs gewonnen hatte, zu nutzen und zur mutigsten Tat der letzten 10 Jahre zu schreiten. Ich würde zum Friseur gehen und sagen, dass ich meine Haare assymetrisch schneiden lassen wollte.

Ich hatte schon einen Coiffeur ausgesucht, was sehr schwierig ist, denn in der Stadt gibt es definitiv mehr Friseure als Lebensmittelgeschäfte. Sogar mehr als Läden für Telefonie.

Man muss wissen, dass ich eigentlich einen sehr unkomlizierten Umgang mit meinen Haaren hatte, bis vor etwas mehr als 10 Jahren eine Friseurin in einem Ort an der Küste mir zu einem Trauma verhalf. Fröhlich vor sich hinquatschend und mit anderen Kundinnen über andere Kundinnen redend schnitt sie mir die Haare zu kurz. Ich sagte: "Das ist zu kurz." Ich hätte auch sagen können: "Der Krieg ist verloren." Und sie sagte: "Aber was, das ist gut so." Ich fand es nicht gut und trug eine Woche lang ununterbrochen eine Wollmütze. Ja, auch in der Nacht. Nein, nicht einmal mein Mann wusste, wie es auf meinem Kopf aussah und wie es in meinem Kopf aussah sowieso nicht.

Später, als die Haare wieder gewachsen waren, habe ich Friseurinnen nur mehr erlaubt, alle Haare unten gerade abzuschneiden. Dieser Zustand dauerte eben um die 10 Jahre und hat mir Beleidigungen von wohlmeinenden Kolleginnen an der Universität von Kalabrien eingebracht, die mich fragten, ob ich nicht mal zum Friseur gehen wolle, denn ich sähe aus wie eine traurige Madonna und ob ich nicht auch an meinen Mann denken müsste. Nein, fand ich nicht, aber wenn ich es genau betrachte, hat sich mein Mann vielleicht genau für diese meine Ingnoranz gerächt, indem er auch nicht mehr zum Friseur gegangen ist und sein mittlerweile wallendes Haar zu einem Zopf zusammenfasst.

Auf jeden Fall war es soweit, ich war bereit, mich wieder auszuliefern. Ich hatte bei diesem Friseur schon vor zwei Wochen gefragt, wieviel ein Haarschnitt kosten würde. 28 €. Das war mir das Risiko wert. Die junge Frau, der Lehrling vermutlich, bat mich 15 Minuten zu warten, eine Frau mit reichlich Alufolie auf dem Kopf musste noch fertig betreut werden. Ich nahm Platz und kurz darauf stellte ein Mann, von dem ich nicht wusste, in welchem Verhältnis er zu dem Laden stand, die Frage, wer einen Kaffee wolle. Das war die einzige richtige passende und alles ins richtige Licht rückende Frage. Die Lehrlingsfrau, der Friseur, der 2. Friseur, die Frau mit dem Alu auf dem Kopf und eine andere Kundin äußerten ihre Wünsche. Nahm der Mann mich wahr? "Und Sie, Signora?" "Ja, gern!" schrie ich. Schrie ich? "Macchiato?" "Ja, gut." Ich trinke keinen Kaffee mit Milch, aber normalerweise esse ich etwas zum Kaffee, das konnte ich hier nicht verlangen. Kaffee mit geschäumter Milch war ok. Und dann kam ich auch schon dran. Ich durfte mich in einen Friseurstuhl setzen und der Friseur, der hinter der Frau mit der Alufolie stand und etwas unter die Folie schmierte, sagte: "Signora, haben Sie schon etwas gesehen?" Gesehen? "Ja", sagte ich. "Aber nur in meinem Gehirn." Oje, falsche Aussage. Der Friseur wusste nicht, ob er lachen sollte oder die Carabinieri anrufen. "Ich will eine Seite kurz und eine lang." Ok, er hielt mich für verrückt. Eh klar. Aber, ich schwitzte nicht, ich war nicht hochrot im Gesicht, alles sprach dafür, dass ich dieses Erlebnis mit der nötigen, 10 Jahre lang trainierten Resilienz hinter mich bringen würde. Ich dachte, ich könnte, wenn alles schief ginge, danach auch zur Parrucchiera Giovanna gehen, die sogar einmal eine kleine Abweichung in meine nur gerade abzuschneidenden Haare bringen durfte, die aber nicht als erste Wahl galt, weil auch sie dauernd mit Kundinnen über TV-Sendungen redete.
Alles war noch gut, außer dass der Kaffee nicht kam. Wieso das denn? Der Mann war doch in die nächste Bar gegangen und wieder zurückgekommen. Es stellte sich heraus, dass er der Mann der Frau mit der Alufolie auf dem Kopf war. Das Ehepaar schaute auf seine jeweiligen Smartphones. "Ich finde kein Spiel mit 4K." sagte der Mann. "Giovanni, vergiss nicht, dass wir am Montag eine Präsentation haben." Die Frau wurde mir sympathisch, obwohl sie sich kurz vorher ins Out geschossen hatte, weil sie mit der Lehrlingsfrau über der Gesundheitszustand einer Präsentatorin einer Fernsehsendung unterhalten hatte. Aber nein, sie sah nicht nur fern, sie präsentierte selbst etwas, wenn ich auch nicht herausgefunden habe, was.

