Samstag, 18. Mai 2024

Simone und Stiller

In der Wohnung über der Wohnung in der großen Stadt wohnt ein komischer Mann, der ein billiges Parfüm benutzt. Man kann es lange im ganzen Haus nachriechen, nachdem er durchgegangen ist. Er scheint auch ein komisches Klo bei sich eingebaut zu haben, denn in meiner Wohnung, die unter seiner liegt, waren plötzlich Wasserflecken an der Decke.

Sechseinhalb Monate später. Die Installateure, die den Schaden behoben haben, malen jenen Teil im Vorzimmer aus, von dem der Putz blättert. Zu diesem Zweck heben sie alle Schchteln, die sich auf dem Regal, das bis zur Decke geht, herunter und ich schlichte sie im Wohnzimmer. Ich will sowieso alles durchsehen, ich will (zum letzten Mal!!) in meinen Sachen Ordnung schaffen. Ich will nicht, dass meine Nachkommen alles ungesehen wegwerfen.

Jetzt. Am Anfang ist es lustig. Eine Drehbuchseite, eine einzelne zwischen Ordnern. Karin und Klaus kommen mit Stiller aus einem Zimmer, Simone wartet davor. Alle vier gehen auseinander. Stiller sieht Simone an, aber Simone sieht Stiller nicht an. (Kein Wunder, wenn alle vier auseinandergehen). Das scheint das Ende eines Fernsehfilms zu sein, bei dem ich Geld verdient habe (aber nicht, weil ich diese denkwürdige Schlussszene, die sich wohl unausweichlich aus den vorhergegangenen Filmminuten ergeben musste, geschrieben habe). Sofort bin ich begeistert. Simone und Stiller. Daraus lässt sich etwas machen. Hat nicht Max Frisch einen Roman names „Stiller“ geschrieben? Würde der Mann meiner Träume nicht auch „Stiller“ heißen? Wäre es sowieso nicht der Traum schlechthin, wenn alle  stiller wären?

Dann. Filmrollen, Dias, Tonbänder, Papier, Papier, Papier. Minuziöse Arbeiten meiner Freundinnen und Kolleginnen, die ich nie im Leben wegwerfen würde. Fotos, Briefe. Anfangs denke ich: das muss ich X schicken, ich möchte wieder mit Y reden. Ich mache weiter. Eine Liebeserklärung auf Zeitungspapier, von jemandem, dessen Name ich kaum entziffern kann. Insgeheim hoffe ich darauf, eine Liebeserklärung von Edi Rama, dem jetzigen Ministerpräsidenten Albaniens zu finden, mit der im Gepäck ich ihn dann zu seinen Plänen mit La Meloni angreife, wobei mich meine Freundin mit dem Handy filmen wird. Aber er hat mir keine Liebeserklärung gemacht, wir waren nur Freunde. Und um jemanden zu fragen, ob er verrückt ist und warum er all seine Prinzipien vergisst, braucht man kein ehemaliges Liebensverhältnis. Man glaubt nur, Liebe würden einen zu allem berechtigen. Aber seit meinem letzten Geburtstag ermächtige ich mich täglich selbst. Because I know!

Eigentlich geht es ja um Ausmisten. Aber offenbar habe ich den Gedanken noch nicht aufgegeben, dass jemand meinen Nachlass verwalten will und ich beschrifte daher die neuen Schachteln, in die ich die alten Papiere lege, möglichst genau. Es ist nämlich mein Leben, das in diesen Schachteln liegt. Erstaunlicherweise interessieren mich heute dieselben Dinge wie vor 30 Jahren. Ich habe einmal zum Thema „Sicherheit“ recherchiert. In dem dazugehörigen Karton findet sich ein Zettel mit dem Logo von „Blausiegel“, einer Kondommarke. Ich bin überrascht, wie weit ich den Suchbegriff damals angenommen habe. Es gibt einen kleinen Abschnitt namens „Klimatologie“. Die Recherche fand Ende der 1980er Jahre statt. Ich muss den Karton schnell wieder schließen. Ich will nicht, dass meine Begeisterung über die wiedergefundene Struktur meines Lebens sich auflöst in einem depressiven „Ich bin ein Boomer und an allem schuld“. Nein, bin ich nicht. Ich wusste schon 1982 dass Plastikflaschen Scheiße sind. Ich habe auch damals Dessouswerbung Scheiße gefunden und ich finde es interessant, die Veränderung des Blicks auf die Frau in der Unterwäschewerbung festzustellen. Damals natürlich dem Ideal entsprechend. Heute dick oder alt. Bitte nicht beides. „Sexy, not sorry“. Ist gelogen.

Aber ich schweife ab. Der Wust an Ordnern löst sich zusehends auf. Ich kann nämlich doch etwas wegwerfen: Kontoauszüge, Versicherungsurkunden für Autos, die ich nicht mehr habe, und sogar eine ganze Schachtel mit Bildern eines Filmkalenders. Nein, ich werde keine Collage draus machen.  
Ich habe mich ein wenig im Verdacht, dass ich eigentlich eine Schachtelfetischistin bin und ich bemühe mich, die Regalwand, die bald hinter einer Jalousie verschwinden wird, mit gleichförmigen und gleichfarbigen Schachteln zu gestalten.

Wenn ich auf der Leiter stehe, bin ich fröhlich und all die Erinnerungsstücke, deren physischer Realität mit dem Erwerb meines ersten Computers ein Ende gesetzt wurde, treiben in meinem Kopf ein leichtfüßiges Unwesen. Ich denke nicht daran, dass die Leute, deren Zeichen in den Kartons liegen, alles alte Leute, so wie ich, sind.  

Was würde auf der letzten Drehbuchseite eines guten Fernsehfilms stehen? Kann es denn gute Fernsehfilme geben? Ich glaube, das Auseinandergehen und das sich keines Blickes würdigen ist so fad. Sicherlich hat Stiller Simone enttäuscht, sonst würde sie ihn ja ansehen. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt. Klaus könnte zu Karin sagen: „Ich habe noch zwei Zucchini und zwei Melanzani im Gemüsefach. Die sind schon etwas labbrig und gehören dringend weg. Kommst du mit kochen?“
Simone lassen wir gehen. Sie kauft sich ein Eis.
Stiller bleibt dann allein zurück, so wie es der (mir momentan unbekannte) Autor wollte. Jetzt wird es ein bisschen problematisch, weil die Männer in den Fernsehfilmen nie was dabei haben. Was kann er also tun, auf diesem Gang, vermutlich eine Polizeistation. Er hat kein Taschenmesser, kein Schneuztuch, wahrscheinlich nicht einmal eine Geldbörse. Er kann sein Mobiltelefon aus der Tasche nehmen, aber das ist mir zu langweilig.
Am liebsten wäre es mir, er würde eine etwas vernachlässigte Topfpflanze, die auf dem Gang steht, nehmen und ins Klo tragen, um sie zu gießen. Dabei würden einige Blätter abfallen. Das geht. Man kann die Blätter vorher von wo anders nehmen und ankleben, man muss die Pflanze nicht quälen. Würde die Redaktion kritisieren, dass es zu viele welke Pflanzen in den letzten Filmminuten gibt?

Ich koche mir jetzt einen Kaffee, das kann Stiller auch nicht tun, nicht in der Polizeistaton, dort gibt es immer nur schreckliche Automaten, zumindest in Filmen.
 

Wenn ich mit dem Aufräumen fertig bin, werde ich Stiller ein Ende schreiben, eines, in dem auch er zu einem Kaffee kommt.

Montag, 20. April 2020

Das Haus verstand

So muss das nämlich heißen. Ist dieses Haus mein Kopf eigentlich? Und fliegen Vögel durch die geöffneten Fenster aus und ein? Dass ein Haus etwas versteht, das geht ja gar nicht, denn das Verstehen ist ja an ein Gehirn geknüpft, an ein Bewusstsein, und beides hat das Haus nicht, zumindest meinen wir das. Mein Haus aber verstand. Früher einmal, jetzt nicht mehr, daher der Gebrauch des Präteritums. Was verstand das Haus? Nicht alles, aber das was zwischen den Zeilen gesagt wurde. Manchmal hörte das Haus auch einfach nicht zu. Es war, als würde es sich die Ohren zuhalten und immerfort "Lalalalala" rufen. Dabei drehte es sich von rechts nach links, hin und her und im Inneren wackelte alles und die Teller in der Kredenz klapperten. Selbstverständlich schaut das Haus aus wie auf einer Kinderzeichnung. Meistens ist die Tür zu klein, dafür sind die Fenster groß und vor dem Haus stehen Blumen in der Höhe eines Buschs. Das Haus auf der Zeichnung zeigt Wille zur Symmetrie. Diesen Häusern ist durchaus Verstand zuzutrauen. Immer wieder muss ich in diesem Zusammenhang an den Logo denken. Dieser Logo wohnt vermutlich auch im Kopf, in allen unseren Köpfen. "Das sagt einem der Logo!", so hat der Fahrlehrer einer Freundin gegenüber begründet, dass man beim Autofahren einfach Verschiedenes weiß. Links oder rechts, oder das andere rechts? Oder schalten, wenn beschleunigen? Obwohl ich annehme, dass der Logo so heißt, weil er sich vom Begriff "Logos", griechisch "das Wort", ableitet und daher sich leicht tut mit dem Reden, ist er in meinem Kopf ganz still und sagt gar nichts. Der Logo. Kann es sein, dass ich einen stummen Logo in meinem Kopf hocken habe? Ist er beleidigt? Los, Logo, sprich endlich, ja spuck's aus, in meinem Kopf drinnen, da brauchst du keine Maske gegen feuchtes Sprechen. Wohnt der Logo im Haus, das versteht, das ja auch oben in meinem Hirnkasten aufgestellt ist? Das könnte sein, das kleine Kinderhaus, das hin und her wackelt und in einem Eck sitzt der bockige Logo. Vielleicht verstand das Haus auch ihn und daher hat er sich dorthin zurückgezogen. Das scheint mir ganz logisch. Naja, das ist übertrieben, aber es wäre naheliegend.

Mittwoch, 15. April 2020

Mir hat es die Rede verschlagen

Das müsste eigentlich reichen. Ich habe nichts zu sagen. Nichts anderes. Nichts weiteres. Ich möchte weder einen Videobeitrag darüber machen, wie ich im Homeoffice arbeite, noch einen von den anderen Menschen sehen.

Ich bin zu einer Stadtstreichern geworden, besser gesagt, zu einem dieser Tiere, die sich weiter ins urbane Gebiet vorwagen, weil nicht mehr so viele Menschen in der Stadt unterwegs sind. Wie die Hirsche, die in eine Auslage eines Einkaufszentrums starren, wage ich mich in unbelebte Gässchen, nehme Abkürzungen durch Privatgelände, werfe verstohlene Blicke in Innenhöfe, schaue an Fassaden hoch, gehe zick zack durch die Straßen, um nicht nah an anderen Menschen vorbeizugehen. Das wäre mir bis vor Kurzem unhöflich erschienen. Heute bedanken sich die anderen Menschen mitunter sogar dafür. Manchmal schaue ich sehnsüchtig einer fast leeren Straßenbahn nach.

Ich gehe aber auch gerne die immer gleichen Wege und prüfe die Größe der Urinflecken der Hunde auf der Straße. Es hat schon lange nicht geregnet.

Ich schlafe schlecht. Ich mache mir Sorgen. Die Menschen tun mir leid. Sie haben keine Arbeit oder zu viel Arbeit, sie haben kein Geld, sie werden krank. Sie sterben.

Aber sie stehen auch Schlange und warten geduldig, bis ihr Auto in der neuerdings wieder geöffneten Waschanlage sauber gemacht wird. Sie fragen öffentlich nach, ob sie ihre Einwegmaske in der Mikrowelle desinfizieren können.

Und es gibt keinen Impfstoff, weder gegen das eine, noch gegen das andere.


Montag, 24. Dezember 2018

Beauty lies in the eyes of the beholder

Die Datti war krank und konnte nicht nach Italien fliegen zu Weihnachten.
Der Körper der Datti hat sich mit undurchschaubaren Kombinationen an Viren und Bakterien geplagt, was das Hirn der Datti relativ weich gemacht hat, weswegen ihr alles wurscht war. Ein herrlicher Zustand, würde einem dabei jemand alle paar Stunden das gesamte Bettzeug wechseln.

Jetzt habe ich kein Fieber mehr und bilde mir ein, mein Hirn sei schon wieder ein bisschen kompakter. Bereit, jemanden belehren zu wollen, favourite pastime. Doch nein! Das Fieber hat den Effekt des "Ist mir doch wurscht" hinterlassen und entgegen meines ursprünglichen Impulses schreie ich nicht: "Behaltet euch eure Weihnachtswünsche, Leute!".

Nein, nach den Tagen des Herumwälzens in verschwitzten Leintüchern und der daraus resultierenden Weihnachtsabstinenz sehe ich mich verändert. Mein Haar ist grauer. Meine Hosen (jetzt ausse ausm Pyjama!) sitzen lockerer. Meine Toleranz ist größer!

Während die alte Datti noch grantelt und sagt: "Konsumwahnsinn. Ausgegrenzte Menschen. Geht's olle scheißn.", sagt die neue Datti: "Ok, ich habe begriffen, es geht um eine Tradition. Wer es will, kann es tun, wer nicht, kann zu Hause bleiben. An den Jesus denkt eh schon die längste Zeit keiner mehr in echt."

Gestern war in Ö1 eine Sendung, in dem Redakteure über ihr Weihnachten berichtet haben, dabei hat eine Frau ihren Bruder interviewt, der am Heiligen Abend immer allein zu Hause bleibt, weil er Weihnachten eigentlich nicht leiwand findet. Das Gute an diesem Tag sei für ihn, dass er still sei.

Das kann ich bestätigen. Ich als genötigte Weihnachstdissidentin habe ein Time-Out von allem. Das Kind ist nach Italien geflogen, es ist gerettet. Alle anderen sowieso. Ich kann das Buch fertig lesen, das ich im Januar 2018 begonnen habe. Es war nicht das einzige Buch, wie ich zu meiner Ehrenrettung betonen möchte, aber ich habe es immer wieder unterbrochen, 4321 von Paul Auster. In der Paperback-Ausgabe immerhin 1070 Seiten.

Ich kann nachdenken, über das, was ich nächstes Jahr machen will. Und was nicht (mehr).

Ich kann das Fenster mit der Nummer 24 vom Adventkalender des Kindes aufmachen und den Schokoladeweihnachtsmann essen. Ich hoffe, der noch grummelnde Bauch wird es verzeihen. Und das Kind auch.

Ich kann nachdenken, über das, was in diesem Jahr passiert ist. Und das ist nicht wenig. Darüber kann ich sogar dankbar sein. Wenn ich will.

Ich plädiere durchaus für einen Tag mit seiner Familie. Nichts gegen Weihnachten. Aber ich plädiere noch viel mehr für einen Tag mit sich alleine. Eben, zum Thema - besinnlich. Also wie wäre es, wenn - nein, ich weiß, man kann die Tradition nicht mehr ändern. Und die Kinder bekommen gerne Geschenke.

Und komischerweise bleiben einem die allein verbrachten Abende mehr in Erinnerung als die in Gesellschaft. All meine Sylvester verschwimmen ineinander. Den einzigen, den ich alleine verbracht habe, erinnere ich, als wäre es gestern gewesen. Am Mariahilfberg bei Gutenstein. Von all meinen Weihnachten bleibt eine unvollständige Rückschau. Während ich jetzt schon weiß, dass dieser erstmals allein verbrachte Heilige Abend besonders bleiben wird. Vielleicht ist er der erste von vielen? Vielleicht macht er unbändige Lust auf ein Familienfest im nächsten Jahr?
Vielleicht ist es auch der letzte, wer weiß?

