Im Zweifelsfall nichts tun. Das fällt mir wirklich schwer. Abwarten und Tee trinken. Die Vorstellung bringt Ameisen in meine Füße. Da will ich gleich losrennen. Jemanden zur Rede stellen. Jemanden ohrfeigen. Jemanden küssen. Allen alles erklären.
Aufspringen, aufzeigen, reden. Neinneinnein. Jajaja. Ichichich.
Also gut, ich trinke Tee. Es macht mich verrückt. Ich will keinen Tee. Ich will handeln. Ich will hinauslaufen, ich will durch das Laub stapfen. Ich will zumindest telefonieren. Ich will gefühlvolle Dinge auf facebook schreiben. Ich schreibe nie etwas auf facebook.
Eine Frau mit der ich zusammenarbeite, sagt über eine andere Frau, sie solle nicht auf facebook schreiben, wenn sie angesoffen sei oder es ihr nicht gutgehe. Ich bin nicht angesoffen, denn ich trinke ja Tee und es geht mir auch nicht schlecht. Aber ich nehme mir diesen Rat dennoch zu Herzen.
Die Indianer setzen sich an den Fluss und warten, bis die Leichen vorbeitreiben. Ich aber bin diejenige, die die Leichen erst einmal erzeugt. Doch davor habe ich jetzt plötzlich Angst. Es gibt nicht mehr soviel, was nachwächst.
In der Defensive bleiben. Das ist noch einmal etwas anderes, als das Gegenteil von in die Offensive gehen. Ich muss nur stillhalten. Nicht stillhalten, bis es vorbei geht. Stillhalten, bis etwas passiert, denn es passiert immer etwas. Oft etwas anderes. Und ja, manchmal etwas Komisches.
Ich muss daran denken, wie ich in der Mittelschule im Raucherkammerl war und rauchte. Es gibt keine Mittelschule mehr, zumindest keine alte und schon gar nicht gibt es ein Raucherkammerl. Und ich rauche nicht mehr. Und wenn es eines gäbe, würden wir rauchen und reden, so wie damals? Oder würden wir rauchen und in unser Mobiltelefon schauen? Facebook anschauen? Wir waren so konspirativ und so unerschrocken. Wir waren so jung und hatten keine Chance und nützten sie trotzdem. Oder auch nicht.
Und wir stanken nach Rauch, dass mir heute noch schlecht wird. Unsere Alpaca-Pullover haben nach Rauch und Energie gerochen. Ich habe so gerne geraucht. Ich wäre so gerne Schriftstellerin geworden und aus meinem Zimmer wäre unter dem Türschlitz der Rauch hervorgekommen, während ich, im Unwissen darüber, dass ich später einen Computer benutzen würde, auf einer Schreibmaschine geklappert hätte. Aber ich rauche nicht mehr und zum Schreiben habe ich wenig Zeit.
Jetzt tritt Unordnung ins System, die Erdplatten verschieben sich. Das kann weh tun. Wie man weiß, kann das Häuser zum Einsturz bringen. Nein. Dazu sind wir zu wenig erdbebensicher gebaut.
Das Schiefe ist, dass es das gibt, was entstanden ist, und das, was immer war. Ich empfinde das als Problem. Das, was immer war, entwickelt sich nicht und will sich nicht anpassen, es hat gar keine Idee, wie es sich heute zu benehmen hat.
Irgendwann bin ich draufgekommen, dass einige meiner Arbeitskollegen dann geboren wurden, als John Lennon starb und wir alle mit Fackeln auf der Mariahilferstraße getrauert haben. Das Wachs ist auf meine Schuhe getropft, nämlich Clarks, Desertboots. Und das muss der gemeinsame Nenner von mir und mir sein. Meine jungen Arbeitskollegen finde ich erstaunlich praktisch. Die Welt, die ich wollte, ist nicht entstanden.
Ich will stillhalten. Es wird vorbei gehen, etwas wird passieren, denn ja, andauernd passieren komische Sachen. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin für immer jung, was auch eine Qual sein kann.
Im Zweifelsfall will ich die Zähne zusammenbeissen. Aber wollten wir nicht immer mutig und gerecht sein? Vielleicht ist Mut und Gerechtigkeit heute anders? Mutig und gerecht halte ich still, sehr sehr still.
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Sonntag, 16. Oktober 2016
Freitag, 1. April 2016
Wie ich mich im Zaum halte
Meistens habe ich mich als tickende Zeitbombe gefühlt, bereit, loszugehen, wenn das Mass an Provokation voll war. Heute würde ich mich als Selbstmordkommando geschmacklos fühlen. Nachdem ich mehrere Jahre lang nicht anders konnte, als in auswegslosen Situationen mit der flachen Hand auf den Tisch zu schlagen, finde ich auch diese Reaktion auf Missstände nicht mehr angemessen.
Ich bin müde.
Und gleichzeitig bin ich immer noch ein Fass, das permanent vom Überlaufen bedroht ist.
Meine Libido will die Dauben sprengen und auch meine Wut ist gefährlich.