Die Lehrlingsfrau hängte mir ein schwarzes Tuch um die Schultern. Sie fragte mich, ob es zu eng um den Hals sei und ich fand sie nett. Der Friseur schaute mich streng über den Spiegel an und fuhr mir mit dem Kamm durchs Haar. Ich hatte die Haare nicht gewaschen. Er begann, zu schneiden. Die Seite, die ich kurz wollte. Ob man hier nicht das Haar gewaschen bekam? War das nicht Teil des potentiellen Vergnügens? Und der schnitt einfach so drauf los? Ich hatte ihm erklärt, welche Seite kurz sein sollte und welche lang. Ich fühlte mich nicht elend. Ich war noch immer nicht rot im Gesicht. Ich sah den Friseur bei seiner Arbeit, er war aufmerksam. Keine Erwähnung von Fernsehsendungen, keine anderen Kundinnen. Der Ober aus der Bar von nebenan kam und er hatte ein Tablett mit einigen Kaffeetassen, die mit Alufolie bedeckt waren, wie der Kopf der Frau im Nebenstuhl. "Trinken Sie ruhig Ihren Kaffee, Signora." Wir tranken alle Kaffee, die Frau mit der Alu-Verzierung auf dem Kopf hatte auch ein Croissant bekommen. Sie bot der Lehrlingsfrau ein Stück davon an. "Nein, danke", sagte die. "Wirklich nicht, aber es ist so, als hätte ich es angenommen." "Und Sie, Signora? Möchten Sie ein Stück?" "Nein, danke," beeilte ich mich zu sagen. In Wirklichkeit hätte ich sagen müssen: Danke. Danke. Danke. Sie haben mich mit meinem Leben versöhnt. Ich weiß schon die längste Zeit nicht mehr, was ich in Kalabrien mache und was mir da je gefallen hat. Aber es ist das: Man bekommt beim Friseur von einem Kunden einen Kaffee angeboten, ein Kellner kommt und bringt richtig guten heißen Kaffee und Sie bieten mir ein Stück von Ihrem Kipferl an, als wären wir im selben Boot und aufeinander angewiesen. Das gibt es sonst nirgendwo.