Als Gefühl bleibt immer die Erinnerung an etwas Klares, Neues. An den potenziell nächsten Tag mit dem neuen, lang ersehnten Spielzeug, dem Schlummerle, der Puppenküche, der Barbie. Den Büchern von Hanni und Nanni und Bullerbü. Jetzt beginnt das Leben. Und dann noch Ferien, genug Zeit zum Spielen. Zum Lesen. Zum Schifahren auf dem Konstantinhügel. (in Wikepedia steht, dass der Konstantinhügel ein 7 m hohe Erhebung im Wiener Parter ist, das macht mich fast hysterisch...).

Irgendwann habe ich dieses Klare, Neue, zu vermissen begonnen. Ich habe begriffen, dass ich mich wahnsinnig auf Weihnachten gefreut habe, dass ich am Ende aber einfach müde war und nicht erfrischt. Und dass das Leben nicht mehr am nächsten Morgen neu begann.

Es sollte so sein am nächsten Tag: Man ist aufgewacht und war ausgeruht. Und man konnte spielen, mit den Sachen, die man sich so sehr gewünscht hatte. Man hatte keine anderen Verpflichtungen.

Meine Mutter, deren Kindheit von Kälte und Not geprägt war, wie ich ihren Erzählungen entnehmen kann, hatte eine Puppe. Ich glaube aus Holz und aus Stoff. Im Laufe eines Jahres war diese Puppe derangiert und zerstört und zu Weihnachten fand meine Mutter, das kleine Mädchen, das sie damals war, das kleine Mädchen, das sie heute wieder ist, die Puppe repariert unter dem Christbaum.
Dafür taugt Weihnachten.

Meine Mutter ist sehr großzügig mit ihren Weihnachtsgeschenken.

Sie hat auch noch eine andere Weihnachtsgeschichte. Ihr Vater, ein passionierter Pfeifenraucher, bekam zu Weihnachten immer Tabak geschenkt, der dann für ein Jahr anhielt. In seinem 88. Lebensjahr sagte er zu meiner Mutter, dem jüngsten seiner 12 Kinder, sie brauche keinen Tabak mehr zu schicken, er werde zu Weihnachten nicht mehr rauchen. Und tatsächlich sei er gestorben. Meine Mutter meinte, so werde es auch bei ihr sein, denn wie alle Menschen sucht sie Zusammenhänge in ihrem chaotischen Dasein.
Doch vor ein paar Tagen ist meine Mutter 88 geworden und als ich sagte: "Das hast du hinter dir, jetzt kannst du auch 90 werden", lachte sie ihr spitzbübisches Kleines-Mädchen-Lachen.

Weihnachten ist doch immer unverhofftes Glück. Oder lang ersehntes Glück. Oder Klarheit. Ausgeruhtheit. Ein Tag in einer Schneelandschaft. Der Wunsch und Wille etwas Neues zu beginnen.

Weihnachten kommt aus einer Erinnerung. Glücklich, wer eine solche hat, noch glücklicher, wenn diese gut ist.


Freitag, 19. Oktober 2018

Was hält einen?

Die Datti geht in der großen Stadt demonstirieren.
Sie will eine andere Regierung, diese hat sie nicht gewählt, absolut nicht.
Sie will einen anderen Job, sie will mehr verdienen.
Dass dem nicht so ist, daran ist sie womöglich schuld, wenn man von einer solchen sprechen kann. Jahrelang hat sich die Datti um ihre Familie gekümmert und parallel dazu sind alle voll arg geworden.

Und ob sie es will oder nicht, sie braucht mehr Geld.

Das Kind ist jetzt auch in der großen Stadt, denn das Kind ist kein Trottel, nie gewesen. Das Kind mag "Tombini a livello". Kanaldeckel, die nicht schief verlegt worden sind. Das Kind will was lernen, das Kind hat Ideen und will sich nicht beklagen.

Das Kind sagt: Es ist schwierig, aber ich bin glücklich.

Die Vorstellung, dass das Kind bisher nicht glücklich war, zwingt mich in die Knie. Das Kind sagt, es hätte bis jetzt die Schule gehasst. Ich kenne das Kind seit 11 Jahren und immer ist es in die Schule gegangen und, Donnerwetter, immer hat es die Schule gehasst? Und ich habe es immer ignoriert?
Ignoriert, wie dass ich eigentlich mehr Geld verdienen muss? Wie dass sich der Rallyefahrer offenbar in seinem Leben langweilt? Ignoriert, dass sich mein großer Sohn in eine Situation extremer Existenzangst begeben musste, bevor wir alle ein Gefühl füreinander bekommen konnten?

Die Datti sollte demostrieren. Aber es ist komisch. Auf der Demo sind sehr viele junge Menschen. Was ja gut ist. Und dann sind auch einige, die aus der Datti-Generation stammen. Aus der goldenen Zeit. Als man begann, die Schulbücher gratis zu vergeben. Als es normal war, sozial zu sein. Als es eine Sozialpartnerschaft gab. Nicht hergeben.

Nach 22 Jahren in Italien wird das Sozialsystem im Staatsbürgerland der Datti zu einer persönlichen Frage.

Die Datti liebt das Land. Aus politischen Gründen, nicht aus landschaftlichen. Eine lange Zeit lang ist ihr das Land auf die Nerven gegangen, als alle sie belehren wollten. In Italien wollte sie niemand belehren. Aber in Italien haben sich alle geduckt, mit den Armen um ihre Lieben. Und es steht einem nichts zu, außer die eigene Familie.

Jetzt ist es so: Die politische Wahrhaftigkeit jedes der Länder ist kompromittiert, wenn man so ein altmodisches Wort benutzen darf.

Soll man dort bleiben, wo die Kanaldeckel gerade verlegt wurden? Wo es mehr gepflegte Geschichte gibt?

Ich hätte gerne eine Freundin, die jetzt mit mir in der Küche abtanzt zu sowas wie "Daddy cool". I'm crazy like a fool. Aber alle meine Freundinnen müssen die Deutschhausübungen ihrer Töchter verbessern, sich um ihre Sozialversicherungsbeiträge sorgen oder ihre alternden Mütter wenn nicht ihre Enkelinnen bespaßen.

Das hat uns niemand ermöglicht, Sozialpartnerschaft si oder no: Sorgenfrei in eine Zukunft zu schauen,  auch wenn das Gras grün ist. Schon oasch.

Dienstag, 9. Oktober 2018

Don't be old

In der großen Stadt begleite ich meine Mutter zur Friseurin. Man muss dazu nicht einmal die Straße überqueren und meine Mutter rast mit ihrem Rollator den Gehsteig entlang. Ich überlasse sie eine halbe Stunde der Obhut der sich enthusiastisch gebärdenden Frau Karin und fühle mich, als wären meine Kinder mit der Babysitterin unterwegs. Nur schreibe ich nicht schnell einen Roman, sondern kaufe im Supermarkt Fertiggerichte für meine Mutter ein. Ich bin dennoch glücklich.
Die Friseurin hat meiner Mutter einen Kurzhaarschnitt verpasst, mit dem sie sich jugendlich fühlt. "Vorher habe ich ja ausgesehen wie eine Hundertjährige!" sagt sie empört. Sie wird in diesem Jahr 88. Hundertjährige sind für meine Mutter wohl das, was für mich als Jugendliche Erwachsene waren.

Sie will noch nicht gleich nach Hause gehen und wir gehen eine Runde um den Block. Sie erzählt mir, wie ihre Füße schmerzen. Sie sagt: "Da gibt es so viele kleine Nerven und Sehnen, ich spüre sie alle." Sie hat diesen Satz schon so oft gesagt und sie sagt ihn jedesmal, als wäre es eine Erkenntnis dieses präzisen Moments. Ich nehme mir vor, nie wieder über meine eigenen Schmerzen zu sprechen. Obwohl ich in diesem Augenblick alle Sehnen und Nerven meiner Füße spüre. Und es gerne jemandem erzählen würde.

Zu Hause angekommen trage ich den Rollator die 6 Stufen hinauf, die meine Mutter von der Welt trennen. Sie zieht sich am Treppengeländer hoch. Ich möchte die Türe schließen, aber sie verbietet es mir. Sie möchte, so lange ich da bin, versuchen, alleine die Treppe hinunter zu gehen. Sie sagt, es gäbe eine Krankheit, die Schwellenangst hieße, und deshalb könne sie die Treppe nicht hinunter gehen. Sie hätte Angst, zu fallen. Ich sage, ihre Angst sei nicht pathologisch. Die Möglichkeit, dass meine 87- jährige Mutter, die an einer Hüfte operiert ist und an der anderen leider nicht, die Treppe hinunter fällt, ist durchaus wahrscheinlich. Aber sie scheint die Psychologie entdeckt zu haben.

Sie geht die Treppe hinunter, bis zum Postkasten. Ich sage ihr, wo sie sich festhalten soll. Sie steht vor dem Briefkasten, dem eigentlichen Zielort. Ihr Postfach ist das oberste. Sie wird es nicht erreichen. Sie wirkt wie ein kleines Mädchen, das in ein Vogelnest schauen möchte. Sie zieht sich wieder am Geländer hoch. Gleichzeitig kommt der Lift von oben. Die Nachbarin steigt aus. Sie ist über 90.

Sie kann alleine gehen und sie geht jeden Tag einkaufen. Meine Mutter und die Nachbarin freuen sich, einander zu sehen. Sie denken jeden Tag aneinander. Sie schauen, ob das Licht in der Wohnung der anderen eingeschaltet ist.

Die Nachbarin hat eine tolle Frisur, sie hat ihre weißen Haare bis zum Kinn glatt geschnitten, dadurch wirkt sie eleganter als meine Mutter mit ihrer Kurzhaarfrisur. Und: Sie hat noch echte Zähne. Nicht mehr viele und in keinem guten Zustand. Aber: There they are.

Die Damen kommen sofort ans Eingemachte. Früher waren die Winter kälter. Der Beitrag meiner Mutter lautet: Sie ist an einem Freitag, dem 19. Dezember geboren worden und am Sonntag wurde sie getauft. Bei der Fahrt zur Kirche kippte der Schlitten um und meine Mutter fiel in den Schnee. In der Kirche, während der Taufe schrie sie. Kein Wunder, schließlich hatte sie Schnee im Wickelpolster. Meine Mutter ist sichtlich ergriffen wegen dem armen Baby, von dem man ihr erzählt hatte.
Der Beitrag der Nachbarin lautet: Ihr Vater war gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Sie kann sich nicht mehr an ihren Vater erinnern, aber sie kann sich an sein Begräbnis erinnern. Sie erinnert sich, dass man sie auf den warmen Herd setzte. Es muss sehr kalt gewesen sein.

Die Geschichte meiner Mutter und jene der Nachbarin weisen neben der Käte im Winter erstaunliche Parallelen auf.  Meine Mutter war das letzte Kind von 12 Kindern. Ihr Vater war Witwer und hatte bereits ein Kind. Die Nachbarin war das letzte von 8 Kindern. Ihr Vater war Witwer und hatte bereits drei Kinder. Beide Väter waren 13 Jahre älter als die Mütter.

Aber die beiden Nachbarinnen bestehen nur auf dem einen Thema: Meine Mutter war aus dem Schlitten gefallen und die Nachbarin hat keine Erinnerungen an ihren Vater, außer jener, bei seinem Begräbnsi auf den Ofen gesetzt worden zu sein. Die Erzählung meiner Mutter ist wie ein Chor, der immer mehr anschwillt, eine Anklage an all die unfähigen Leute, die sie, 2-tägiges Baby, in den Schnee warfen UND sich anschließend ereiferten, dass sie bei der Taufe geweint hätte. Die Erzählung der Nachbarin ist ein stilles Wundern über die Tatsache, dass sie nichts von ihrem Vater erinnert, nur die Tatsache, auf einem Ofen gesessen zu sein.

Es muss sehr kalt gewesen sein.

Sie kommen ein drittes Mal darauf zurück. Meine Mutter lächelt jugendlich mit ihren dritten Zähnen. Aber sie ist stinksauer auf die Hebamme, die damals bereits 70-jährig, über meine Mutter gesagt hatte: Die lebt eh nicht lang. Zum Glück hat mir nie jemand Prophezeiungen berichtet. Die Nachbarin hät sich kichernd die Hand vor den Mund, sie weiß, dass ihre Zähne, die sie seit, naja, 86 Jahren hat, nicht schön anzusehen sind. Und sie spricht über den Ofen, auf den man sie am Tag des Begräbnisses ihres Vaters gesetzt hatte.

Ich finde die Nachbarin jugendlicher als meine Mutter. Sie geht alleine einkaufen, sie hat noch Zähne.

Meine Mutter beginnt eine lange Geschichte zu erzählen, deren Protagonist ihr Vater ist (ein Mannn, dessen Frau 13 Jahre jünger war, aber 18 Jahre vor ihm starb, was ich persönlich eine Frechheit finde),  ein Pfeifenraucher, dem man zu Weihnachten Tabak schickte, bis in sein 88. Lebensjahr, in dem er beschloss, keinen Tabak zu brauchen. Nein, er hörte nicht zu rauchen auf, er verstarb. Eh klar. Meine Mutter, im 88. Lebensjahr, möchte nun auch keine Weihnachtsgeschenke mehr. Aber meine Mutter raucht keine Pfeife.

Die Nachbarin scheint die Geschichte nur einerseits zu verstehen. "Er hat gespürt, dass er sterben wird", sagt sie mit ehrlicher Bewunderung. Sie versteht nicht, dass meine Mutter damit sagen wolte, dass auch sie, im 88. Lebensjahr, sterben wird. MUSS.

Meine Mutter ist beleidigt. Ich spüre es. Man muss sich verabschieden.
Die Nachbarin sagt: Ich hätte Sie nicht erkannt. Du schaust so jung aus. Wie alt bist Du?
Ich muss nachdenken. 54.
Ich bin mit ihrem Sohn in die Parallelklasse gegangen. Ihre Tochter war meine kleine Freundin. Ihr großer Sohn ist der beste Freund meines großen Bruders. Sie sagt: Du schaust jung aus. Das ist, weil es dir gut geht.

Meine kleine Freundin, die Tochter der Nachbarin, ist ein Jahr jünger als ich. Sie ist 53. Ich sage: Damals war sie jünger als ich. Aber heute sind wir alle gleich alt. Ja, sagt sie. Wir sind alle jung.

Sonntag, 11. Februar 2018

Die Generation der neuen Empfindsamkeit und ihre Eltern

Zumindest in Italien ist es ein Gwirx.

Vielleicht ist in meinem Herkunftsland alles gleich geblieben. Wir wollten alles, als wir jung waren. Alles, außer unsere Eltern in irgendwas zu involvieren.

Hier ist alles ein Mischmasch. Zu beobachten begonnen habe ich dies, anlässlich der großen Liebe des Fußballers zur Mutter seiner Freundin, eine tolle Person, mehr eine Freundin der Tochter, als eine Mutter.
Schon muss ich innerlich stöhnen. Eine Mutter als Freundin? Wie ungustiös. Alles, nur nicht das. Fotos von ihm, der Freundin und der Mutter werden gemacht und aufgehängt. Ich versuche, möglichst abwesend zu bleiben. Irgendwann ist es unvermeidlich. Das Verhältnis zwischen mir und der Mutter der Freundin meines Sohns bleibt kalt. Wie könnte es auch anders sein, schließlich bin ich, im Gegensatz zu ihr, seine Mutter und alles andere als seine Freundin.