Während ich als jugendliches Pulverfass intellektuell Peace and Love vertreten habe, bin ich als Frau im besten Alter unauffällig und unterschwellig gefährlich, denn mit jedem Tag meines Lebens wächst die Lust, jemandem meine Faust ins Gesicht zu schlagen ins Unermessliche. Ich sehe es vor mir: in Zeitlupe. Ich gebe zu, ich habe viele Boxerfilme gesehen und so wird es sein: meine Faust wird auf irgendjemandes Gesicht aufkleschen und dessen Unterkiefer wird sich verschieben und aus dem Zahnfleisch wird langsam eine bedeutende Menge an Blut schießen. Möglicherweise werden mir die Fingerknöchel weh tun und mein Herz wird heftig klopfen, aber es wird mir gut gehen, ich habe auf diesen Moment gewartet. Ich werde mich verwirklicht haben.
Der andere, mein Opfer, wird auch nicht tot sein, es wird ihm einfach der Schädel weh tun und er wird sich das verdient haben.
In der großen Stadt warte ich nur darauf, dass mich einer anfällt, aus Blödheit oder Verwirrtheit, der wird dann die geballte Wut meiner letzten 50 Jahre abbekommen. Das heißt: Ich habe keine Angst, aber wirklich nicht.
In Italien ist die Gefahr, dass mich jemand physisch bedroht geringer, die diffuse Wut nicht weniger groß. Vielleicht wird in meiner Phantasie nicht einem singulären Feind mit einem einzigen Schlag das Unterkiefer zertrümmert, hier würde ich gerne ein paar kräftige links-und-rechts-Watschen austeilen. In der großen Stadt in Mitteleuropa bieten sich Politiker an, im kleinen mafiösen süditalienischen Zusammenhang kleine mafiöse Kellerratten.
Dies sind meine geheimen großen Ziele: Steigt mir EINMAL auf die Zehen und ich mache euch so klein mit Hut und Feder. Mein Alltag besteht allerdings aus vielerlei kleinen Ärgerlichkeiten und ich möchte meinen Kindern jedoch den Eindruck vermitteln, als hätten sie ein stabiles Elternhaus und nicht eine Mutter, die bei einem auch nur kleinen Auslöser unvermittelt zu Joe Rambo wird. Dieses Gleichgewicht zu erhalten kostet mich viel Kraft, denn in Wirklichkeit bin ich keine stabile Peace and Love Mami, nein, ich BIN Joe Rambo und wehe wenn sie losgelassen.
Nur mein Intellekt kann mich retten und ich versuche es mit Mathematik und Masse.
Statt in die Schule des Kindes zu gehen und
1.) zu protestieren, dass die Musiklehrerin nie da ist
2.) mich aufzuregen, dass die Lehrerin der Klasse, der das Kind aufteilungsweise zugewisen wird, sich nicht durchsetzen und ergo nicht unterrichten kann, weshalb das Kind nun im Auto sitzt und sich den Kopf hält und sagt: "so viel Geschrei"
3.) zum Dirketor zu gehen, um die Mathematiklehrerin, die unlösbaren Probleme mit Prismen und aufgesetzten Pyramiden nicht löst, sondern stattdessen unangekündigt prüft, anzuschwärzen
4.) ebengenannter Mathematiklehrerin eine Psychotherapie ans Herz zu legen, weil sie eine Schularbeit ankündigt und wieder absagt, weil sie sich über etwas aufregt und wir das schon äfter hatten
5.) die Englischlehrerin zu fragen, wieso sie eine Film im Unterricht zeigt, der NICHT in Englisch ist
zähle ich alles an diesem Tag zusammen und das beruhigt mich. Von 1 - 5. Ich habe niemandem eine Ohrfeige gegeben. Ich habe nicht einmal geschrien.
Ich habe vor kurzem einen Film gesehen, in dem ein Mann, der in Afghanistan im Krieg war, unproportional gewalttätig auf einen Angriff reagiert. Eigentlich reagieren die meisten Menschen in Filmen unproportional gewalttätig auf einen Angriff. So wird es auch bei mir sein. Und ich war in keinem Krieg. Zumindest in keinem offiziell anerkannten.
Die andere Seite der Wut ist die Liebe. Ich bin nicht so liebeswütig, wie ich fürchte gewalttätig werden zu können. Schade irgendwie. Aber dennoch unproportional, wenn es um die Liebe geht.
Während bei der Wut zählen hilft, hilft bei der Liebe Masse. Arbeit, Leistung.
Als ich jung war, zählte eben Love and Peace und allesallesalles, nur kein Weichei sein. Heute flehe ich mich an, ein Weichei zu sein. Ich zwinge mich dazu.
Ich sage mir: Alles wird gut, solange du nie zum Telefon greifst und niemandem schreibst, außer höflich. Ich erlege mir Regeln auf.
Die erste lautet: Lies alle Bücher von David Foster Wallace und dann sehen wir weiter.
Das hilft auch ungemein im Falle des Wunsches, jemandem eine in die Goschn haun zu wollen.
Das hätte der David Foster Wallace nicht gemacht. Kraft seines Intellekts hätte er diesen Trieb umgekehrt. Zumindest beschreibt er das in seiner Rede "Das ist Wasser." so. Und ich bewundere ihn dafür.
Ich bin müde.
Und gleichzeitig bin ich immer noch ein Fass, das permanent vom Überlaufen bedroht ist.
Meine Libido will die Dauben sprengen und auch meine Wut ist gefährlich.