Ab dann ging alles nur noch gut. Der Friseur schnitt und schwieg. Er redete nur einmal über Lasagne. Das war ok. Er wollte nichts von mir wissen. Ich musste nicht einmal über das Wetter reden. Nach dem Schneiden wusch mit die Lehrlingsfrau die Haare. Sie sang dabei.
Danach fragte mich der Friseur, ob ich die Haare glatt geföhnt haben wollte. Nein, sagte ich, denn so seien sie ohnehin nur einmal. Der Friseur ließ mich nicht wirklich spüren, dass er mich für verrückt hielt. Er föhnte mir die Haare lockig. Er fuhr mit seinen kräftigen Händen durch mein Haar und ich hätte fast zu schnurren begonnen. Ich wollte eigentlich sagen: "Strengen Sie sich nicht so an, ich muss nicht so engelhaft aussehen." Zum Schluss fragte er mich, ob ich eine Locke akzentuiert haben wolle. Er zeigte mir den Lockenstab, um seine Frage plastisch zu gestalten, aber weder der Lockenstab noch das Wort "akzentuiert" lösten ein Bild in mir aus und ich lachte nur. Er lachte auch. Ich hatte plötzlich einen assymetrischen Lockenkopf. Ich fühlte mich wie der absolute Winner. He Leute, ich habe einen Friseur gefunden, der mich versteht! Der Friseur, der übrigens eine Warze mitten auf der Nase hatte und einen kleinen Bauch, der ausschaute, wie ein verschluckter Santos-Fußball, war mindestens so guter Laune wie ich.

Es gab nur noch eine Hürde zu überwinden: Konnte dieses mich in vielerlei Hinsicht vollkommen zufriedenstellende Event wirklich nur 28 € kosten? Musste ich meine neue Freundschaft durch Insistieren auf dem mir genannten Preis zerstören? Nein, musste ich nicht. 28 €. Ich lief noch einmal mit meinen wippenden Locken durch den Laden und bedankte mich bei der Frau mit der Alufolie. Ich war sehr froh, keine andere Haarfarbe als meine eigene zu wollen, denn die Prozedur der Dame war viel aufwendiger als mein kleiner Wirbelwindschnitt.

Ich versuchte sogar, Selfies von mir zu machen, und selbst dabei fand mich niemand komisch. Ich holte das Kind von der Schule ab und er sagte: "Was für seltsames Haar!"
Nicht einmal diese Aussage erschütterte mein neues Glück aufgrund meinr Versöhnung mit der Welt der Frisiersalons und meines zeitweiligen Waffenstillstands mit Kalabrien und seinen 2 Millionen Einwohnern.

Samstag, 18. November 2017

Humor bitte!

Ich habe auf vielen Seiten das Leben mit meinen Kindern beschrieben und habe dabei versucht, ehrlich zu sein. Mein Freund der Schriftsteller, der diese Seiten gelesen hat, war enttäuscht. Erstens ginge es allen Eltern so. Das hat mich überrascht. Wieso wusste ich das nicht? Zweitens könne man das, was ich da beschreibe, nämlich wie sich die aufführen, ja auch anders sehen, mit Humor zum Beispiel, dann wolle es jemand anders vielleicht auch lesen.

Heute Morgen habe ich im Radio gehört, dass die türkische Autorin Elif Shafak den vom Österreichischen Buchhandel gestifteten Preis für Toleranz in Denken und Handeln erhalten hat. Mit ihren Büchern hat sie sich in der Türkei alles andere als beliebt gemacht. Ihre Fotos wurden verbrannt und ihren Romanfiguren der Prozess gemacht. Das könne man ja schon wieder lustig finden, meinte der Gestalter des Beitrags. Doch  Frau Shafak, und nicht nur ihr, mangelt es am entsprechenden Humor. Wenn ein Land seine Demokratie verliere, verliere es auch seinen Humor, stellt sie im Interview fest.

Ich bleibe mit den Tellern, die ich gerade aus dem Geschirrspüler genommen habe, stehen. Ich glaube das auch. Auch wenn ich weiß, dass in Albanien, bevor das Land zu einer Demokratie wurde, viele Witze erzählt wurden. Vielleicht, weil man nach vorne schaute, und nicht zurück.

Eines Tages werden wir über all das lachen. Wirklich?

Was hat aber nun der folgenschwere Verlust der Demokratie in einem Land wie der Türkei mit dem Verlust meines Humors im Alltag zu tun?