Später wird er sich von der Freundin trennen, weil er mit der Mutter nicht zurecht kommt und der Freundin vorwirft, immer mit der Mutter zusammenzustecken.

Der nächste Fall ist mein großer Sohn, der nach einem extremen Auf und Ab, eine Zeit lang im selben Haus wie die Eltern seiner Freundin lebt. Große Konflikte, absolute Präsenz der Eltern. In seinen Erzählungen geht es jetzt mehr um die Eltern, als um sie.

Meine Eltern haben meine Freunde oft gar nicht gekannt. Der einzige Fall, in dem sie das taten, war mir eine Lehre. Mein Freund aß für sein Leben gerne Firn-Bonbons und noch Jahre nachdem wir uns getrennt hatten, standen die Firn-Bonbons in einer Schüssel bei meinen Eltern herum und sahen mich vorwurfsvoll wir meine Mutter an.

Der aktuelle Fall ist der des Kindes. Mein jüngster Sohn verkündet, er hätte jetzt eine Freundin. Eine wunderschöne junge Frau, die außer schön zu sein, offenbar zurückhaltend ist, was er erwähnenswert findet. Die Gelegenheit, zusammenzukommen, hat, so erzählt er, die Mutter des Mädchens gegeben. Sie nennt ihn auch "Schwiegersöhnchen".

So wie ihn die Freundin des Fußballers "mein Lieblings-Schwager" genannt hat.

Könnte ich Comix zeichnen, würde ich mich unter eine Bettdecke zeichnen, in der ich eine kleine Bombe nach der anderen anfertige. Ich habe nichts gegen die Freundinnen und Exfreundinnen meiner Söhne. A priori. Mir gehen ihre Mütter auf die Nerven.

Später wird alles auf der großen Bühne von Facebook dargestellt. Zuerst die Liebe, dann die Trennung. 5000 Freunde sind dabei. Die Mütter haben als Status ihres Whatsapp-Accounts Sprüche wie: "Ich bleibe immer an deiner Seite." Arme Töchter.

Meine Schwiegermutter (die immerhin nie versucht hat, irgendjemandes Freundin zu sein) sagt zu meinen Söhnen, dass sie noch viele Freundinnen haben werden. Aber meine Söhne wollen nur sie, die eine, die erste oder zweite, jedenfalls die große Liebe. Dann trennen sie sich und schreiben sich gefühlt 3 Nachrichten pro Minute.

Oder sie trennen sich für immer, das heißt, dass die Tochter der Mutter, die immer an ihrer Seite stehen wird, meinen Söhnen, den Brüdern des Trennungsfalls, schreibt, sie wird ihre Nummern löschen, denn sie wolle nicht mehr erinnert werden. Ist ja gut. Auch in meiner Jugend hat man Nummern ausgestrichen, Seiten aus Telefonbüchern gefetzt, ohne es irgendjemand anzukündigen. Die Vorstellung, ich stehe in einer Telefonzelle und sage zu den Geschwistern meines Exfreundes: "Ich streiche deine Nummer aus meinem Telefonbuch", erscheint mir sehr lustig.

Klar, auch vor 30 Jahren fand nicht jede Trennung ohne anschließende allgemeine Verhandlung statt. Aber die Mütter waren keine Freundinnen. Sie mischten sich ein, aber wir ließen es nicht zu. Sie dachten von einem 16-Jährigen nicht, es sei ihr kleiner oder großer Schwiegersohn.

Ich merke zusehends, dass ich etwas, was vergangen ist, positiver sehe, als die Gegenwart. Ich habe eine nostalgische Haltung, wie man sie den republikanischen Amerikanern gegenwärtig nachsagt. Ich beklage den Mangel an Privatheit, die mangelnde Robustheit in Gefühlsdingen in der Generation meiner Söhne. Die Abwesenheit eines ureigenen Lebensprojekts abseits einer bestimmten Person.

Ich glaube, dass die Freundinnen meiner Söhne, aktuell, ehemals und zukünftig, unter meiner Nonchalance leiden. Es ist ein ehrliches Desinteresse. Ich will es lieber nicht wissen. Wenn ich erfahre, welchen Blödsinn sie verzapfen - und davon ist mir einiger zu Ohren gekommen - möchte ich nicht sagen, wie dumm ich sie finde. Ich möchte nicht mit meinen Söhnen streiten müssen. Ich weiß, dass sie von mir nicht hören wollen, dass ich die Aussagen ihrer Freundinnen nicht tolerieren kann. Also will ich sie einfach nicht hören.

Die Beziehungen meiner Söhne sind, wie sie sich bis jetzt gezeigt haben, keine aufregenden, inspirierenden Begegnungen, die mit Kraft für die Zukunft aufladen, sondern mit Eifersucht und Besitzgedanken erfüllte, fieberhafte Zustände, die sich in tage- und nächtelangem Schreiben von Nachrichten entladen.
Vielleicht darf es nicht verwundern, dass meine Söhne dankbare Gefühle für die häkelnden und Lasagne-kochenden Mütter der Freundinnen hegen, welche stets um eine Schlichtung in jedem Konflikt bemüht sind.

Was ich neuerdings auch verstehe, ist, warum die Leute an Gott glauben. Es erlaubt ihnen, zu beten. Ich möchte das auch, ich möchte stundenlang beten. So intensiv, wie meine Söhne Nachrichten schreiben. Ich möchte den lieben Gott darum bitten, ihnen ein Buch zu geben. Nein, die Bücher habe ich ihnen ohnehin schon gegeben. Ich möchte den lieben Gott bitten, dass sie die Bücher lesen. Dann würden sie erkennen, dass sie nicht alleine sind. Dass viele Männer und Frauen vor ihnen gelebt haben. Dass sie aufgeschrieben haben, wie sie ihre Probleme überlebt und mitunter sogar gemeistert haben. Dass man beim Lesen eines Buchs als geringst mögliche positive Auswirkung einfach von seinem quälenden Nichtwissen abgelenkt wird.

Ich möchte vor meinem Bett knien und die Hände falten und bitten: "Lieber Gott, gib meinen Kindern Verstand und schicke ihnen, wenn es leicht geht, bitte, eine Freundin, die ihnen Mut und Selbstvertrauen gibt, die ihnen Freiheit läßt und die keine Freundin zur Mutter hat, oder zumindest eine erwachsene Frau als Mutter, die sich um ihr eigenes Leben kümmert und sich nicht in das ihrer Tochter einmischt." Oder weniger fordernd, etwas zu leisten, was mir als Mutter offenbar nicht gelungen ist: "Schick ihnen eine Freundin, die mutig ist, Selbstvertrauen hat und die nicht meint, dass man einen anderen Menschen besitzen muss, um glücklich zu sein. Mach bitte außerdem, dass auf Facebook nicht mehr öffentliche Liebeserklärungen geteilt werden, die später zurückgenommen werden müssen, sondern spannende Fortsetzungsromane, möglichst in der wilden und unberührten Natur, danke."





Dienstag, 19. Dezember 2017

Ti regalo una rosa

Mein Titel hier ist der Titel eines Liedes von Simone Cristicchi, das 2007 beim italienischen Liederfestival in San Remo gewonnen hat. Es erzählt von einem Brief, den ein alter Mann, der 54 Jahre in einem Irrenhaus lebte, an seine Geliebte geschrieben hat. Schreiben würde, geschrieben hätte, ich weiß es nicht. Eigentlich heißt es: Ti regelerò una rosa. Ich werde dir eine Rose schenken. Ich muss seit gestern dauernd an das Lied denken, es schwirrt durch meinen Kopf.

In der nun folgenden kleinen Geschichte geht es um einen Jungen, der meinem Sohn eine Rose schenkt. Mein Sohn ist der einzige Beweis für mich, dass sich die Gesellschaft in den letzten 35 Jahren weiter entwickelt hat, denn mein Sohn wusste mit 15 Jahren, wen er begehrte und was er machen wollte. Hätte ich das in seinem Alter gewusst, dann hätte ich es garantiert nicht meiner Mutter erzählt. Aber mein wunderbares Kind, Ex-Tänzer, Ex-Harfespieler, Ex-Reluctant-Fußballer ist zu einem langbeinigen Herzensbrecher mit perfekt reguliertem Gebiss (dessen Geschichte hier in zahlreichen Einträgen, die nach endlosen Fahrten in die Zahnklinik entstanden sind, nachzulesen ist) und Bartanflug geworden.

Am Sonntag fragt er mich, was ich antworten würde, wenn mir jemand ein Geschenk machen wolle und ich wolle das nicht und der andere würde wissen wollen, warum nicht. Perchè? Ich schaue lange aus dem Fenster. Ich antworte: Du könntest sagen, es bedarf keiner Geschenke.
Er gibt einen Laut zurück, der mir signalsiert, dass ich nicht den Punkt getroffen habe.
Ich versuche es noch einmal: Du könntest sagen, es gibt keinen Grund, es gibt kein Perchè, du möchtest es einfach nicht.
Komischerweise wird das akzeptiert.

Ich denke nicht weiter über diese Episode nach, ich habe mich in den letzten 2 Jahren so ausgiebig mit Ringen und Geburtstagen und stundenlangen monotonen nächtlichen Telefonaten aufhalten müssen, dass ich über jede Beziehungskrise meiner Söhne, über die ich nicht informiert werde, dankbar bin.

Aber dann steigt das Kind gestern mit einer Rose aus dem Autobus, er hält sie in der Hand und schaut unangenehm berührt. Aber er hat sie nicht weggeworfen.
Ein Junge aus seiner Schule ist zu ihm in die Klasse gekommen und hat ihm, vor allen anderen, diese riesige rote Rose geschenkt. Aber mein Sohn empfindet nichts für ihn.
Der Junge hat meinen Sohn gefragt, ob er ihn umarmen wolle. Mein Sohn antwortete, dass er ihn nur wie einen Freund umarmen könne. Daraufhin hat der Junge gesagt, dann wolle er keine Umarmung und er hatte Tränen in den Augen. Ein paar Mädels aus der Klasse haben ihn dann umarmt. Zum Trost.

Ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, was das für öffentliche Umarmungen zwischen zwei Jungs sein sollen, die über die Freundschaft hinausgehen, rührt mich die Vorstellung, dass ein Junge, der vielleicht auch 15 oder 16 ist, einem anderen eine Rose gibt. Er muss entweder verrückt sein, oder mutig. Vielleicht hat das eine mit dem anderen zu tun.

Ich sage: Ist aber mutig von ihm, oder ist er dumm?
Nein, er ist nicht dumm, antwortet mein zerknirschter Sohn. "Was soll ich tun, wenn ich nichts spüre, wenn ich an ihn denke?"
Der Junge hat ihn am Vortag gefragt, welche CD von Taylor Swift mein Sohn nicht besitzt, um ihm diese zu kaufen. Vor meinem inneren Auge eilt ein Junge in einen Multimediastore, wie ich annehme dass die Läden heute heißen, die zu meiner Zeit Plattengeschäfte waren. Dort gibt er sein Taschengeld für eine CD von Taylor Swift aus, um meinem Sohn eine Freude zu bereiten. Warum bewegt mich dieses Vorhaben so?

Als ich noch ein Vorschulkind war, sang mir meine Mutter manchmal ein Lied vor, in dem ein junger Mann seiner Geliebten ein Edelweiß pflücken wollte, auf einen Berg stieg, abstürzte und tot war. Ich war dabei sehr ergriffen und schluchzte in die Kleiderschürze meiner Mutter. Manchmal bat ich sie sogar, mir das Lied vorzusingen, weil ich Rotz und Wasser heulen wollte.

Ich habe aber noch nie über jemand anders weinen müssen, der bei einem Bergunfall ums Leben gekommen war. Es geht um die Liebe, die uns dazu bringt, unfassbare Dinge zu tun, auf Berge zu steigen, in Plattengeschäfte zu gehen, Playlists zu gestalten, Briefe zu schreiben, Rosen zu kaufen. Sich auszuliefern, Geständnisse zu machen, sich öffentlich zu blamieren. Die Liebe macht uns mutig, anders kann es nicht sein.

P.S.: Ich habe mir überlegt, ob diese Episode aus dem Leben meines Sohns zu privat ist, um so zugänglich gemacht zu werden, aber erstens hat mich das sowieso noch nie gekümmert, weil das Private ja eh politisch ist, zumindest war das einmal so, und zweitens kennt eh niemanden die Beteiligten, und wer meinen Sohn kennt, dem hätte ich die Geschichte auch persönlich erzählt.


Montag, 18. Dezember 2017

Dal Parrucchiere

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, mein nächster Blogeintrag trüge den Titel "Schluss mit der Italophilie" und würde ganz und gar unwitzig darlegen, warum die Italiener nicht ein Volk sind, das zu leben versteht, sondern vielmehr ein Haufen von Baby-Greisen, die sich nach dem Mittagessen niederlegen müssen, nicht einzelne Persönlichkeiten mit Hang zum Drama, sondern viele Menschen, die an einem befreundeten Partner schreiend ausprobieren, was sie sich dem richtigen Gegner nicht zu sagen trauen, nicht Feinschmecker, sondern übergewichtige Menschen, die ihr Auto immer in dritter Spur vor dem Alimentari parken, weil sie sonst ein paar Schritte zu Fuß gehen müssten usw. Man sieht, keine gute Laune in Bezug auf mein Gastland. Doch es kam nicht zu diesem Pamphlet, denn zuvor bin ich zum Friseur gegangen und dadurch ist mein Blick angenehmer Weise ein wenig unscharf geworden und ich habe noch dazu eine super Frisur.

Ja, ich habe den Mann gefunden, der mich versteht. Zuvor war ich noch ein wenig grantig, da bei den drei Bankomaten beim Banco di Napoli die Leute so lange gebraucht haben, weil sie sich gegenseitig erzählen mussten, wie lange sie letztes Mal vor dem Schalter warten mussten  (45 Minuten!) und dass der Schwager des Mannes, der vor mir Geld behoben hatte und dem ich noch seine vergessene Quittung reichen musste, an einem Herzinfarkt gestorben war, obwohl er doch Bankbeamter war, was also ja wirklich ein Witz sei.

Ich war in die Stadt gefahren mit etwa 50 alten Schulbüchern, also alt, aus den letzten Jahren halt, die ich gedachte zu verkaufen. Die Frau in dem Buchgeschäft schaute mit mitleidig (abfällig?) an und kaufte mir ein Buch für 6 € ab, alle anderen waren nicht mehr in Gebrauch. Ich sagte zu der Frau "Im Business der Schulbücher müsste man arbeiten" und schämte mich dann für meine Geschmacklosigkeit. Ich beschloss allerdings, aus der Not eine Tugend zu machen und die viele Zeit, die ich durch die extrem rasche Abhandlung des Schulbuchverkaufs gewonnen hatte, zu nutzen und zur mutigsten Tat der letzten 10 Jahre zu schreiten. Ich würde zum Friseur gehen und sagen, dass ich meine Haare assymetrisch schneiden lassen wollte.

Ich hatte schon einen Coiffeur ausgesucht, was sehr schwierig ist, denn in der Stadt gibt es definitiv mehr Friseure als Lebensmittelgeschäfte. Sogar mehr als Läden für Telefonie.