Während ich als jugendliches Pulverfass intellektuell Peace and Love vertreten habe, bin ich als Frau im besten Alter unauffällig und unterschwellig gefährlich, denn mit jedem Tag meines Lebens wächst die Lust, jemandem meine Faust ins Gesicht zu schlagen ins Unermessliche. Ich sehe es vor mir: in Zeitlupe. Ich gebe zu, ich habe viele Boxerfilme gesehen und so wird es sein: meine Faust wird auf irgendjemandes Gesicht aufkleschen und dessen Unterkiefer wird sich verschieben und aus dem Zahnfleisch wird langsam eine bedeutende Menge an Blut schießen. Möglicherweise werden mir die Fingerknöchel weh tun und mein Herz wird heftig klopfen, aber es wird mir gut gehen, ich habe auf diesen Moment gewartet. Ich werde mich verwirklicht haben.
Der andere, mein Opfer, wird auch nicht tot sein, es wird ihm einfach der Schädel weh tun und er wird sich das verdient haben.
In der großen Stadt warte ich nur darauf, dass mich einer anfällt, aus Blödheit oder Verwirrtheit, der wird dann die geballte Wut meiner letzten 50 Jahre abbekommen. Das heißt: Ich habe keine Angst, aber wirklich nicht.
In Italien ist die Gefahr, dass mich jemand physisch bedroht geringer, die diffuse Wut nicht weniger groß. Vielleicht wird in meiner Phantasie nicht einem singulären Feind mit einem einzigen Schlag das Unterkiefer zertrümmert, hier würde ich gerne ein paar kräftige links-und-rechts-Watschen austeilen. In der großen Stadt in Mitteleuropa bieten sich Politiker an, im kleinen mafiösen süditalienischen Zusammenhang kleine mafiöse Kellerratten.
Dies sind meine geheimen großen Ziele: Steigt mir EINMAL auf die Zehen und ich mache euch so klein mit Hut und Feder. Mein Alltag besteht allerdings aus vielerlei kleinen Ärgerlichkeiten und ich möchte meinen Kindern jedoch den Eindruck vermitteln, als hätten sie ein stabiles Elternhaus und nicht eine Mutter, die bei einem auch nur kleinen Auslöser unvermittelt zu Joe Rambo wird. Dieses Gleichgewicht zu erhalten kostet mich viel Kraft, denn in Wirklichkeit bin ich keine stabile Peace and Love Mami, nein, ich BIN Joe Rambo und wehe wenn sie losgelassen.
Nur mein Intellekt kann mich retten und ich versuche es mit Mathematik und Masse.
Statt in die Schule des Kindes zu gehen und
1.) zu protestieren, dass die Musiklehrerin nie da ist
2.) mich aufzuregen, dass die Lehrerin der Klasse, der das Kind aufteilungsweise zugewisen wird, sich nicht durchsetzen und ergo nicht unterrichten kann, weshalb das Kind nun im Auto sitzt und sich den Kopf hält und sagt: "so viel Geschrei"
3.) zum Dirketor zu gehen, um die Mathematiklehrerin, die unlösbaren Probleme mit Prismen und aufgesetzten Pyramiden nicht löst, sondern stattdessen unangekündigt prüft, anzuschwärzen
4.) ebengenannter Mathematiklehrerin eine Psychotherapie ans Herz zu legen, weil sie eine Schularbeit ankündigt und wieder absagt, weil sie sich über etwas aufregt und wir das schon äfter hatten
5.) die Englischlehrerin zu fragen, wieso sie eine Film im Unterricht zeigt, der NICHT in Englisch ist
zähle ich alles an diesem Tag zusammen und das beruhigt mich. Von 1 - 5. Ich habe niemandem eine Ohrfeige gegeben. Ich habe nicht einmal geschrien.
Ich habe vor kurzem einen Film gesehen, in dem ein Mann, der in Afghanistan im Krieg war, unproportional gewalttätig auf einen Angriff reagiert. Eigentlich reagieren die meisten Menschen in Filmen unproportional gewalttätig auf einen Angriff. So wird es auch bei mir sein. Und ich war in keinem Krieg. Zumindest in keinem offiziell anerkannten.
Die andere Seite der Wut ist die Liebe. Ich bin nicht so liebeswütig, wie ich fürchte gewalttätig werden zu können. Schade irgendwie. Aber dennoch unproportional, wenn es um die Liebe geht.
Während bei der Wut zählen hilft, hilft bei der Liebe Masse. Arbeit, Leistung.
Als ich jung war, zählte eben Love and Peace und allesallesalles, nur kein Weichei sein. Heute flehe ich mich an, ein Weichei zu sein. Ich zwinge mich dazu.
Ich sage mir: Alles wird gut, solange du nie zum Telefon greifst und niemandem schreibst, außer höflich. Ich erlege mir Regeln auf.
Die erste lautet: Lies alle Bücher von David Foster Wallace und dann sehen wir weiter.
Das hilft auch ungemein im Falle des Wunsches, jemandem eine in die Goschn haun zu wollen.
Das hätte der David Foster Wallace nicht gemacht. Kraft seines Intellekts hätte er diesen Trieb umgekehrt. Zumindest beschreibt er das in seiner Rede "Das ist Wasser." so. Und ich bewundere ihn dafür.
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Donnerstag, 23. April 2015
Vom Wert der Ordnung und des Chaos - eine Bildbeschreibung
Ich räume auf.
Ich räume mein Büro auf. Ich habe mir im November 2013 geschworen, dass ich im November 2014 einen klaren Verstand haben werde. Das heißt: Wissen was wo ist. Das ist auf eine Art gelungen. Also ich habe gewusst, so ungefähr zumindest, was in welcher Kiste ist.