Ich kann nicht mehr lachen, weil ich, um meine Kinder auf Schulen zu schicken, sehr viel arbeiten muss. Meine Kinder bekommen in Italien, seit sie 18 sind, keine Unterstützung vom Staat. Davor haben wir 70 € im Monat für sie bekommen, etwa die Summe, die ich für einen Sohn pro Monat für den Autobus zahle. Für jenen Sohn, der in der Provinzhauptstadt in die Schule geht, gebe ich über 100 € im Monat für Transportkosten aus. Seit 10 Jahren kaufe ich jeden Herbst um mehrere hundert € Schulbücher. Ich spreche von Pflichtschulen, nicht von Universität.
Na und? Italien ist schließlich eine Demokratie, mach dich nicht wichtig, Dattilografa.
Nein, Italien ist nur auf dem Papier demokratisch, denn ein demokratisches Land müsste aktiv für die Bildung ihrer Bewohner sorgen und diese nicht durch Gesetze vorschreiben, durch Taten aber verhindern. In einem demokratischen Land müssten die erwachsenen Menschen und vor allem die Lehrer, den jungen Menschen das Gefühl geben, dass ihre Anstrengungen etwas wert sind, dass Bildung ihnen die Welt öffnet. Dass ihnen die Welt prinzipiell offen ist und dass sie diese und natürlich ihr eigenes Leben kraft ihres Geistes gestalten könnten.
Meine Kinder sind jedoch mit wenig Instrumentarien zur Autonomie ausgerüstet worden und ich will mir nicht mehr die Schuld dafür geben. Vielleicht bin ich aber schuld daran, weil mir das Lachen vergangen ist.

Meine Kinder wollen weg, weil sie wissen, dass in Süditalien die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist. Aber sie ziehen keine Konsequenzen aus diesem Wissen. Sie setzen keine Schritte, wie beispielsweise Fremdsprachen lernen, seinen Führerschein als wertvolles Gut erhalten und ihn sich nicht bei Drogenkontrollen wegnehmen lassen.

In einem Land ohne Demokratie gibt es kein freies Denken mehr.

Natürlich kann ich nicht behaupten, ich würde von der Polizei abgeführt werden, wenn ich mich vor das Rathaus unseres Ortes stelle und schreie: "Ihr Arschlöcher habt mir den Humor geraubt und außerdem werde ich euch verklagen, weil ich hunderte von Euro für die Mülltrennung zahle, die überhaupt nicht stattfindet, ihr STRONZI!" Beim letzten Teil des Satzes wird meine Stimme überkippen und ich werde mich schämen, dass ich so grausliche Worte verwende und vielleicht wird ein Wachmann kommen und sagen: "Signora, beruhigen sie sich, machen sie sich keine Sorgen." Nein, er wird mich nicht schlagen. Vielleicht gehen wir sogar einen Kaffee trinken, denn solange ein Kaffee 80 Cent kostet, kann man noch großzügig sein und Einladungen aussprechen. Es wird ihm sehr leid tun, dass ich für alles so viel zahlen muss, weil mein Mann ein staatliches Einommen hat und wir keine eigene Steuererklärung abgeben können und nicht so arm und unterstützenswert sind, wie viele Anwälte und Ärzte, deren Mercedes auf Großtanten angemeldet sind.
Nein, das ist nicht erfunden, und es ist nicht lustig.

Der Verlust der Demokratie bedeutet den Verlust des Humors und der Verlust der Demokratie beginnt mit dem Glauben, nichts verändern zu können. Dieser Glaube herrscht in Süditalien seit über 100 Jahren und hat das Entstehen einer Parallelmacht ermöglicht. Das Wahlverhalten wird durch persönliche Bekanntschaften, Versprechungen und Einschüchterung beeinflusst.

Ich freue mich, dass es noch Preise gibt, in denen Toleranz im Denken und Handeln gewürdigt werden, ich freue mich, dass ich in der Früh Radio hören kann und ich bin dankbar über meinen Geschirrspüler. Ich werde die Teller in den Schrank stellen und mich den Rest des Tages mit Strategien zur Rückeroberung des Humors beschäftigen. Ich weiß jetzt, dass diese mit dem Bestehen auf demokratischen Strukturen zu tun haben müssen.