Man muss wissen, dass ich eigentlich einen sehr unkomlizierten Umgang mit meinen Haaren hatte, bis vor etwas mehr als 10 Jahren eine Friseurin in einem Ort an der Küste mir zu einem Trauma verhalf. Fröhlich vor sich hinquatschend und mit anderen Kundinnen über andere Kundinnen redend schnitt sie mir die Haare zu kurz. Ich sagte: "Das ist zu kurz." Ich hätte auch sagen können: "Der Krieg ist verloren." Und sie sagte: "Aber was, das ist gut so." Ich fand es nicht gut und trug eine Woche lang ununterbrochen eine Wollmütze. Ja, auch in der Nacht. Nein, nicht einmal mein Mann wusste, wie es auf meinem Kopf aussah und wie es in meinem Kopf aussah sowieso nicht.

Später, als die Haare wieder gewachsen waren, habe ich Friseurinnen nur mehr erlaubt, alle Haare unten gerade abzuschneiden. Dieser Zustand dauerte eben um die 10 Jahre und hat mir Beleidigungen von wohlmeinenden Kolleginnen an der Universität von Kalabrien eingebracht, die mich fragten, ob ich nicht mal zum Friseur gehen wolle, denn ich sähe aus wie eine traurige Madonna und ob ich nicht auch an meinen Mann denken müsste. Nein, fand ich nicht, aber wenn ich es genau betrachte, hat sich mein Mann vielleicht genau für diese meine Ingnoranz gerächt, indem er auch nicht mehr zum Friseur gegangen ist und sein mittlerweile wallendes Haar zu einem Zopf zusammenfasst.

Auf jeden Fall war es soweit, ich war bereit, mich wieder auszuliefern. Ich hatte bei diesem Friseur schon vor zwei Wochen gefragt, wieviel ein Haarschnitt kosten würde. 28 €. Das war mir das Risiko wert. Die junge Frau, der Lehrling vermutlich, bat mich 15 Minuten zu warten, eine Frau mit reichlich Alufolie auf dem Kopf musste noch fertig betreut werden. Ich nahm Platz und kurz darauf stellte ein Mann, von dem ich nicht wusste, in welchem Verhältnis er zu dem Laden stand, die Frage, wer einen Kaffee wolle. Das war die einzige richtige passende und alles ins richtige Licht rückende Frage. Die Lehrlingsfrau, der Friseur, der 2. Friseur, die Frau mit dem Alu auf dem Kopf und eine andere Kundin äußerten ihre Wünsche. Nahm der Mann mich wahr? "Und Sie, Signora?" "Ja, gern!" schrie ich. Schrie ich? "Macchiato?" "Ja, gut." Ich trinke keinen Kaffee mit Milch, aber normalerweise esse ich etwas zum Kaffee, das konnte ich hier nicht verlangen. Kaffee mit geschäumter Milch war ok. Und dann kam ich auch schon dran. Ich durfte mich in einen Friseurstuhl setzen und der Friseur, der hinter der Frau mit der Alufolie stand und etwas unter die Folie schmierte, sagte: "Signora, haben Sie schon etwas gesehen?" Gesehen? "Ja", sagte ich. "Aber nur in meinem Gehirn." Oje, falsche Aussage. Der Friseur wusste nicht, ob er lachen sollte oder die Carabinieri anrufen. "Ich will eine Seite kurz und eine lang." Ok, er hielt mich für verrückt. Eh klar. Aber, ich schwitzte nicht, ich war nicht hochrot im Gesicht, alles sprach dafür, dass ich dieses Erlebnis mit der nötigen, 10 Jahre lang trainierten Resilienz hinter mich bringen würde. Ich dachte, ich könnte, wenn alles schief ginge, danach auch zur Parrucchiera Giovanna gehen, die sogar einmal eine kleine Abweichung in meine nur gerade abzuschneidenden Haare bringen durfte, die aber nicht als erste Wahl galt, weil auch sie dauernd mit Kundinnen über TV-Sendungen redete.
Alles war noch gut, außer dass der Kaffee nicht kam. Wieso das denn? Der Mann war doch in die nächste Bar gegangen und wieder zurückgekommen. Es stellte sich heraus, dass er der Mann der Frau mit der Alufolie auf dem Kopf war. Das Ehepaar schaute auf seine jeweiligen Smartphones. "Ich finde kein Spiel mit 4K." sagte der Mann. "Giovanni, vergiss nicht, dass wir am Montag eine Präsentation haben." Die Frau wurde mir sympathisch, obwohl sie sich kurz vorher ins Out geschossen hatte, weil sie mit der Lehrlingsfrau über der Gesundheitszustand einer Präsentatorin einer Fernsehsendung unterhalten hatte. Aber nein, sie sah nicht nur fern, sie präsentierte selbst etwas, wenn ich auch nicht herausgefunden habe, was.

Die Lehrlingsfrau hängte mir ein schwarzes Tuch um die Schultern. Sie fragte mich, ob es zu eng um den Hals sei und ich fand sie nett. Der Friseur schaute mich streng über den Spiegel an und fuhr mir mit dem Kamm durchs Haar. Ich hatte die Haare nicht gewaschen. Er begann, zu schneiden. Die Seite, die ich kurz wollte. Ob man hier nicht das Haar gewaschen bekam? War das nicht Teil des potentiellen Vergnügens? Und der schnitt einfach so drauf los? Ich hatte ihm erklärt, welche Seite kurz sein sollte und welche lang. Ich fühlte mich nicht elend. Ich war noch immer nicht rot im Gesicht. Ich sah den Friseur bei seiner Arbeit, er war aufmerksam. Keine Erwähnung von Fernsehsendungen, keine anderen Kundinnen. Der Ober aus der Bar von nebenan kam und er hatte ein Tablett mit einigen Kaffeetassen, die mit Alufolie bedeckt waren, wie der Kopf der Frau im Nebenstuhl. "Trinken Sie ruhig Ihren Kaffee, Signora." Wir tranken alle Kaffee, die Frau mit der Alu-Verzierung auf dem Kopf hatte auch ein Croissant bekommen. Sie bot der Lehrlingsfrau ein Stück davon an. "Nein, danke", sagte die. "Wirklich nicht, aber es ist so, als hätte ich es angenommen." "Und Sie, Signora? Möchten Sie ein Stück?" "Nein, danke," beeilte ich mich zu sagen. In Wirklichkeit hätte ich sagen müssen: Danke. Danke. Danke. Sie haben mich mit meinem Leben versöhnt. Ich weiß schon die längste Zeit nicht mehr, was ich in Kalabrien mache und was mir da je gefallen hat. Aber es ist das: Man bekommt beim Friseur von einem Kunden einen Kaffee angeboten, ein Kellner kommt und bringt richtig guten heißen Kaffee und Sie bieten mir ein Stück von Ihrem Kipferl an, als wären wir im selben Boot und aufeinander angewiesen. Das gibt es sonst nirgendwo.

Ab dann ging alles nur noch gut. Der Friseur schnitt und schwieg. Er redete nur einmal über Lasagne. Das war ok. Er wollte nichts von mir wissen. Ich musste nicht einmal über das Wetter reden. Nach dem Schneiden wusch mit die Lehrlingsfrau die Haare. Sie sang dabei.
Danach fragte mich der Friseur, ob ich die Haare glatt geföhnt haben wollte. Nein, sagte ich, denn so seien sie ohnehin nur einmal. Der Friseur ließ mich nicht wirklich spüren, dass er mich für verrückt hielt. Er föhnte mir die Haare lockig. Er fuhr mit seinen kräftigen Händen durch mein Haar und ich hätte fast zu schnurren begonnen. Ich wollte eigentlich sagen: "Strengen Sie sich nicht so an, ich muss nicht so engelhaft aussehen." Zum Schluss fragte er mich, ob ich eine Locke akzentuiert haben wolle. Er zeigte mir den Lockenstab, um seine Frage plastisch zu gestalten, aber weder der Lockenstab noch das Wort "akzentuiert" lösten ein Bild in mir aus und ich lachte nur. Er lachte auch. Ich hatte plötzlich einen assymetrischen Lockenkopf. Ich fühlte mich wie der absolute Winner. He Leute, ich habe einen Friseur gefunden, der mich versteht! Der Friseur, der übrigens eine Warze mitten auf der Nase hatte und einen kleinen Bauch, der ausschaute, wie ein verschluckter Santos-Fußball, war mindestens so guter Laune wie ich.

Es gab nur noch eine Hürde zu überwinden: Konnte dieses mich in vielerlei Hinsicht vollkommen zufriedenstellende Event wirklich nur 28 € kosten? Musste ich meine neue Freundschaft durch Insistieren auf dem mir genannten Preis zerstören? Nein, musste ich nicht. 28 €. Ich lief noch einmal mit meinen wippenden Locken durch den Laden und bedankte mich bei der Frau mit der Alufolie. Ich war sehr froh, keine andere Haarfarbe als meine eigene zu wollen, denn die Prozedur der Dame war viel aufwendiger als mein kleiner Wirbelwindschnitt.

Ich versuchte sogar, Selfies von mir zu machen, und selbst dabei fand mich niemand komisch. Ich holte das Kind von der Schule ab und er sagte: "Was für seltsames Haar!"
Nicht einmal diese Aussage erschütterte mein neues Glück aufgrund meinr Versöhnung mit der Welt der Frisiersalons und meines zeitweiligen Waffenstillstands mit Kalabrien und seinen 2 Millionen Einwohnern.

Samstag, 18. November 2017

Humor bitte!

Ich habe auf vielen Seiten das Leben mit meinen Kindern beschrieben und habe dabei versucht, ehrlich zu sein. Mein Freund der Schriftsteller, der diese Seiten gelesen hat, war enttäuscht. Erstens ginge es allen Eltern so. Das hat mich überrascht. Wieso wusste ich das nicht? Zweitens könne man das, was ich da beschreibe, nämlich wie sich die aufführen, ja auch anders sehen, mit Humor zum Beispiel, dann wolle es jemand anders vielleicht auch lesen.

Heute Morgen habe ich im Radio gehört, dass die türkische Autorin Elif Shafak den vom Österreichischen Buchhandel gestifteten Preis für Toleranz in Denken und Handeln erhalten hat. Mit ihren Büchern hat sie sich in der Türkei alles andere als beliebt gemacht. Ihre Fotos wurden verbrannt und ihren Romanfiguren der Prozess gemacht. Das könne man ja schon wieder lustig finden, meinte der Gestalter des Beitrags. Doch  Frau Shafak, und nicht nur ihr, mangelt es am entsprechenden Humor. Wenn ein Land seine Demokratie verliere, verliere es auch seinen Humor, stellt sie im Interview fest.

Ich bleibe mit den Tellern, die ich gerade aus dem Geschirrspüler genommen habe, stehen. Ich glaube das auch. Auch wenn ich weiß, dass in Albanien, bevor das Land zu einer Demokratie wurde, viele Witze erzählt wurden. Vielleicht, weil man nach vorne schaute, und nicht zurück.

Eines Tages werden wir über all das lachen. Wirklich?

Was hat aber nun der folgenschwere Verlust der Demokratie in einem Land wie der Türkei mit dem Verlust meines Humors im Alltag zu tun?

Ich kann nicht mehr lachen, weil ich, um meine Kinder auf Schulen zu schicken, sehr viel arbeiten muss. Meine Kinder bekommen in Italien, seit sie 18 sind, keine Unterstützung vom Staat. Davor haben wir 70 € im Monat für sie bekommen, etwa die Summe, die ich für einen Sohn pro Monat für den Autobus zahle. Für jenen Sohn, der in der Provinzhauptstadt in die Schule geht, gebe ich über 100 € im Monat für Transportkosten aus. Seit 10 Jahren kaufe ich jeden Herbst um mehrere hundert € Schulbücher. Ich spreche von Pflichtschulen, nicht von Universität.
Na und? Italien ist schließlich eine Demokratie, mach dich nicht wichtig, Dattilografa.
Nein, Italien ist nur auf dem Papier demokratisch, denn ein demokratisches Land müsste aktiv für die Bildung ihrer Bewohner sorgen und diese nicht durch Gesetze vorschreiben, durch Taten aber verhindern. In einem demokratischen Land müssten die erwachsenen Menschen und vor allem die Lehrer, den jungen Menschen das Gefühl geben, dass ihre Anstrengungen etwas wert sind, dass Bildung ihnen die Welt öffnet. Dass ihnen die Welt prinzipiell offen ist und dass sie diese und natürlich ihr eigenes Leben kraft ihres Geistes gestalten könnten.
Meine Kinder sind jedoch mit wenig Instrumentarien zur Autonomie ausgerüstet worden und ich will mir nicht mehr die Schuld dafür geben. Vielleicht bin ich aber schuld daran, weil mir das Lachen vergangen ist.

Meine Kinder wollen weg, weil sie wissen, dass in Süditalien die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist. Aber sie ziehen keine Konsequenzen aus diesem Wissen. Sie setzen keine Schritte, wie beispielsweise Fremdsprachen lernen, seinen Führerschein als wertvolles Gut erhalten und ihn sich nicht bei Drogenkontrollen wegnehmen lassen.

In einem Land ohne Demokratie gibt es kein freies Denken mehr.

Natürlich kann ich nicht behaupten, ich würde von der Polizei abgeführt werden, wenn ich mich vor das Rathaus unseres Ortes stelle und schreie: "Ihr Arschlöcher habt mir den Humor geraubt und außerdem werde ich euch verklagen, weil ich hunderte von Euro für die Mülltrennung zahle, die überhaupt nicht stattfindet, ihr STRONZI!" Beim letzten Teil des Satzes wird meine Stimme überkippen und ich werde mich schämen, dass ich so grausliche Worte verwende und vielleicht wird ein Wachmann kommen und sagen: "Signora, beruhigen sie sich, machen sie sich keine Sorgen." Nein, er wird mich nicht schlagen. Vielleicht gehen wir sogar einen Kaffee trinken, denn solange ein Kaffee 80 Cent kostet, kann man noch großzügig sein und Einladungen aussprechen. Es wird ihm sehr leid tun, dass ich für alles so viel zahlen muss, weil mein Mann ein staatliches Einommen hat und wir keine eigene Steuererklärung abgeben können und nicht so arm und unterstützenswert sind, wie viele Anwälte und Ärzte, deren Mercedes auf Großtanten angemeldet sind.
Nein, das ist nicht erfunden, und es ist nicht lustig.

Der Verlust der Demokratie bedeutet den Verlust des Humors und der Verlust der Demokratie beginnt mit dem Glauben, nichts verändern zu können. Dieser Glaube herrscht in Süditalien seit über 100 Jahren und hat das Entstehen einer Parallelmacht ermöglicht. Das Wahlverhalten wird durch persönliche Bekanntschaften, Versprechungen und Einschüchterung beeinflusst.

Ich freue mich, dass es noch Preise gibt, in denen Toleranz im Denken und Handeln gewürdigt werden, ich freue mich, dass ich in der Früh Radio hören kann und ich bin dankbar über meinen Geschirrspüler. Ich werde die Teller in den Schrank stellen und mich den Rest des Tages mit Strategien zur Rückeroberung des Humors beschäftigen. Ich weiß jetzt, dass diese mit dem Bestehen auf demokratischen Strukturen zu tun haben müssen.


Sonntag, 10. September 2017

Nonno Saverio

Meer rauscht. Zikaden reiben ihre Beine. Sommer verschissen. So müde, aber keine Chance auf eine Einlieferung ins Spital und das weiße Nachthemd.