Irgendwann war ich ein ordentlicher Mensch. Zumindest habe ich regelmäßig Ordnung gemacht. Aber da war ich auch noch jung.
Dann war ich nicht mehr so jung. Und dann waren die Kinder da. Und dann sind wir übersiedelt. Und dann sind die Jahre vergangen. Und dann ist heute und ich stehe mit einer dubiosen Abrechnung aus dem Jahre 2006 da. Aber sie ist so schön angelegt, dass es mir leid tut, sie wegzuschmeißen.
Aus einer Kiste kommen Stadtpläne aus Dublin und das Buch von James Joyce: "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann", gekauft irgendwo in einem Antiquariat um 2 Euro (oder Schilling)? Das Buch passt zum Stadtplan, aber vielleicht passt es noch besser in ein Bücherregal. Im Buch sind Rechnungen, aber die kann ich wegschmeißen, sie sind auf Thermopapier und es ist nichts mehr darauf zu sehen. Eine interessante Methode der Auslöschung. Nur eine Rechnung ist auf normalem Papier, sie stammt vom 25.04.2004 und wurde im Muse Cafe in der O'Connel Street gedruckt. 2 Espresso und 1 Cookie für 5 Euro 95 um 16:44.
Ich nehme weitere Dinge aus der Kiste. Ein Heft National Geopgraphic aus dem Jahre 1998, September. Ich blättere es durch und da sehe ich IHN. Da sitzt der Mann meiner Träume auf einem Holzgestell vor einem Barockschloss. Offenbar handelt es sich um "Tsarkoye Selo", denn der Artikel handelt von Katherina der Großen und mein Traummann mag ein Restaurator oder ein Museumsaufseher sein. Er hat blondes, verwuscheltes Haar und blonde Augenbrauen. Er sitzt auf diesem Gestell neben zwei Männern mit schmutzigen Lederstiefeln. Einer von ihnen trägt eine Schirmkappe und streichelt einen beigen kleinen Hund. Mein Mann schaut auf den Hund. Er hat sein rechtes Bein über das linke geschlagen und die Unterarme auf dem Knie aufgestützt. Der rechte Arm liegt über dem linken. In der linken Hand hält er eine Zigarette. Er trägt eine Armbanduhr mit schwarzem Lederband. Er trägt ein hellbaues Hemd, das, wie ich meine, bis zum Bauch geöffnet ist, darunter vielleicht ein Unterhemd. Das Foto erstreckt sich zwar über zwei Seiten, aber der Mann sitzt einfach da im goldenen Schnitt und in Wirklichkeit geht es ja um drei Statuen von Atlas, die zwischen Fenstern mit Rundbögen gebaut wurden. Der Mann hat seinen Kopf gebeugt, ein bisschen so wie der Atlas hinter ihm, der die Welt auf den Schultern hat. Was mag der Mann auf seinen Schultern haben? Eine schwierige Liebe ist das Mindeste.
Er trägt eine beige Hose und schwarze Schnürschuhe. Er ist mager und man sieht die Sehnen auf seinen Händen. Sicherlich arbeitet er mit seinen Händen. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen und seine Ohren sind ein bisschen abstehend. Ich versuche zu erkennen, ob er etwas um seinen Daumen gewickelt hat (den Ring eines Schlüsselbunds vielleicht), aber ich sehe nicht mehr so 100% ig und ich möchte keine Lupe nehmen.
Ich werde nicht nach St. Petersburg fahren (obwohl das vielleicht gar keine schlechte Idee wäre), ich weiß ohnehin wer der Mann ist. Er begegnet mir alle paar Jahre. Manchmal ist er ein Polarforscher, auch auf einem Foto, einmal war er ein rothaariger Mann in Florenz, der auf einem Markt am selben Tisch mit mir saß. Wir aßen beide Ribollita und stellten rasch fest, dass wir die gleichen politischen Ansichten haben. Der Mann hatte große Hände, sie waren trocken und es waren weiße Farbspuren zu erkennen. Möglicherweise war er Maler und Anstreicher, für mich Maler. Er lebt auch in Wien und ist Künstler in einem Atelier im 2. Bezirk, in dem ich auf dem Klo war, als ich in der Nähe arbeitete. Auf dem Boden in der Nähe des Klos stand eine kleine Espressomaschine, eine kleine Herdplatte, Kaffee, Tassen, Zucker und Löffel. Der Mann machte Bilder in Serien, abstrakte Bilder mit blauer und rosa Farbe, flüchtig wie Wolken an einem Frühlingstag.
Dieser universal vorhandene Mann ist melancholisch, unpraktisch, wenn es darum geht, sein Gefühlsleben in den Griff zu bekommen. Er braucht seine Hände für mehr als nur zum schreiben und vergisst sich selbst, wenn er arbeitet. Er liebt immer die falschen Frauen und raucht und trinkt zu viel. Er ist leidenschaftlich und das Wohltemperierte ist für ihn zu süß, er hat es gerne stark und bitter.
Klar stelle ich mir vor, wie er mit seinen rauhen Händen über meine heißen Wangen streicht und mich leicht und ein einziges Mal auf den Mund küßt. Zum Abschied. Aber er ist ohnehin immer da. In meinem inneren Schneesturm. Durch den wir so schnell dahinjagen, dass uns heiß wird.