Sonntag, 10. September 2017

Nonno Saverio

Meer rauscht. Zikaden reiben ihre Beine. Sommer verschissen. So müde, aber keine Chance auf eine Einlieferung ins Spital und das weiße Nachthemd.

MM steht im Keller. Ich klettere die Treppe hinunter. Er presst die Weintrauben aus. Er sagt: Du kommst mit einem Glas in der Hand, das freut mich. Ich sage, ja, das ist, was man in einem Keller macht.
Gestern hat er die Weintrauben abgeschnitten und ich habe sie mit dem ehemaligen Kind durch eine Weinpresse gejagt. Ich habe sie zerquetscht, aber erst heute wurden sie in dieser pittoresken Weinpresse gepresst.  Es werden über 150 l sein, was mich frohlocken lässt. Es ist ein wunderbarer tiefroter Saft.
Als ich mit dem Weinglas dastehe, weil dieser Keller der einzige Ort ist, an dem wir reden können, weil überall Jugendliche sind, die uns belauschen, über die genau wir aber reden wollen, sagt MM, er müsse an seinen Großvater denken, einen eleganten Mann im Schnürlsamtanzug, der mit zwei Weingläsern vor seinem Keller gesessen sei und alle zum Trinken eingeladen hätte. Sogar der Bus der Linie hätte gehalten und ein Glas mit ihm getrunken. Ich nehme an, nicht der Bus, sondern der Fahrer. Und dennoch hätte er seinen Goßvater nie betrunken gesehen.
Das sind romantische Geschichten von früher.
Ich mag das. Aber gleichzeitig sagt mir Großvater Saverio nichts darüber, was ich jetzt machen soll. Wo die Freundin meines Sohnes von zu Hause weggelaufen ist und im Zimmer des ehemaligen Kindes mit meinem Sohn nächtigt, während das ehemalige Kind im Fernsehzimmer auf einem Sofa schläft.

Das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieses Mädchen von zu Hause weggelaufen ist und die Eltern sich keine Sorgen machen. MM sagt: sag ihnen, dass sie gut angekommen ist. Aber das sage ich nicht. Denn heute morgen, als ich mit der Mutter mit dem hohen Blutdruck telefoniere, und ihr sage: Bleib ruhig, nichts ist passiert, niemand ist verletzt und niemand hat Entscheidungen getroffen, die nicht mehr rückgängig sind, sagt sie: Doch, mein Mann und ich sind verletzt, uns geht es schlechter als schlecht.

Nein, sie machen sich keine Sorgen um ihre Tochter. Ihre Tochter schläft in den Armen meines Sohnes und das ist ihnen ganz egal. Sie haben, wie sie mir sagen, einen Studienabschluss für ihre Tochter vorgesehen. Sie sagen mir mehrmals, dass sie absolut nichts gegen meinen Sohn haben. Sie sagen das so oft, dass ich sagen muss, das wäre mir auch im Traum nicht eingefallen.

Ich bin auch sehr oft verletzt. Manchmal bin ich unverzeihlich getroffen und es kommt vor, dass ich unversöhnlich bin. Wenn es um Erwachsene geht, ziehe ich Konsequenzen. Wenn es um Jugendliche geht, ziehe ich Konsequenzen, die ich revidiere.

Wenn ich meine, es ist nichts passiert, dann meine ich, niemand ist an einem Drogentod gestorben, niemand hat sich vor einen Zug gestürzt. Es gibt keine Schwangerschaft.

Die Mutter der Freundin meines Sohns fragt mich, ob man sich, für alles, was man getan hat, nicht doch ein bisschen Anerkennung erwarten könne. Ich bin verzagt mit meiner Antwort, ich glaube, ich will ihr nicht die Antwort geben, die ich weiß. Ich sage, vielleicht später einmal.

Ich denke, dass Nonno Saverio das ähnlich gesehen hat. Und ich hoffe, er hätte mir das zweite Glas angeboten, auch wenn ich daran zweifel, denn in Süditalien ist Weintrinken eine Sache für Männer und Familie eine Sache für Frauen.