MM steht im Keller. Ich klettere die Treppe hinunter. Er presst die Weintrauben aus. Er sagt: Du kommst mit einem Glas in der Hand, das freut mich. Ich sage, ja, das ist, was man in einem Keller macht.
Gestern hat er die Weintrauben abgeschnitten und ich habe sie mit dem ehemaligen Kind durch eine Weinpresse gejagt. Ich habe sie zerquetscht, aber erst heute wurden sie in dieser pittoresken Weinpresse gepresst.  Es werden über 150 l sein, was mich frohlocken lässt. Es ist ein wunderbarer tiefroter Saft.
Als ich mit dem Weinglas dastehe, weil dieser Keller der einzige Ort ist, an dem wir reden können, weil überall Jugendliche sind, die uns belauschen, über die genau wir aber reden wollen, sagt MM, er müsse an seinen Großvater denken, einen eleganten Mann im Schnürlsamtanzug, der mit zwei Weingläsern vor seinem Keller gesessen sei und alle zum Trinken eingeladen hätte. Sogar der Bus der Linie hätte gehalten und ein Glas mit ihm getrunken. Ich nehme an, nicht der Bus, sondern der Fahrer. Und dennoch hätte er seinen Goßvater nie betrunken gesehen.
Das sind romantische Geschichten von früher.
Ich mag das. Aber gleichzeitig sagt mir Großvater Saverio nichts darüber, was ich jetzt machen soll. Wo die Freundin meines Sohnes von zu Hause weggelaufen ist und im Zimmer des ehemaligen Kindes mit meinem Sohn nächtigt, während das ehemalige Kind im Fernsehzimmer auf einem Sofa schläft.

Das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieses Mädchen von zu Hause weggelaufen ist und die Eltern sich keine Sorgen machen. MM sagt: sag ihnen, dass sie gut angekommen ist. Aber das sage ich nicht. Denn heute morgen, als ich mit der Mutter mit dem hohen Blutdruck telefoniere, und ihr sage: Bleib ruhig, nichts ist passiert, niemand ist verletzt und niemand hat Entscheidungen getroffen, die nicht mehr rückgängig sind, sagt sie: Doch, mein Mann und ich sind verletzt, uns geht es schlechter als schlecht.

Nein, sie machen sich keine Sorgen um ihre Tochter. Ihre Tochter schläft in den Armen meines Sohnes und das ist ihnen ganz egal. Sie haben, wie sie mir sagen, einen Studienabschluss für ihre Tochter vorgesehen. Sie sagen mir mehrmals, dass sie absolut nichts gegen meinen Sohn haben. Sie sagen das so oft, dass ich sagen muss, das wäre mir auch im Traum nicht eingefallen.

Ich bin auch sehr oft verletzt. Manchmal bin ich unverzeihlich getroffen und es kommt vor, dass ich unversöhnlich bin. Wenn es um Erwachsene geht, ziehe ich Konsequenzen. Wenn es um Jugendliche geht, ziehe ich Konsequenzen, die ich revidiere.

Wenn ich meine, es ist nichts passiert, dann meine ich, niemand ist an einem Drogentod gestorben, niemand hat sich vor einen Zug gestürzt. Es gibt keine Schwangerschaft.

Die Mutter der Freundin meines Sohns fragt mich, ob man sich, für alles, was man getan hat, nicht doch ein bisschen Anerkennung erwarten könne. Ich bin verzagt mit meiner Antwort, ich glaube, ich will ihr nicht die Antwort geben, die ich weiß. Ich sage, vielleicht später einmal.

Ich denke, dass Nonno Saverio das ähnlich gesehen hat. Und ich hoffe, er hätte mir das zweite Glas angeboten, auch wenn ich daran zweifel, denn in Süditalien ist Weintrinken eine Sache für Männer und Familie eine Sache für Frauen.

Samstag, 9. September 2017

High Pressure

Die Mutter der Freundin meines Sohnes hat jetzt, nach den diversen Auseinandersetzungen, die wir einen halben Tag lang telefonisch diskutieren mussten, einen so hohen Blutdruck, dass selbst ihr Mann sagt: "Ich habe jetzt wichtigeres im Kopf, als an die Kaprizen meiner Tochter zu denken."

Nun stelle ich mir vor, wie angenehm, es sein muss, mit einem weißen Nachthemd in einem Emergency Room gerollt zu werden, mit einem so hohen Blutdruck, dass alle sagen, wurscht, was sonst passiert, das ist jetzt das Wichtigste.

Ich würde mich dann im Nachthemd zusammenrollen und denken: Leute, lasst mich schlafen.

Meine Mutter macht das regelmäßig: Sie ruft die Rettung, weil sie einen zu hohen Blutdruck hat. Dann kommt sie ins Spital. Dann bekommt sie Tabletten.  Ich verstehe nicht, dass es nicht gelingt, meiner Mutter die richtigen Tabletten zu geben, damit sie nicht mehr die Rettung rufen muss.

Ich verstehe das alles überhaupt nicht.

Dabei ist es noch nicht so lange her, dass ich aufgewacht bin, mit einem solchen Ärger über einen meiner Söhne, und mein Herz so heftig klopfte, dass ich dachte, jetzt und jetzt springt es mir aus der Brust. Vielleicht hatte ich da auch hohen Blutdruck.

Tage später habe ich den leuchtenden Kreis im Auge gesehen, aber der Blutdruck war normal. Vielleicht ist der leuchtende Kreis ja doch der Ruf einer außerirdischen Organisation, doch ich habe keine Zeit, diesem Ruf zu folgen.

Der Gedanke, Wichtigeres im Kopf als die Kaprizen seiner Kinder zu haben, erfüllt mich mit außergewöhnlichem Wohlbefinden. Leider ist der Gedanke im Vater der Freundin meines Sohns erst spät aufgetaucht, eben als seine Frau den hohen Blutdruck bekam.

Die Vorstellung, in einem weißen Nachthemd in einem Spital zu liegen, wo es allen anderen schlechter geht, was im Fall meiner Mutter meistens so ist, und jemanden an der Seite zu haben, der jetzt an mich denkt und nicht an die Kaprizen seiner Tochter hat für mich eine beruhigende Wirkung. Schlafen, beschützt schlafen.

Ich hetze meinen Sohn auf: Hör mal, die Mutter deiner Freundin kommt wegen hohen Blutdrucks ins Krankenhaus. Ihr müsst da sein. Dafür sind Kinder da.

Schlafen, in einem weißen Nachthemd, mit einem hohen Blutdruck, an Wichtigeres denken.
Das muss mit Katharsis gemeint sein.
Wir niederes Volk in Bezug auf den Blutdruck heben die Hände schützend über den Kopf. Alles prasselt auf uns ein, ohne dass wir abwinken können.


Samstag, 2. September 2017

Laster, Nr. 1 - Eifersucht

Ein langer Sommer mit vielen, nicht immer positiven Erfahrungen neigt sich dem Ende zu. Die Söhne kommen nach Hause. Über die Freundinnen wird berichtet.

Giovanna, naja. Die sowieso. Das wissen wir schon lange, dass in ihrem molligen Körper eine von Eifersucht getriebene arme Seele steckt. Aber auch die Freundin des anderen Sohnes meint, alles zu dürfen, während der gepeinigte Sohn (zumindest seiner Meinung nach) nichts darf.

Ist das der Stolz der italienischen Frauen, den Ulla Meinecke in den 1980er Jahren aus unerfindlichen Gründen besang?

In den 1970er Jahren habe ich als 13-jährige das erste Mal bewusst Eifersucht erlebt. Ich war auf einem Ferienlager, so nannte man damals Sommercamps ohne bösen Hintergedanken. Er war 13, ich war 14, sie war 15. Er war mit mir zusammen, er hatte SEX mit mir, was sich so manifestierte, dass wir miteinander auf dem Bett lagen und unsere nackten Füße sich berührten.
Und dann waren wir alle einkaufen, ich kam aus einem Laden, er wartete auf einem Mäuerchen auf den Autobus und sie saß neben ihm. Meine Söhne stellen ihre Freundinnen so dar, als würde diese Tatsache sie bereits zum Verlust jeder Kontrolle bringen. Nicht bei mir! Das kam mir nicht abartig vor. Aber als ich mich setzte, fragte ich mich, ob sein Knie da eigentlich ihr Knie berührte. Ich neigte den Kopf: Sein Knie lehnte an ihrem. Er hatte eine kurze Hose an, sie einen Rock. Kein Irrtum möglich. Fotogramm geht in Flammen auf. Herz hämmert. Dummdumm. Schweiß auf der Stirn. Kloß im Hals. Was sagen? Ich meine: soll man was sagen? Und wenn, was? Es ist die Scham über sich selbst. Ich gehe in einen Laden und der Junge, dessen Füße sich mit meinen auf erotische Art treffen, legt sein Knie an das Knie eines Mädchens, noch dazu eines so alten! Er betrügt mich mit seinem Knie. Ich bin seiner Füße nicht würdig.

Es ist die Scham über sich selbst. Ich bin es nicht wert. Ich bin so dumm, dass die beiden Knieaneinanderleger nicht einmal finden, sie müssen diese öffentlich ausgelebte Obszönität vor mir verstecken.

Ich weiß nicht mehr, wie ich in Folge auf dieses erstmals erlebte Gefühl reagiert habe. Habe ich ihn verlassen? Habe ich sie verprügelt? Habe ich ihn zur Rede gestellt? Nichts von dem ist mir in Erinnerung. Was wäre möglich gewesen?

Ich: He, du hast dein Knie an ihres gelegt.
Er: a) Stimmt gar nicht, das bildest du dir ein.
Ich: a) Was? Ich bin doch nicht blöd? Ich hab es doch gesehen.
Er: b) Das war ein Zufall.
Ich: b) Der hat aber lange gedauert.
Er: c) Na und? Ich kann machen, was ich will.
Ich: c) Ja, aber ohne mich.
Er: c) Was bist du altmodisch. Ich mag keine altmodischen Frauen.
Ich: c) Ich will nicht, dass du dein Knie an das anderer Frauen legst. Nein, hätte ich nie gesagt, hätte ich nie zugegeben.

Warum wollen wir, dass der Mensch unseres Herzens, unserer Füße, unserer Knie nur uns, uns, uns will?
Meine Freundin sagt: Wenn er nicht bei anderen Frauen beliebt wäre, würde ich ihn vielleicht auch nicht so toll finden.
(Ja, aber muss er deswegen sein Knie, seine Hand, seinen Penis auf andere Frauen legen?)
Meine Freundin hat eine Zeitlang neben dem Mann ihrer Füße, ihrer Knie und vor allem ihres Herzens ausgeharrt, während dieser die Gegenwart anderer Frauen genoss. (Also sein Knie, seine Hand, seinen Penis an diese presste.)
Was hast du während dieser Zeit gemacht, frage ich sie.
Ich war sehr belesen, lautet die Antwort.
Literatur als Antidot gegen Eifersucht.

Gibt es Menschen, die nicht eifersüchtig sind? Wenn ja, sind sie blöd? Oder blind? Nicht wirklich interessiert? Gibt es eine evolutionsbiologisch relevante Antwort auf diese Frage?

Aber gehen wir einen Schritt zurück. Das Knie neben dem anderen Knie war ja eine Tatsache. Eigentlich auch ein ccoler Typ mein 13-jähriger Fuß-Geliebter. Ich sollte ihn googeln. Vielleicht hat er seine Libido ja produktiv verwerten können.

Jetzt gibt es aber noch ganz andere Auslöser für dieses Gefühl von Dummdumm im Herzen und der Hitze im Brustkorb. Bei Giovanna waren es Fotos, die sie gesehen hat, Gesten, die sie beobachtet hat. Ich bin weit davon entfernt, meinen Sohn, den Rallyfahrer zu verteidigen. Es mag durchaus sein, dass er anderen Mädels gegenüber verbindlich wirkt. Ich finde auch, dass er anderen Menschen gegenüber netter ist, als zu mir.
Was passiert? Ein Moment rationalen Vakuums entsteht. Das Knie wird vergrößert, der Gruß einer anderen Person aufgebläht und mit einer Geschichte versehen, mit einer lebenslangen Parallelgeschichte, von der man bis jetzt keine Ahnung hatte. Betrug. Man ist ja so blöd und hat es bis jetzt nicht gemerkt.

Punkt 1: Ich bin es nicht wert.
Punkt 2: Ich habe es bis jetzt nicht gemerkt. Alles, was ich bis jetzt erlebt habe ist ein Zerrbild der Wirklichkeit.

Und dann. Reaktion.

Giftige Worte.
Schweigen.
Rückzug.
Auch: Handgreiflichkeiten, wie angeblich im Fall von Giovanna.

Aus der Ferne sage ich: Es kann nicht gut gehen.
Aus der Nähe sage ich: Es wird nicht gut werden.

So what the fuck can we do?
Zum Rationalisieren bleibt oft zu wenig Zeit. Wenn das Blut rauscht, kann man meistens nicht sagen:  Ich bin super, warum sollte er jemand anders wollen?

Muss man Eifersucht als Prinzip bekämpfen? Muss man eine monogame Beziehung an sich an den Pranger stellen? Was ist mit der Angst, verlassen zu werden? Und wieso drückt sich diese in dem aggressiven Gefühl der Eifersucht aus?

Sind das die Fragen, die sich Giovanna stellt?

Der Verdacht besteht, dass italienische Mädchen ihre Boyfriends als ihr Spielzeug betrachten, sonst würden sie nie auf die Idee kommen, ihnen am Strand Pickel auszudrücken. Sowas macht man mit seinen Brüdern, nicht mit seinen Lovern, girls! Distanz ist erotisch.

Woher kommt das Gefühl, dass von einem Moment auf den anderen alles aus sein könnte. Dass er eine andere lieben könnte, obwohl wir am Morgen noch ein glückliches Paar waren. Muss man tolerant sein? Kann der Teil eines glücklichen Paars sein Knie auf das Knie eines aussenstehenden Elements legen wollen?

Viele dieser Fragen interessieren mich nicht mehr. Als ich so alt war wie meine Söhne und Giovanna, hat man Bump getanzt. Naja, fast.
Knie haben für mich jetzt in erster Linie beim Laufen durchzuhalten. Dass man sie an jemand anderen pressen könnte ist nicht der Normalfall.

Kann man sich Eifersucht nur leisten, wenn man viel Zeit hat? Ist Eifersucht ein Laster, das man aus Mangel an Zeit ablegt? Sind Leute ohne manifestierte Eifersucht interessanter als andere? Hat jemand schon gesagt, ich liebe sie so, weil sie überhaupt nicht eifersüchtig ist?

In fortgeschrittenem Alter verwendet man den Ausdruck "Am Ende des Tages". Ich nehme an, dass für junge Menschen die Tage nicht enden. Für mich schon. An ihrem Ende bin ich müde. Es ist mir lieber, wenn man mich gern hat, aber wenn nicht - so what? Auch das Freundschaftsband von meinen jungen Kolleginnen erfreut mich.

Ich glaube nicht, dass die Laster im Alter geringer werden. Wobei die Verdauung wichtiger wird.
Und ja, am Ende des Tages gibt es keine Zeit mehr für Eifersucht.
Ein Knie am Knie eines anderen?
Es ist vorbei, bye bye Junimond. 1986. Eben.








Freitag, 1. September 2017

selbstbestimmt

Mir fällt dieses Wort ein, als ich an den ehemaligen Rallyfahrer und vielleicht wieder Fußballer denke. Er war nämlich nicht selbstbestimmt, sondern stand unter der Fuchtel von Giovanna aus Napoli und mit ihm wir alle irgendwie. Jetzt hat sie ihn (wieder einmal) verlassen und er muss weinen. Ich nicht.

Und plötzlich bin ich erschrocken. Nicht wegen meinem Sohn. Wegen mir. Ich bin überhaupt nicht selbstbestimmt, obwohl das einmal das einzige war, um das es ging. Das WICHTIGSTE. Mein Bauch gehört mir, aber genauso mein Herz, mein Schädel und das, was drin ist. Als ich feststelle, dass ich nur sehr zaghaft über all das bestimme, bekomme ich Herzklopfen. Wer bestimmt denn über mich? Abgesehen von meinen drei Söhnen und meinem einen Ehemann ist es, ist es, ist es, unbelievable, die Wirtschaft!