Er ist das, was ich nicht sein kann. Denn ich räume auf, worauf er möglicherweise verzichten würde. Er hätte es nie zu so einem Chaos kommen lassen, denn er, und das weiß ich schon seit Jahrzehnten, kommt mit einem Minimum an Dingen aus und Papierzeug sammelt sich nicht bei ihm an. Verbrennt er es?
Ich mache Ordnung, damit ich die Dinge finde, die mich ans Stürmische erinnern und das ist gut so.
Ich räume mein Büro auf. Ich habe mir im November 2013 geschworen, dass ich im November 2014 einen klaren Verstand haben werde. Das heißt: Wissen was wo ist. Das ist auf eine Art gelungen. Also ich habe gewusst, so ungefähr zumindest, was in welcher Kiste ist.
Irgendwann war ich ein ordentlicher Mensch. Zumindest habe ich regelmäßig Ordnung gemacht. Aber da war ich auch noch jung.
Dann war ich nicht mehr so jung. Und dann waren die Kinder da. Und dann sind wir übersiedelt. Und dann sind die Jahre vergangen. Und dann ist heute und ich stehe mit einer dubiosen Abrechnung aus dem Jahre 2006 da. Aber sie ist so schön angelegt, dass es mir leid tut, sie wegzuschmeißen.
Aus einer Kiste kommen Stadtpläne aus Dublin und das Buch von James Joyce: "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann", gekauft irgendwo in einem Antiquariat um 2 Euro (oder Schilling)? Das Buch passt zum Stadtplan, aber vielleicht passt es noch besser in ein Bücherregal. Im Buch sind Rechnungen, aber die kann ich wegschmeißen, sie sind auf Thermopapier und es ist nichts mehr darauf zu sehen. Eine interessante Methode der Auslöschung. Nur eine Rechnung ist auf normalem Papier, sie stammt vom 25.04.2004 und wurde im Muse Cafe in der O'Connel Street gedruckt. 2 Espresso und 1 Cookie für 5 Euro 95 um 16:44.
Ich nehme weitere Dinge aus der Kiste. Ein Heft National Geopgraphic aus dem Jahre 1998, September. Ich blättere es durch und da sehe ich IHN. Da sitzt der Mann meiner Träume auf einem Holzgestell vor einem Barockschloss. Offenbar handelt es sich um "Tsarkoye Selo", denn der Artikel handelt von Katherina der Großen und mein Traummann mag ein Restaurator oder ein Museumsaufseher sein. Er hat blondes, verwuscheltes Haar und blonde Augenbrauen. Er sitzt auf diesem Gestell neben zwei Männern mit schmutzigen Lederstiefeln. Einer von ihnen trägt eine Schirmkappe und streichelt einen beigen kleinen Hund. Mein Mann schaut auf den Hund. Er hat sein rechtes Bein über das linke geschlagen und die Unterarme auf dem Knie aufgestützt. Der rechte Arm liegt über dem linken. In der linken Hand hält er eine Zigarette. Er trägt eine Armbanduhr mit schwarzem Lederband. Er trägt ein hellbaues Hemd, das, wie ich meine, bis zum Bauch geöffnet ist, darunter vielleicht ein Unterhemd. Das Foto erstreckt sich zwar über zwei Seiten, aber der Mann sitzt einfach da im goldenen Schnitt und in Wirklichkeit geht es ja um drei Statuen von Atlas, die zwischen Fenstern mit Rundbögen gebaut wurden. Der Mann hat seinen Kopf gebeugt, ein bisschen so wie der Atlas hinter ihm, der die Welt auf den Schultern hat. Was mag der Mann auf seinen Schultern haben? Eine schwierige Liebe ist das Mindeste.
Er trägt eine beige Hose und schwarze Schnürschuhe. Er ist mager und man sieht die Sehnen auf seinen Händen. Sicherlich arbeitet er mit seinen Händen. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen und seine Ohren sind ein bisschen abstehend. Ich versuche zu erkennen, ob er etwas um seinen Daumen gewickelt hat (den Ring eines Schlüsselbunds vielleicht), aber ich sehe nicht mehr so 100% ig und ich möchte keine Lupe nehmen.
Ich werde nicht nach St. Petersburg fahren (obwohl das vielleicht gar keine schlechte Idee wäre), ich weiß ohnehin wer der Mann ist. Er begegnet mir alle paar Jahre. Manchmal ist er ein Polarforscher, auch auf einem Foto, einmal war er ein rothaariger Mann in Florenz, der auf einem Markt am selben Tisch mit mir saß. Wir aßen beide Ribollita und stellten rasch fest, dass wir die gleichen politischen Ansichten haben. Der Mann hatte große Hände, sie waren trocken und es waren weiße Farbspuren zu erkennen. Möglicherweise war er Maler und Anstreicher, für mich Maler. Er lebt auch in Wien und ist Künstler in einem Atelier im 2. Bezirk, in dem ich auf dem Klo war, als ich in der Nähe arbeitete. Auf dem Boden in der Nähe des Klos stand eine kleine Espressomaschine, eine kleine Herdplatte, Kaffee, Tassen, Zucker und Löffel. Der Mann machte Bilder in Serien, abstrakte Bilder mit blauer und rosa Farbe, flüchtig wie Wolken an einem Frühlingstag.
Dieser universal vorhandene Mann ist melancholisch, unpraktisch, wenn es darum geht, sein Gefühlsleben in den Griff zu bekommen. Er braucht seine Hände für mehr als nur zum schreiben und vergisst sich selbst, wenn er arbeitet. Er liebt immer die falschen Frauen und raucht und trinkt zu viel. Er ist leidenschaftlich und das Wohltemperierte ist für ihn zu süß, er hat es gerne stark und bitter.