Ich habe einen Beruf gewählt, bei dem ich mich unabhängig fühlen wollte. Bloß nicht jeden Tag in ein Büro gehen, das ist ja schlimmer als in einer Mine zu arbeiten! Bloß nicht lebenslang mit unsympathischen Kollegen zusammen sein müssen. Ja keine Routine, da verblödet man doch. In einem Mietshaus wohnen? Nie und nimmer. Haus und Garten müssen her. Unabhängigkeit. Finger der Welt zeigen! Geld sparen? Bitte wozu, morgen sind wir vielleicht bleich und tot. Im Gegenteil,  das Konto überziehen, weil nämlich mit der um dieses Geld gemachten Lebenserfahrung das Leben derart bereichert wird, dass in Zukunft alles besser verstanden wird.

Das war ich. Ist das lange her?

Das mit der Selbstbestimmung fällt mir ein, als ich mich kurz aufs Bett lege. Ich muss mich manchmal kurz aufs Bett legen, sonst tut mir der Nacken weh und wenn mir der Nacken länger weh tut, bekomme ich ein Leuchten im Auge. Nein, das ist nicht wunderbar. Ich überlege, wann ich das letzte Mal einen freien Tag gehabt habe. Wollte ich nicht freiberuflich arbeiten, damit ich freie Tage haben kann, wann ich will?

Ich habe drei Kinder adoptiert, weil der Gedanke, Kindern ein zu Hause zu geben, eine Art Mission für mich war. dann war es eine Art Mission, diesen Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Da diese drei Kinder zur zeit jeder auf seine Art in der Pubertät ist, geben sie mir das Gefühl, dass sie sich nicht wohl zu Hause fühlen, dass sie nicht in die Schule gehen wollen und dass sie im Moment (neben Giovanna und wie die alle heißen mögen) Geld brauchen.

Daher habe ich keine freien Tage und einen sensiblen Nacken.
Daher lebe ich am Meer und war doch kein einziges Mal schwimmen in diesem Sommer. Ich war die meiste Zeit nämlich gar nicht da, sondern habe, alles andere als selbstbestimmt, gearbeitet. Und jetzt bestimme ich selbst über meine Zeit und arbeite, arbeite, arbeite. Ich leide nicht unter der Arbeit, sie macht mir Spaß. Aber ehrlich gesagt wäre ich lieber unabhängig reich. Dann würde ich intensiv darüber nachdenken, warum ich nicht selbstbestimmt lebe und ob das doch wieder gehen kann.

Vielleicht kann man auch arm und selbstbestimmt sein. Da ich im Moment keine Alternative habe, würde ich sagen, es ist einen Versuch wert. Und Selbstversuche machen sowieso immer Spaß, weil man sie nämlich, genau, selbst bestimmt.


Sonntag, 29. Januar 2017

2 spiritulle Erfahrungen an 1 Tag

Samstag Morgen, ich setze die Kinder beim Bus ab. Der große Sohn eilt davon, ich weiß nicht wohin, das Kind wartet auf den Bus, die Freundin hat geschrieben, sie wird bald da sein mit dem Bus, der Fußballspieler ist in Neapale bei der Freundin. Mir fällt ein, dass ich den großen Sohn anrufen muss. Er hat zum zeiten Mal innerhalb von 5 Monaten sein Telefon verloren und wir haben ihm eine neue SIM-Card mit der alten Nummer gekauft. Ich muss prüfen, ob sie funktioniert. Sie funktioniert. Ein Mensch hebt ab, es ist meinSohn, er klingt, als wäre er ein normaler Mensch. Ich war zweimal bei einer Psychologin wegen ihm. Ich hätte gerne die Lizenz von ihr gehabt, dass ich meinem Sohn den Mittelfinger zeigen kann. Dass ich sagen kann: Oida he, ich habe alles getan, was ich tun konnte, ich habe alles gasagt, was ich sagen konnte. Wenn du dein Leben wegschmeißen willst, dann tu es. Schau, dass du dabei nicht im Rollstuhl landest, denn ich habe keine Lust, dich in diesem für den Rest meines Lebens zu schieben. Doch die Psychologin hat mir die Lizenz zu diesem verhalten nicht gegeben. Sie findet, ich soll ihm ein zu Hause geben und mit ihm kommunizieren. "Du erwartest aber nicht, dass ich zu ihm sage, wie war es in der Schule und er sagt zu mir, eh gut. Oder: wie immer." Nein, sie erwartet nicht von mir, dass ich etwas aus ihm herauspressem was er mir nicht sagen will. Zumindest gibt sie es nicht zu. Sie will aber, so meine ich zu verstehen, dass ich die Gelegenehit nütze, wenn es die Gelegenheit zur Kommunikation gibt.

Das habe ich getan und daher antwortet mir nun ein Mann, ein sehr junger Mann, wie es die Psychologin ausdrückt, der klingt, wie ein normaler Mensch, obwohl er doch sehr verwirrt ist und in mir ein Kontrollorgan haben will. "Er hat sehr viel Freiheit", sagt sie. Sie meint: "Du gibst ihm zu viel Freiheit." Er ist 19.

Aber egal. Jetzt antwortet er, als wäre es möglich, mit ihm zu kommunizieren. Die Sonne ist in spektakulären Farben aufgegangen. Ich fühle mich erleichtert und ich spüre, dass es das erste Mal seit Monaten ist. "Weihnachten ist, wann du willst", fällt mir ein. Ich habe diese Aussage vor kurzem gehört, als Antwort auf die insitierende Frage, wann endlich Weihnachten sei. So ein Glück. Denn ich kann nicht behaupten, dass ich im Jahr 2016 einen Moment ein Gefühl von Weihnachten hatte. Nicht einmal das Elementare: Morgen muss ich nicht aufstehen. Und schon gar nicht: And so this is Christmas And what have you done?
Und dann beginnt er im Radio zu singen. John Lennon singt Imagine. Rote Wolkenfetzen am Himmel. Ich fahre bergauf. Weihnachten ist jetzt. Und ich verstehe zum ersten Mal: Imagine there's no heaven. Above us only sky.

Above us only sky. Was für eine Erleichterung. Ich beginne hemmungslos zu weinen.
Ich fahre an einem Mädchen vorbei. Möglicherweise schaue ich aus, als hätte ich gerade vom Tod eines geliebten Menschen erfahren. Ich denke an den Tod von John Lennon, als ich 16 war. An die Mahnwache in meiner Heimatstadt. Nothing to kill or die for. Es ist mir eagl wie ich aussehe. Die Tränen verschleiern mir den Blick. Nach ein paar hundert Metern das zweite Mädchen, die Tochter des Obermaurers, auch sie wartet auf den Autobus, der sie vom Hügel runterbringt. And no religion too. Über mir immer noch der Himmel. Aber Hölle gibt es keine.

Ich verstehe, dass es nur dann möglich ist, spirituelle Erfahrungen zu machen, wenn man seine Sorgen für einen Moment vergisst, wie aber geht das?

Am Nachmittag besuche ich meine Schwiegermutter. Im Dorf, in dem sie lebt findet die Verhrung des San Rocco statt. eines Heiligen, der sich, wie sie erzählt, von seiner wohlhabenden Familie losgesagt hat, um in Armut in einer Hütte zu leben. Ich will auch in einer Hütte leben! Er hatte einen Hund, der bei anderen Häusern um Brot bettelte, dass er dann seinem Herrn brachte. Daher ist die Statue das San Rocco mit einem Hund ausgestattet, der ein Brötchen im Maul hält. San Rocco hat eine Schramme am Knie, das symbolisiert die Pest, vor der er sich retten konnte oder auch nicht, ich weiß es nicht. Jedenfalls versammeln sich seit einer Woche vor der Messe die Frauen des Orts um einen Sprechgesang zu Ehren ihres Heiligen abzuhalten. Ich kenne den Sprechgesang, der in zwei sich abewechselnden Gruppen im Dialekt stattfindet. Vor ein paar Jahren habe ich ihn mit den Kindern besucht, die kaum an sich halten konnten, so sehr mussten sie lachen. Manchmal fällt es uns auch zu Hause ein und wenn einer "Santo Ruocco" erwähnt, müssen alle losprusten. Diesmal gehe ich mit MM alleine. Der Fußballer ist in Neapel, der große Sohn will bei seinen Freunden bleiben, das Kind bleibt im Haus der Großmutter.

In der Kirche tritt Wasser vom Boden aus, man sieht die Fliesen feucht glänzen. Es ist kalt. Eiskalt. Es sind ungefähr 10 Frauen da, die jüngste ist in meinem Alter. Und ich bin ja leider auch nicht mehr jung. Aber so alt wie die Frauen mit den Kopftüchern nicht! Vor kurzem habe ich den Wikipedia-Eintrag über Alterssexualität gelesen. Demzufolge müsste die Hälfte dieser Frauen sexuelle Bedürfnisse haben. Im Moment aber beginnen sie zu singen: Santo Rocco, sagt die eine Bankreihe, in vier Zeilen, die andere antwortet mit vier Zeilen. Die Geschichte ist die, dass San Rocco, der geliebte, Anwalt seines Reichs, einen Stock in der Hand hat, den er gegen mich richtet, um mich vor der Pest zu bewahren. So geht es ewta 40 Minuten hin und her. Die Damen steigern sich. Am Anfang ein wenig müde, der Kälte trotzend, schwingen sie sich zu einem Feuer, gleich dem aus dem kleinen elektrischen Öfchen vor der ersten Reihe. Meine Schwiegermutter hat sich eine kleine Flasche mit Wasser mitgenommen, aus der sie ab und zu einen Schluck nimmt. Aus dem Sprechgesang wird ein Singsang, immer melodischer, Oh Maria kommt auch auch dazwischen vor, offenbar zählt jemand mit, denn ab und zu wechseln die Zeilen zwischen den Bankreihen.

Langsam fallen mir die Augen zu. Es ist wie in den Schlaf gewiegt werden. Wenn es nur nicht so kalt wäre! Ich reibe meine Knie. Ich denke an die Mönche, die greogorianische Chöre singen. An die Leute, die deshalb viele Kilometer zurücklegen. Da, meine Schwiegermutter und ihre Altergenossinnen bieten das Gleiche! Es hallt in der Kirche, dass einem die Gänsehaut kommt. Die Nichte meines Ehemanns, die, die in meinem Alter ist, dreht sich ab und zu um und sagt etwas mit verschmitztem Lächeln. Wie gut sich die Orchidee neben der Madonna hält oder wie niedrig hier der Altersdurchschnitt im Dorf sei. Ich versuche etwas an der Kirche zu finden, was mir gefällt. Der Priester, der schließlich kommt? Naja.Die Statuen. Oh Nein! Andere Bilder? Keine da. Eine schlichte Landkirche mit feuchten Wänden und nassem Boden. Der Priester hät die Messe. Mehr Leute sind da. Der Priester lächelt 2x. Ich erinnere mich an weiße Strumpfhosen, Kerzen, meine immer zu laut singende Mutter, wieder an die weißen Strumpfhosen. Nach der Messe verteilen zwei Frauen, eine davon meine Schwiegermutter, Brot, dass sie in großen Körben mitgebracht haben. Der Priester hat es freundlicherweise gesegnt. Nach der Messe. Er hat den heiligen Rocco auch nicht erwähnt. Meine Schwiegermutter hat beim Bäcker Brote machen lassen,die die Form eines Mannes haben. Zwei Kaffeebohnen sind die Augen. Er hat Arme, ich habe diese jahrelang für einen Schal gehalten. Er hat Beine, wenn auch kurze. Diese Brote hat sie in Stücke geschnitten. In viele Stücke, die sich alle Teilenhmer der Messe mitnehmen. Früher haben die Frauen, den San Rocco zu Hause gebacken. Früher gab es mehr Frauen, die Brot mitbrachten und sie tauschten sich die verschiedenen Brote untereinander aus. Heute sind es zwei Frauen und sie haben den Rocco in der gleichen Bäckerei machen lassen. Zu Hause nimmt meine Schwiegermutter die letzte Figur aus Brot aus dem Korb und küsst sie auf die Stirn. Ich bin bester Laune. Ich fühle mich frisch. Meine Schwiegermutter wirkt auch 10 Jahre jünger.

Nächstes Jahr gehe ich wieder! Und in der Zwischenzeit möge John Lennons Geist in mir hausen.


Mittwoch, 14. Dezember 2016

wouldn't it be good to be in your shoes

Urgut geht es der Datti nicht, das kann man nicht behaupten. Nach vielen Arbeitstagen in der großen Stadt ist sie heimgekehrt, um festzustellen, dass sich der große Sohn zu einem kleinen Arschloch entwickelt hat (wofür er vielleicht nichts kann und wovon man sagt, dass es normal sei). Dass sie ihr Ehemann wie ein viertes Kind behandelt (sie weiß nichts, sie kann nichts, sie tut nichts), dass der Fußballer unter dem Pantoffel von Giovanna aus Napoli steht (und nicht unter dem mütterlichen, ha!) und dass das Kind suspekterweise sehr umgänglich ist, was auf die Vorbereitung des richtig großen Dramas schließen lässt. Die eigene Mutter geht der Datti am wenigsten auf die Nerven, verkehrte Welt.

Sie ist mit ihren Gedanken meistens woanders und fürchtet nichts mehr, als dass jetzt Weihnachten kommt. Der Plastikchristbaum steht schon seit Maria Empfängnis, das Kind hat ihn geschmückt, so derartig in time war diese Familie noch nie, auch dies lässt auf einige Disfunktionen schließen.

Der zweite Zahn innerhalb von vier Wochen ist im Mund der Datti ausgebrochen. Das Knie kracht und grammelt, die Wechseljahre lassen auch auf sich warten, die Haare sind ungewaschen. Die Datti würde sich in die Mülltonne schmeißen, wenn es dort besser riechen würde.

Und jetzt kommt eben Weihnachten. Ich will nicht. Defintiv nicht. Ich möchte niemanden beschenken. Ich möchte kein Fest des Friedens. Heute war ich auf einem Begräbnis, dort haben entfesselte Frauen Mitte vierzig davon gesungen, dass Jesus sie in seine Arme nehmen soll und dass sie mit ihm in einem Boot sitzen. Nehmt mich mit! Mich soll er auch umarmen! Der letzte Hippie aller Zeiten. Sollte ich doch seiner Geburt gedenken? Und meinem großen Sohn verzeihen, dass er mich eine Rechnung für Schnellfahren mit unserem Auto hat zahlen lassen? Ich meine, immerhin hat er die 300 Euro für den vorigen Schaden aus eigener Tasche bezahlt. Die Frage ist: soll ich ein guter Mensch werden?

Ich bin nämlich auf der Suche nach einer neuen Identität, denn meine alte ist gänzlich ungeeignet, Weihnachten ohne Zank und Hader zu überstehen. Die meisten Scheidungen finden nach den Ferien statt und das möchte ich für mich tunlichst vermeiden.

Deshalb fällt mir der Song von Nick Kershaw aus dem Jahr 1985 ein: The grass is always greener irgendwo anders.

Jede meiner Freundin scheint ein erfreulicheres Leben zu haben, als ich selbst. Mit Familie, ohne Familie, mit kleiner Familie, mit großer Familie, alle, alle, keine ausgenommen. Mit super Ehemann, ohne Ehmann, mit schwierigem Ehemann. Wie haben sie das gemacht und wann bin ich auf der Strecke geblieben?