Klar stelle ich mir vor, wie er mit seinen rauhen Händen über meine heißen Wangen streicht und mich leicht und ein einziges Mal auf den Mund küßt. Zum Abschied. Aber er ist ohnehin immer da. In meinem inneren Schneesturm. Durch den wir so schnell dahinjagen, dass uns heiß wird.
Er ist das, was ich nicht sein kann. Denn ich räume auf, worauf er möglicherweise verzichten würde. Er hätte es nie zu so einem Chaos kommen lassen, denn er, und das weiß ich schon seit Jahrzehnten, kommt mit einem Minimum an Dingen aus und Papierzeug sammelt sich nicht bei ihm an. Verbrennt er es?
Ich mache Ordnung, damit ich die Dinge finde, die mich ans Stürmische erinnern und das ist gut so.
Mittwoch, 30. Juli 2014
Was trunken macht
- jede Art von Alkohol
- ein etwas zu lang gelächeltes Lächeln von jemandem, den man bis jetzt nicht in Betracht gezogen hat
- eine heftige Diskussion mit gutem Ausgang
- die Aussicht, jemanden kennenzulernen, den man bis jetzt nur über e-mails kennt
- das Ende eines langen Tages
- ein schneller Spaziergang
- abends im Meer zu schwimmen
zum Beispiel
- ein etwas zu lang gelächeltes Lächeln von jemandem, den man bis jetzt nicht in Betracht gezogen hat
- eine heftige Diskussion mit gutem Ausgang
- die Aussicht, jemanden kennenzulernen, den man bis jetzt nur über e-mails kennt
- das Ende eines langen Tages
- ein schneller Spaziergang
- abends im Meer zu schwimmen
zum Beispiel
Samstag, 12. Juli 2014
Die schmerzvolle Schönheit des Vergänglichen
Man möchte es so sagen:
Ti amo tanto. Ich liebe dich so sehr. Man möchte es sagen und dahin stellen. Dorthin stellen, irgendwo hin stellen. Wo es dann steht. Und aus. Und keine Konsequenzen.
Ti amo tanto. Ma tanto tanto tanto. Also wirklich ganz ganz viel und ganz ungeheuerlich. Und nicht mehr und nicht weniger. Und das heißt es. Und ping, wie mit dem Zauberstab, Sternchen, ist man wieder weg.
Und was bleibt? Bleibt etwas? Aber ja. Ein größeres Herz. Fast überdimensional, man muss schauen, ob es nicht aus der Kleidung quillt.
Donnerstag, 16. Januar 2014
CSI Calabria, Folge 1: Eierdiebe
Seit September haben wir Hennen. Das ist nicht der Grund, warum ich so lange nichts geschrieben habe, obwohl ich wirklich lange im Hühnerhof stehen kann und kontemplativ den Hendln zuschauen. Zuerst haben wir drei Hennen gekauft, was mich schon sehr erschöpft hat, aber als sich herausgestellt hat, dass die Hennen nach anfänglicher Verwirrung zu den besingenswürdigsten Wesen dieses Planten mutierten, haben wir gleich noch drei gekauft. Die Hennen haben nämlich recht schnell gelernt, dass sie sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf einen Ast über unseren Kopf setzen sollen, sondern in das von MM liebevoll gebaute Hühnerhaus einsteigen und dort auf einer Stange Platz nehmen. Die zwei roten und die schwarze Henne haben das so schön gemacht, dass wir dachten, jetzt müssen noch drei Hendln her, sonst sind die drei alten schon alt, wenn die neuen kommen und dann streiten sich die vielleicht. Also fuhr MM und holte die beiden blonden und eine zweite schwarze Henne. Namen haben wir ihnen keine gegeben, aber wenn es sein müsste, dann hießen sie Lotte und Luise, Liese und Lara, Ludmilla und Lodovica.
Jede dieser Hennen hat eine ihr eigene, unverwechselbare Persönlichkeit und wir werden keine Schnitzeln aus ihnen machen sondern geben ihnen viel teures Kraftfutter, denn sie sollen ja Eier legen. Ich habe insgeheim gehofft, sie würden das vom ersten Tag an tun, um ihre Anschaffungskosten zu amortisieren, haben sie aber nicht, denn angeblich muss man sich drei Monate in Geduld üben, bevor es zum ersten Ei kommt. Am 8. Dezember war es dann so weit, passend zur unbefleckten Empfängnis lag das erste unbefleckte Ei im Nest. Und brav jeden Tag ein weiteres.
Über Weihnachten sind wir weggefahren und ich habe unserer Nachbarin Instruktion gegeben. Dass die große Tür mit einem Eisendraht so befestigt wird, dass sie nicht zu fällt, denn unsere Hennen gehen wie im Schulschikurs manchmal auch tagsüber in die Zimmer. Dass im Nest ein Ei aus dem Supermarkt mit einem grünen Stempel liegt, das zum Eierlegen animieren soll. Diesen psychologischen Trick habe ich von meiner Schwiegermutter gelernt. Sie hat mir auch erklärt, dass man überprüfen kann, ob eine Henne ein Ei hat, wenn man ihr einen Finger in den Hintern steckt. Den Wahrheitsgehalt dieses Tipps habe ich jedoch bis jetzt nicht überprüft. Aber wie man sieht, halten unsere 6 Hennen die Großfamilie bei Laune und auch meine Nachbarin war total willig, die Hennen bis zur Selbstaufgabe zu pflegen.
Am Tag unserer Abreise steuerte eine zweite Henne ihr Schärflein zum Eierkarton bei und die Nachbarin, die sich die Eier nahm (auch das mit dem grünen Stempel), buk uns zum Ausgleich am Tag nach unserer Rückkehr eine riesige Crostata. Das Eisen, das die Tür offen halten sollte, hatte sie mit aller Kraft verbogen, damit die Tür besser schloss, oder sonst was. Sie hört mir so gut zu wie meine Kinder, es muss an mir liegen.
Eine Woche ging es weiter mit zwei Eiern pro Tag, dann war plötzlich Schluss. Das kleine Strohnest blieb leer. Ich dachte, das liege daran, dass es etwas kalt geworden war und legte mich in Folge mit hohem Fieber ins Bett. Die Aufgabe, das Hühnerhaus zu öffnen, das Futter, bestehend aus zerstoßenem Mais, einzufüllen, das Wasser zu wechseln und die Gemüsereste auszustreuen ging auf MM über. Dieser fand bereits am Tag Nummer 1 seiner neuen Verantwortlichkeit zwei Eier auf dem Boden. "Die Eier lagen auf dem Boden! So ein Glück, dass du nicht draufgestiegen bist, denn sie waren da ja schon am Vorabend." Bei 39 Grad Fieber ist es mit ganz egal, wann diese Eier wohin gelegt wurden, aber irgendwie ist es schon komisch, denn am Vorabend habe ich mit der Taschenlampe in der Hand das Hühnerhaus verschlossen und wie man aus CSI weiß, sieht man im Lichte einer Taschenlampe ALLES, auch Eier auf den Boden.
Am nächsten Tag lag ich immer noch mit 39 Grad Fieber (schon den nächsten) im Bett, als das Telefon läutet und MM aus seiner Arbeit anruft, um mir mitzuteilen, dass wieder zwei Eier auf dem Boden gelegen hätten und er jetzt nach stundenlangem Nachdenken zu dem Ergebnis gekommen sei, es könne sich nur um einen Akt menschlichen Tuns handeln. Denn gestern abend, seien diese Eier garantiert nicht auf dem Boden gelegen. So traurig das alles sei, es gebe jemand, der unsere Eier stehle. Und dann zwei davon auf den Boden lege. Als ich mit schwacher Stimme zu Bedenken gebe, dass ich nicht glaube, dass jemand von unseren Nachbarn so dumm oder so ausgefuchst sei, Eier zu stehlen, antwortet MM mit einem Spruch aus einem Comix seiner Jugendzeit und in diese ist er offensichtlich zurückgekehrt. Ich gebe zu Bedenken, dass diese Eier vielleicht von wo hergerollt wären. Das findet MM ziemlich lächerlich, denn woher sollen diese Eier rollen und warum? Ich sage: "Du hast zwei Möglichkeiten: entweder du hängst ein Schloss vor den Hühnerhof, oder du öffnest das Hühnerhaus schon um sechs Uhr morgens, statt um halb acht, dann kann noch niemand die Eier gestohlen und zur Tarnung einen Teil seiner Beute auf den Boden gelegt haben." Beide Lösungen gefallen MM, ich glaube, am besten kann er sich vorstellen, wie er im Morgengrauen einen vermummten Eierdieb niederringt.
Der folgende Tag ist ein Samstag und ich liege immer noch im Bett, diesmal nur noch mit 38 Grad Fieber. Im Lauf des Vormittags besucht mich MM. Er hat eine Plastikschüssel mit vielen Eiern in der Hand. "12!!" sagt er beglückt. Die Hennen haben 12 Eier in ein von ihnen selbst gebautes Nest oberhalb ihres Hühnerhauses gelegt. Von wo aus, jeweils zwei nach unten gerollt sind.
Die Freude über diesen plötzlichen Eierreichtum ist größer als das Bedürfnis, eine Flasche Sekt im CSI-Labor zu entkorken und mit einem Plastikbecher anzustoßen. Dass unsere Nachbarn im Umfeld von fünf Kilometern nun über jeglichen Verdacht erhaben sind, geht in der Sorge unter, wie wir unsere sechs Hennen nun dazu bringen können, wieder in UNSER Nest zu legen, statt in IHR Nest.
Ein Fall für meine Schwiegermutter. Doch die ist nicht sehr optimistisch. "Ihr müsst sie in ihrem Hühnerhaus halten, bis sie die Eier gelegt haben. Vorher dürfen sie nicht raus." Sie schwarze Pädagogik meiner Schwiegermutter führt dazu, dass die Hennen alle verärgert MM zur Seite stoßen, als er das Hühnerhaus aufmacht, sofort hinaushüpfen, auf ihr Nest zustürzen und dort 5 Eier deponieren.
Nun bringt aber meine Krankheit den Vorteil, dass alles morgens später wird, und die Hennen können am nächsten Morgen bis halb zwölf ihr Haus nicht verlassen, worauf sie brav ihre Eier ins Strohnest legen. Und am folgenden Tag auch und dann wieder.