Als etwa 8-jähriges Mädchen fand ich ein etwa 18-jähriges Mädchen im Wartesaal des Arztes so interessant, dass ich versucht habe, sie zu imitieren. Sie hatte volle Lippen und ich erinnere mich, dass ich tagelang die Lippen geschürzt habe, bis mir jeder Muskel im Gesicht weh tat. Damit hätte ich den Mangel an langem Haar wettmachen können. Ich muss also jemand imitieren. Damit lenke ich mich ab und dann tun mir die Muskeln weh.

Was also steht mir für die Weihnachtsferien zur Verfügung?
Variante 1: ich bleibe, wie ich bin. Grantig, unzufrieden, zerstreut.
Vorstellung: Langweilig.

Variante 2: ich werde ein guter Mensch. Mutter Teresa? Ach nein. Aber doch besser als jetzt. Gut mit oder ohne Religion? Das könnte bedeuten: Simone Weil lesen, Edith Stein lesen. Sicher lohnenswert. Möglichst keinen Kontakt mit niemandem. Nach den Weihnachtsferien: Illuminiert. Gute Möglichkeit. Schwer durchzuführen. Sie werden mich nicht so viel lesen lassen.
Gut ohne Religion? Mit dem Vorhaben, 10 Tage (hoffentlich ist es nicht noch länger, habe Angst in den Kalender zu schauen), einfach nett zu sein. Jeden Tag aufs Neue.
Vorstellung: Maximale Herausforderung.

Variante 3: ich werde zu einer wandelnden Zeitbombe. Ich sag es allen ins Gesicht: Leckt mich doch. Leckt mich alle mit euren Scheißweihnachten, ihr Heuchler, ihr verlogenen. Und die ersten, die ich attackiere sind die Frauen Mitte vierzig, die mit dem Jesus in einem Boot sitzen. Denen zieh ich gleich mal den Stöpsel aus ihrem Schlauchboot. Und dann lege ich mir zurecht, wen ich noch aller untergehen lasse. Ich bin ja völlig unverdächtig, könnte daher effizient tabula rasa machen. Meine Familie lasse ich peinlich berührt nach meinen Wahnsinnstaten zurück.
Vorstellung: Unrealistisch. Bin ich viel zu müde dazu.

Variante 4: ich werde aktiv. Ich entwerfe einen Plan, einen anderen als den, als Killerin durch die Welt zu ziehen. Ich repariere die Tür. Ich repariere alle Türen. Ich häkle die Hauben, für die ich letztes Jahr zu Weihnachten die Wolle gekauft habe. Um dann festzustellen, dass ich nicht mehr häkeln kann. (Da fällt mir ein, dass ich etwas zu tun habe, was vor Weihnachten fertig sein muss. Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der so verzweifelt ist, dass er Blogeinträge vor Weihnachten schreibt, statt einfach einzukaufen.) Ich räume mein Büro auf. Ich räume den Keller, die Küche, die Kinderzimmer auf. Ich putze die Bäder. Ich staube alle DVDs ab. Ich hole die Zwetschken aus dem Gefrierfach und mache Marmelade.
Vorstellung: Lächerlich. Mach ich nie.

Variante 5: ich werde sozial. Ich schreibe Freunden und Verwandten. Ich gehe Nachbarn besuchen. Ich lerne die Eltern von Giovanna kennen.
Vorstellung: Schaurig. Ich möchte die Decke über den Kopf ziehen. Nein, nicht die Decke. Alle Decken dieser Welt. Sie mögen mich unter sich begraben.

Variante 6: ich werde zur Schriftstellerin. Gerne wäre ich heiter, aber wie soll das gehen? Doch, mir fällt etwas ein: meine Oma. Meine Oma. Genau. Ohne meine Oma würde ich mich in vor Liebe triefenden Romanen versuchen, denn von der Liebe verstehe ich was und das Triefen wird mir nicht schwer fallen. Mit meiner Oma, der größten Heftlleserin aller Zeiten, wird es mir gelingen, Heiterkeit, Luft, Licht, Freude in das Triefen zu bringen. Meine Oma ist 1978 gestorben, ich dachte immer, sie sei im Bett einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, aber meine Mutter hat mir erzählt, sie sei am Fenster gesessen (dort wo die Zeitungen lagen) und wäre dort - eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Was für ein schöner Tod. Alle von meiner Mutter und meinem Bruder für mich mit pädagogischem Blick ausgesuchten Kinderbücher, all die Abstinenz von den Comix, die gänzliche Asterixfreie Kindheit, alles wurde zunichte gemacht, als ich das erste Mal Frauenarzt Dr. Harald Bosse liebt seine Assistentin Heidrun las. Dr. Harald Bosse hatte eine ebenso reiche wie gefühlskalte Frau und es war nicht weiter verwunderlich, dass er sich in seine hübsche und hingebungsfähige Assistentin verliebte. Hingebunsgsfähig. Soll ich das als Variante 7 versuchen? Nein, ich bleibe bei Variante 6. Oma wird mich inspirieren. Ich werde versuchen, in Omas shoes zu steigen. Even if it was for just one day. Leider weiß ich nicht, wie meine Oma Weihnachten verbrachte. Denn meine Oma lebte an einem Ort, an dem man damals im Winter nicht hinfahren wollte. Meine Oma hatte 8 Kinder und vier waren katholisch und vier evangelisch. Ich glaube, die Religion war der Oma ziemlich wurscht. Sie selbst war evangelisch. Auf jeden Fall war die Oma lustig. Urlustig. Werde ich alt? Ja, schon, aber so alt, dass mir meine Oma als Vorbild gelten muss, damit ich zu Weihnachten meine Familie ertragen kann? Der Plan also lautet: im Zweifelsfall an die schweren Schuhe von der Oma denken, oder an die ausgelatschten Hauspatschen. Im schlimmsten Fall solche am Markt kaufen. Hoffen, dass der schlimmste Fall nicht eintritt, denn die Hauspatschen waren alles andere als sexy. Schauen, dass man jeden Tag ein bisschen an der heutigen Variante von Dr. Harald Bosse arbeiten kann, heiter, leicht, nicht gehäkelt, sondern gesponnen, um der Oma eine Freude zu machen. Niemanden mehr beneiden. Es stimmt schon, alle meine Freundinnen haben es besser als ich. Aber meine Oma als Inspiration habe nur ich. Das wird ein Spaß mit Dr. Harry Bosse in der Krippe. Oma, here we go - in your shoes.




Sonntag, 23. Oktober 2016

Don't go chasing waterfalls

Meine Kollegin ist 30 und wenn ich mit ihr an unseren Arbeitsplatz fahre, wird es meistens erst Tag. In ihrem Auto hören wir "Don't go chasing waterfalls". Bette Midler. Jeden Tag. Tutto volume. Arrangement mit Mut zum Pathos. Ich beginne wieder etwas zu spüren. Etwas von mir. Nur geht es in dem Lied um einen Sohn, little precious, can't seem to keep himself out of trouble.

So einen Sohn habe ich auch. Mein schüchternes grantiges Kind, das mit dem Erhalt des Führerscheins zu einem society-man wird, wobei mir die Art der society nicht ganz geheuer ist. Unser Dr. Jekyll und Mr. Hyde zwischen unfassbarer Frechheit und Umarmungen und Liebeserklärungen. Sorge, Sorge, Sorge, aber auch die Einsicht, dass man nichts tun kann, alles ist gesagt und zwar mehrmals. Dass ich viel ärger war, als Jugendliche, tut nichts zur Sache. Die Abwesenheit von Religion wird zusehends zu einer Bürde, denn ich würde so gerne beten. Ich weiß, anderen Eltern geht es nicht anders. Nicht wegen dem Beten, aber mit den Jugendlichen. Oder geht es mir doch besonders schlecht?

Freunde von uns sind in einer ähnlichen Lebenssituation, sie haben drei Töchter adoptiert und mein überwiegendes Gefühl ihnen gegenüber war bis gestern Neid und Eifersucht. Die älteste Tochter studiert an der Universität. Das heißt, sie hat die Matura gemacht. Sie ist über mein erkärtes Lebensziel, nämlich meine Söhne bis zur Matura zu bringen, zu schleifen, zu streicheln, zu bevormunden, zu füttern, zu brüllen, zu hypnotisieren, hinausgegangen. Neid und Eifersucht auch darüber, dass meine Freundin, trotz Familie, Karriere macht. Möglicherweise ist sie nicht weniger erschöpft als ich, aber sie bringt mehr Geld nach Hause.

Dann sagt mir MM, dass das Kind die älteste Tochter an der Uni getroffen hat. Sie haben jede Menge Selfies gemacht und erstaunlicherweise etwas geredet und das wurde dann MM mitgeteilt. Das Kind habe nämlich erzählt, wie schlecht die Stimmung in unserem Haushalt sei, weil eben sein großer Bruder so ein Widerling ist. Das sei ja dann wie bei ihnen, meint die große Tochter unserer Freunde. Nein, sagt das Kind, sein Bruder habe kein spezielles Problem mit den Eltern, er ginge allen auf die Nerven und würde auch ihn, das Kind, nicht respektieren, denn er stehe so spät auf, dass das Kind beim verspäteten Familientransport dann den Bus zur Schule verpassen könnte. Tatsächlich sind die troubles im Hause meiner karrieremachenden Freundin etwas größer und dort wird nichts mehr gesprochen. Außer das Wort Scheidung. Kein Neid, keine Eifersucht mehr. Mir kommen gleich die Tränen. Alles ist relativ, vor allem in Familien.

Ich denke mit Wärme an meinen rauchenden Sohn, der, nachdem ihn seine erste Freundin verlassen hatte, verzweifelt meinte, er würde jetzt nie mehr eine Freundin finden. Immerhin muss man sich keine Sorgen machen, dass er aus dem Fenster springt, weil er ohne SIE nicht mehr leben kann. Und immerhin redet er mit uns. Auch wenn mitunter mit etwas lauter Stimme. Alles ist relativ und daher kann alles auch gut sein, einen Moment lang. Und für mich kann Bette Midler wieder pathetisch singen, ich mache mir weniger Sorgen. Please stick to the rivers and the lakes you are used to.

Sonntag, 16. Oktober 2016

In case of doubt

Im Zweifelsfall nichts tun. Das fällt mir wirklich schwer. Abwarten und Tee trinken. Die Vorstellung bringt Ameisen in meine Füße. Da will ich gleich losrennen. Jemanden zur Rede stellen. Jemanden ohrfeigen. Jemanden küssen. Allen alles erklären.

Aufspringen, aufzeigen, reden. Neinneinnein. Jajaja. Ichichich.

Also gut, ich trinke Tee. Es macht mich verrückt. Ich will keinen Tee. Ich will handeln. Ich will hinauslaufen, ich will durch das Laub stapfen. Ich will zumindest telefonieren. Ich will gefühlvolle Dinge auf facebook schreiben. Ich schreibe nie etwas auf facebook.

Eine Frau mit der ich zusammenarbeite, sagt über eine andere Frau, sie solle nicht auf facebook schreiben, wenn sie angesoffen sei oder es ihr nicht gutgehe. Ich bin nicht angesoffen, denn ich trinke ja Tee und es geht mir auch nicht schlecht. Aber ich nehme mir diesen Rat dennoch zu Herzen.

Die Indianer setzen sich an den Fluss und warten, bis die Leichen vorbeitreiben. Ich aber bin diejenige, die die Leichen erst einmal erzeugt. Doch davor habe ich jetzt plötzlich Angst. Es gibt nicht mehr soviel, was nachwächst.

In der Defensive bleiben. Das ist noch einmal etwas anderes, als das Gegenteil von in die Offensive gehen. Ich muss nur stillhalten. Nicht stillhalten, bis es vorbei geht. Stillhalten, bis etwas passiert, denn es passiert immer etwas. Oft etwas anderes. Und ja, manchmal etwas Komisches.

Ich muss daran denken, wie ich in der Mittelschule im Raucherkammerl war und rauchte. Es gibt keine Mittelschule mehr, zumindest keine alte und schon gar nicht gibt es ein Raucherkammerl. Und ich rauche nicht mehr. Und wenn es eines gäbe, würden wir rauchen und reden, so wie damals? Oder würden wir rauchen und in unser Mobiltelefon schauen? Facebook anschauen? Wir waren so konspirativ und so unerschrocken. Wir waren so jung und hatten keine Chance und nützten sie trotzdem. Oder auch nicht.

Und wir stanken nach Rauch, dass mir heute noch schlecht wird. Unsere Alpaca-Pullover haben nach Rauch und Energie gerochen. Ich habe so gerne geraucht. Ich wäre so gerne Schriftstellerin geworden und aus meinem Zimmer wäre unter dem Türschlitz der Rauch hervorgekommen, während ich, im Unwissen darüber, dass ich später einen Computer benutzen würde, auf einer Schreibmaschine geklappert hätte. Aber ich rauche nicht mehr und zum Schreiben habe ich wenig Zeit.

Jetzt tritt Unordnung ins System, die Erdplatten verschieben sich. Das kann weh tun. Wie man weiß, kann das Häuser zum Einsturz bringen. Nein. Dazu sind wir zu wenig erdbebensicher gebaut.

Das Schiefe ist, dass es das gibt, was entstanden ist, und das, was immer war. Ich empfinde das als Problem. Das, was immer war, entwickelt sich nicht und will sich nicht anpassen, es hat gar keine Idee, wie es sich heute zu benehmen hat.

Irgendwann bin ich draufgekommen, dass einige meiner Arbeitskollegen dann geboren wurden, als John Lennon starb und wir alle mit Fackeln auf der Mariahilferstraße getrauert haben. Das Wachs ist auf meine Schuhe getropft, nämlich Clarks, Desertboots. Und das muss der gemeinsame Nenner von mir und mir sein. Meine jungen Arbeitskollegen finde ich erstaunlich praktisch. Die Welt, die ich wollte, ist nicht entstanden.

Ich will stillhalten. Es wird vorbei gehen, etwas wird passieren, denn ja, andauernd passieren komische Sachen. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin für immer jung, was auch eine Qual sein kann.

Im Zweifelsfall will ich die Zähne zusammenbeissen. Aber wollten wir nicht immer mutig und gerecht sein? Vielleicht ist Mut und Gerechtigkeit heute anders? Mutig und gerecht halte ich still, sehr sehr still.


Montag, 6. Juni 2016

Harfenstunden

Die letzten Wochen waren voller Harfenklänge. Was nicht heißt, dass der Himmel voller Geigen hing, was schön gewesen wäre. Irgendwie hat das Kind heuer das dritte Jahr in der Schule Harfe gelernt, auch wenn es uns wenig vorgekommen ist. Dann sind wir draufgekommen, dass er an diversen Aktivitäten zu diesem Instrument nicht teilnimmt, was uns überrascht, aber nicht erfreut hat. Zum Schluss war aber dann alles sehr aufwändig und wir waren dann wieder (fast) froh, dass er uns erspart hat, im Orchester zu spielen und an Konzerten teilzunehmen, die über die letzte Woche hinausgingen. Da war nämlich am Montag das Konzert in der Schule in der Marina, am Dienstag das Konzert in der Schule im Dorf auf dem Hügel, am Mittwoch das Konzert im Theater. Und am Samstag mussten wir in die Provinzhauptstadt in ein Musikgymnasium fahren, wo etwas stattfand, das das Kind uns als "da sind dann richtig große Harfen, auf denen wir spielen können" präsentierte. 3 Tage minutiöser Planung dieses Ausflugs, denn wir haben ja nicht nur ein Kind, sondern drei und nicht nur ein Auto, sondern zwei und man kann das potenzieren und multiplizieren, dann kommt die Anzahl unserer Probleme, nicht nur organisatorischer Natur heraus. Und dann stehen wir vor der Schule, sie liegt im Schatten, ein leichter Wind weht um drei Uhr nachmittags über einen leeren Platz und mit ihm die angenehmen Klänge einer Harfe. Ich bin ungeduldig, die Harfelehrerin ist noch nicht da, die andere Teilnehmerin auch nicht, und ich höre schon die Harfe! Ich betrete das Gebäude und erkläre einer sehr netten Schulwartin wer ich bin. Sie sagt, die Veranstaltung habe um 14 Uhr begonnen. Ich sage komplizenhaft: Ist wohl ein Open day, oder was? Ein Tag der offenen Tür, der für meine Begriffe viel zu spät stattfindet, denn wenn die Schule für sich Werbung machen will - mein Kind ist bereits in einer anderen Schule angemeldet. Nein, es handelt sich um eine Masterclass. Dieser Ausdruck gefällt mir. Jetzt sehe ich sogar ein Plakat: Masterclass mit Gisele Herbert. Das gefällt mir noch viel besser. Das Kind wird von einer französischen Meisterin eine Lektion erhalten, ich frohlocke. Ich werde von der Harfelehrerin des Musikgymnasiums begrüßt und versuche diskret zu sein und vor allem gelassen und sage: "Nein, wir wollen noch nicht eintreten, wir warten auf unsere Professoressa". Ich spähe in den Raum und sehe die riesige Harfe und die gebannt blickenden jungen Damen und bin sehr aufgeregt. Ich laufe zu MM und dem Kind und sage: "Ich habe alles gesehen und es ist alles sehr super." Ich bin zufrieden mit mir, ich bin eine Art Mutter-Journalistin, die für ihren Sohn auch die letzte Hemmschwelle mühelos überspringt. Die andere Teilnehmerin kommt, sie wird ebenfalls von beiden Elternteilen gebracht, in einem Mercedes, samt kleinem Bruder. Dann kommen noch zwei Mädchen mit ihren Müttern und unsere charismatische Prof. Wir treten in die Aula, ich gleich nach der Prof, begrüße mit strahlendem Lächeln die Verantwortliche und nicke freundlich der Maestra zu, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, trotz dieses plötzlichen Einfalls der kleinen Karawane. Wir nehmen Platz und ich sehe auf der Bühne einen jungen Mann mit abstehendem lockigen Haar, einer Brille und einigen Piercings an der Harfe. Er könnte aus Brasilien stammen und ich glaube, ihn zu kennen. Er zupft hingebunsgvoll und die Meisterin korrigiert auf französisch. Eine junge Übersetzerin steht aufrecht daneben und übersetzt eifrig und sicher. Ich schaue zum Kind: "Ist das der Schüler von der verrückten Harfe-Prof?" Er weiß es nicht. Er blickt ängstlich und will sich seine Angst nicht anmerken lassen. Ich denke auch, na wow, jetzt auf die Bühne? Hat er das gewusst? Er sucht eine Haltung, während die Mädchen kichern und sich an die Prof drängen.

Ich denke daran, wo ich diesen jungen Harfespieler schon gesehen habe. Vor zwei Jahren ist unsere schöne Prof in den Mutterschutz getreten und eine andere Harfelehrerin musste sie vertreten. Das Kind und seine Lieblingskollegin, die mit dem Mercedes, waren sehr besorgt: Und wenn die Neue eine Hexe ist? Die Neue war eine Hexe: schwarz gekleidet, langes Haar, schwarze Fingernägel und schwarzer Lidstrich. Sie hatte sogar einen Hut wie eine Hexe und sie stieg in der Schule aus dem Fenster, um draußen zu rauchen. Das Kind und die Kollegin kicherten. Die Hexe hatte bald ebenfalls eine Vertreterin, keine andere Hexe, eher Gretel, das das gesamte Knusperhäuschen gegessen hat. An einem sonnigen Freitag, an dem eine Probe des Orchesters in der Schule im Dorf stattfand, musste ich die Hexe anrufen, um etwas über die Rolle des Kindes im Orchester zu erfahren. "Entschuldigen Sie, dass ich kurz angebunden bin", sagte die Hexe mit ihrer sinnlichen Ich-bin-leidenschaftliche-Raucherin-Stimme, "ich bin in Rom, um den neuen Film meines Mannes zu präsentieren, ein Film mit Maria Grazia Cucinotta, den ich produziert habe und für den ich, in aller Bescheidenheit, die Filmmusik komponiert habe." Es folgte eine längere Erklärung dazu, wen man jetzt wo treffen müsse und das Wort Rai (italienisches Fernsehen) fiel mehrmals. Als ich eine Möglichkeit hörte, mich einzubringen, sagte ich empathisch: "Ich finde das sehr interessant, ich arbeite auch im Filmbereich." Ich ließ eine Pause, denn jetzt würde sie mich fragen, was ich denn mache, aber in der Pause hörte ich: "Ah." Dann ging es weiter mit Rai und Maria Grazia. Ich hörte zerstreut und lange zu und beschloß, die Hexe zu hassen.

Die Hexe war dann längere Zeit nicht da, na so eine Tournee, stellen Sie sich vor. Gretel unterrichtete, und am Ende des Schuljahres wurden das Kind und seine Kollegin eingeladen, bei einem Musikfestival zu spielen. Sie spielten in einer Kirche in einem mittelalterlichen Ortskern, von dem aus man weit über milde grüne Hügel blickte und es war alles sehr schön, sehr aufregend und sehr berührend und in der Kirche musste ich ein Schluchzen unterdrücken, wie immer, wenn das Kind Harfe spielt.

Die Hexe war in bester Form, sie breitete ihre nackten Arme unter einem getupften Gilet aus, zu dem sie einen gestreiften Rock trug sowie ihren unvermeidlichen Herrenhut. Sie stellte uns einen Schüler vor, und das war eben der, von dem ich jetzt, im Musikgymnasium, glaube, dass er es ist. Die Szene ist uns in Erinnerung geblieben, denn sie sagte: "Dann haben wir ihn aus dem Konservatorium genommen und ins Musikgymnasium -", sie hielt inne, schaute einen Moment starr, drehte sich um und ging. Das Kind und ich schauten uns an. Das Kind kicherte, ich war verunsichert. Welche Drogen waren das? Wir schlenderten durch den Ort, irgendwie hoffte ich, sie wieder zu sehen, ich wollte sicher sein, dass ihr nichts passiert war, auch wenn ich sie nicht so gerne mochte. Wir begegneten ihr wieder und sie konnte sich sogar erinnern, dass sie uns überraschend verlassen hatte. Sie musste ihre Medizin nehmen.

Zwei Jahre lang fällt es dem Kind dann vermittelt oder unvermittelt immer wieder ein: "Mamma, erinnerst du dich: ...und ins Musikgymnasium...und weg war sie, hahahaha!" Das Kind hat ein Faible für Situationskomik, die man nicht nacherzählen kann.

Und jetzt, in der Masterclass, setzt sich der vermeintliche Schüler "aus dem Konservatorium ins Musikgymnasium...." und ich blicke zu ihm in der letzten Reihe, ein Mädchen setzt sich neben ihn und sie flüstern, ich werde ihn später fragen, ob er ein Schüler der Hexe ist. Das gelingt mir leider nicht, denn er geht, bevor ich das tun kann und ich sehe nun die nächste Schülerin auf der Bühne, die ihre Schultern nicht so hochziehen soll. Die Meisterin legt ihre schlanken schönen Hände auf die Schultern des Mädchens. Alle Mädchen haben langes, nach hinten gekämmtes, zu einem Zopf gebundenes Haar, ein bisschen wie Tänzerinnen. Die Meisterin hat am Puls der rechten Hand einen gestreiften Pulswärmer, das einzige, was ein bisschen von der Strenge wegführt, die sie ausstrahlt. Sie ist etwa 60 Jahre alt, hat graues, kurzes und doch weich fallendes Haar, sie wirkt zart und doch kräftig. Sie trägt eine schwarze Hose mit weitem Bein, die wie ein langer Rock wirkt und fantastische Schuhe mit etwa 15 Riemchen. Ich trage Tennisschuhe und braune Socken und ich frage mich ernsthaft, was in mich gefahren ist, SO aus dem Haus zu gehen. Ich gelobe, angesichts dieser eleganten, kompetenten Dame, mein Leben zu ändern. Das Mädchen auf der Bühne schwitzt, die zweite Übersetzerin steht ganz gerade neben Meisterin und Schülerin und fragt, ob das Mädchen täglich übe oder eher unregelmäßig. Quelque fois, sagt die Übersetzerin zur Meisterin. Geht da ein Hauch Missbilligung durch den Raum? Auf jeden Fall ist die Scham des Mädchens zu spüren. "Seit wann spielst du?" übersetzt die Übersetzerin. Das Mädchen weiß nicht, was es antworten soll, das hat es ja schon gesagt: seit 4 Jahren. "Wie lange spielst du dann?" springt die andere Übersetzerin ein. Nun schämt sich die Übersetzerin mit der aufrechten Haltung. Das Mädchen kann sich wieder ins rechte Licht rücken: "3 Stunden." Das Kind hatte vor den Aufführungen einige Tag lang die kleine Harfe der Schule und spielte nach dem Mittag- und Abendessen jeweils etwa 20 Minuten, ich bezweifle, dass er 3 Stunden spielen könnte.

So geht es zwei Stunden in der Masterclass. 4 Mädchen spielen, werden rot, werden korrigiert, werden in den Arm genommen, die Meisterin spielt ihre Rolle mit französischer Anmut und Strenge. Ein Mädchen zupft verbissen, als wolle es der Harfe sagen: Du stures Ding, lass endlich den richtigen Ton aus dir heraus. Ein anderes Mädchen spielt, als würde es gemeinsam mit der Harfe am Bug der Titanic stehen, hinter ihr Leonardo DiCaprio und sie gibt ein letztes Mal alles. An diesem Mädchen ist die Meisterin besonders interessiert und sie lässt sie ein Stück viele Male spielen. "Non a ton temps, a mon temps. - Pianissimoooo."

Ewig könnte ich mir sowas anschauen. Ich denke an den Dokumentarfilm "Schubert und ich", in dem ein Musiker Leute von der Straße mitnimmt (oder zumindest so tut, als hätte er sie zufällig gefunden, und Schubertlieder singen lässt. Dieser Film hat mich ebenso inspiriert. Ich will auch ein Instrument lernen. Ich will auch singen.

Die Lehrerin des Gymnasiums setzt sich neben ein Mädchen, das nun auf der Bühne bei der großen Harfe sitzt und singt ihr die Noten vor: Dododofaremilala. "Sie dürfen nicht singen, wenn sie spielt, nononono", tadelt die Meisterin. Sie selbst singt aber auch. Versteh ich nicht. Soll ich fragen? Die Lehrerin des Gymnasiums schämt sich sichtlich. Später wird sie ihr dickes langes, blond getöntes Haar zu einem Zopf flechten. Auf der Bühne. Sie ist in meinem Alter und ich möchte ihr zurufen: Tu das jetzt nicht, hör auf, den blöden Zopf zu flechten, sofort, das schaut total kindisch aus.

Langeweile breitet sich sichtlich aus. Das Mobiltelefon einer Mutter aus unserer Gruppe läutet mit beeindruckendem Klingelton: "Est-ce que tu m'aimes? J'sais pas..." Maitre Gims, der Gassenhauer des Jahres, wie unglaublich passend. Die Harfemeisterin weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Die Augen treten einen Moment aus den Höhlen, sie wird rot und schüttelt den Kopf. Die angerufene Mutter lacht, die Tochter schämt sich.

Der Bruder der Kollegin des Kindes wandert mehrmals auf und ab und spielt Autorennen auf seinem Smartphone. Bin ich wirklich die einzige, die eine Katharsis erlebt? Ich gelobe, dass ich auch in einem Gebiet eine Meisterschaft erringen will, mit der ich dann ebenso gelassen und unantastbar auf einer Bühne stehen werde, wie die Harfemeisterin. Nur worin soll ich jetzt schnell so gut werden? Ich habe kürzlich gelesen, dass es 10.000 Stunden Übung an einer Sache braucht, um zur Meisterschaft zu gelangen. Ich rechne und mache Pläne, wie ich weniger Zeit zum Kochen, Putzen und zur Kontrolle der Hausübung aufwenden kann. Dabei habe ich vor kurzem noch ausgerechnet, wie viel ich arbeiten muss, damit ich dem Kind eine Harfe kaufen kann, damit es auch zu Hause und nicht nur in der Schule üben kann.

Irgendwann ist klar, dass die Kinder unserer Gruppe nicht spielen werden. Wir sind Publikum. Ein Funken Hoffenung bleibt, aber dann heißt es: "C'est fini." Was, echt? Wir sind da alle hergefahren, sogar mit einem Mercedes, um 2 Stunden zuzuschauen, wie die Maestra den Mädchen Tipps gibt, wie: "Findest du diese Sequenz tres jolie oder nur comme ci comme ca." "Nein, nicht so schön", sagt das Mädchen beschämt. "Wieso spielst du es dann so? Du sollst mit der Musik nicht nur Töne vermitteln, sondern auch etwas anderes, Liebe zum Beispiel."
MM vermittelt hingegen Missbilligung. Vor allem der Gymnasialprofessorin gegenüber: Sie wollte nicht, dass die Kinder unserer Gruppe spielen, denn dann hätte die Harfemeisterin gemerkt, dass unsere Kinder besser spielen, als die aus dem Musikgymnasium.
Das kann ich nicht beurteilen, sage ich.

Die Harfen werden verpackt. Die Kolleginnen des Kindes zupfen auf der noch freien Harfe, um vielleicht doch die Aufmerksamkeit der Maestra zu erregen, doch es ist zu spät.

Vor dem Gebäude machen MM und der mercedesfahrende Vater ein letztes Mal den Witz: Und wann spielst du? Dann gehen alle. Ich lade MM und das Kind auf ein Eis ein. In einer Erboristeria, in dem wir eine pflanzliche Medizin kaufen, bitte ich den Inhaber, mir Proben von Shampoos und Balsam zu schenken, weil das Kind es liebt, diese auzuprobieren. Da ist sie wieder, die Mutter-Journalistin, die keine Hemmschwelle kennt.

Ich frage das Kind, ob die Masterclass interessant war. Jaaa, sagt er zögernd. Hast du alles verstanden? Nein, schüttelt er den Kopf. Was genau war interessant für ihn? Was interessiert die Menschen, wenn sie etwas beiwohnen, was sie nicht verstehen oder was nichts mit ihnen zu tun hat und sie gönnen sich kein Abdriften zu facebook, wie die Mutter mit dem eindringlichen Klingelton? Ich denke an die vom Wind bewegten riesigen Vorhänge in der Aula, in sanftem beige und mildem rot. An die nicht immer angenehmen Harfetöne. Mir hat es ja gefallen, aber schlecht organisiert war es trotzdem. Der Neid der zöpfeflechtenden Professorin hätte es vereitelt, dass unsere Kinder dort gespielt hätten, sagt MM und lässt sich von dieser etwas verknöcherten Haltung nicht abbringen.

Ich habe mir vorgenommen, unsere Lehrerin zu fragen, wie das Kind nach dem Schulabschluss weiter Harfe spielen könne, aber ich vergesse die Frage, sie bleibt in dem kühlen, hohen Raum zurück, zusammen mit meinem Enthusiasmus und dem Vorsatz, ebenfalls eine Meisterin zu werden und keine Tennisschuhe mehr zu tragen, zumindest nicht mit braunen Socken.