Ich bringe einige Eier meiner Nachbarin, die mir eine Crostata verspricht. Allerdings dräuen am Himmel der Zukunft die ersten Wolken in unserem ungetrübten Verhältnis zu den Hennen auf. Die Nachbarin sagt, dass ihre Hennen keine Eier legen. Und unsere werden auch wieder aufhören, denn sie müssten sich erholen. Erholen? Wovon denn? Unsere Hennen haben das schönste Leben der Welt. Sie sind zu sechst auf etwa 200 Quadratmeter einstiger Grünfläche, werden ernst genommen, wenn sie wie eine eifrige Wachtruppe das Gelände erkunden und haben hoffentlich keine unlösbaren inneren Konflikte. Bei Einbruch der Dunkelheit gehen sie schlafen und wenn es hell wird, möchten sie wieder ihre emsigen Rundgänge beginnen. Ich versuche mir jeden Tag ein Beispiel an ihnen zu nehmen, auch wenn ich beim Schlafen das Liegen bevorzuge.
Jede dieser Hennen hat eine ihr eigene, unverwechselbare Persönlichkeit und wir werden keine Schnitzeln aus ihnen machen sondern geben ihnen viel teures Kraftfutter, denn sie sollen ja Eier legen. Ich habe insgeheim gehofft, sie würden das vom ersten Tag an tun, um ihre Anschaffungskosten zu amortisieren, haben sie aber nicht, denn angeblich muss man sich drei Monate in Geduld üben, bevor es zum ersten Ei kommt. Am 8. Dezember war es dann so weit, passend zur unbefleckten Empfängnis lag das erste unbefleckte Ei im Nest. Und brav jeden Tag ein weiteres.
Über Weihnachten sind wir weggefahren und ich habe unserer Nachbarin Instruktion gegeben. Dass die große Tür mit einem Eisendraht so befestigt wird, dass sie nicht zu fällt, denn unsere Hennen gehen wie im Schulschikurs manchmal auch tagsüber in die Zimmer. Dass im Nest ein Ei aus dem Supermarkt mit einem grünen Stempel liegt, das zum Eierlegen animieren soll. Diesen psychologischen Trick habe ich von meiner Schwiegermutter gelernt. Sie hat mir auch erklärt, dass man überprüfen kann, ob eine Henne ein Ei hat, wenn man ihr einen Finger in den Hintern steckt. Den Wahrheitsgehalt dieses Tipps habe ich jedoch bis jetzt nicht überprüft. Aber wie man sieht, halten unsere 6 Hennen die Großfamilie bei Laune und auch meine Nachbarin war total willig, die Hennen bis zur Selbstaufgabe zu pflegen.
Am Tag unserer Abreise steuerte eine zweite Henne ihr Schärflein zum Eierkarton bei und die Nachbarin, die sich die Eier nahm (auch das mit dem grünen Stempel), buk uns zum Ausgleich am Tag nach unserer Rückkehr eine riesige Crostata. Das Eisen, das die Tür offen halten sollte, hatte sie mit aller Kraft verbogen, damit die Tür besser schloss, oder sonst was. Sie hört mir so gut zu wie meine Kinder, es muss an mir liegen.
Eine Woche ging es weiter mit zwei Eiern pro Tag, dann war plötzlich Schluss. Das kleine Strohnest blieb leer. Ich dachte, das liege daran, dass es etwas kalt geworden war und legte mich in Folge mit hohem Fieber ins Bett. Die Aufgabe, das Hühnerhaus zu öffnen, das Futter, bestehend aus zerstoßenem Mais, einzufüllen, das Wasser zu wechseln und die Gemüsereste auszustreuen ging auf MM über. Dieser fand bereits am Tag Nummer 1 seiner neuen Verantwortlichkeit zwei Eier auf dem Boden. "Die Eier lagen auf dem Boden! So ein Glück, dass du nicht draufgestiegen bist, denn sie waren da ja schon am Vorabend." Bei 39 Grad Fieber ist es mit ganz egal, wann diese Eier wohin gelegt wurden, aber irgendwie ist es schon komisch, denn am Vorabend habe ich mit der Taschenlampe in der Hand das Hühnerhaus verschlossen und wie man aus CSI weiß, sieht man im Lichte einer Taschenlampe ALLES, auch Eier auf den Boden.
Am nächsten Tag lag ich immer noch mit 39 Grad Fieber (schon den nächsten) im Bett, als das Telefon läutet und MM aus seiner Arbeit anruft, um mir mitzuteilen, dass wieder zwei Eier auf dem Boden gelegen hätten und er jetzt nach stundenlangem Nachdenken zu dem Ergebnis gekommen sei, es könne sich nur um einen Akt menschlichen Tuns handeln. Denn gestern abend, seien diese Eier garantiert nicht auf dem Boden gelegen. So traurig das alles sei, es gebe jemand, der unsere Eier stehle. Und dann zwei davon auf den Boden lege. Als ich mit schwacher Stimme zu Bedenken gebe, dass ich nicht glaube, dass jemand von unseren Nachbarn so dumm oder so ausgefuchst sei, Eier zu stehlen, antwortet MM mit einem Spruch aus einem Comix seiner Jugendzeit und in diese ist er offensichtlich zurückgekehrt. Ich gebe zu Bedenken, dass diese Eier vielleicht von wo hergerollt wären. Das findet MM ziemlich lächerlich, denn woher sollen diese Eier rollen und warum? Ich sage: "Du hast zwei Möglichkeiten: entweder du hängst ein Schloss vor den Hühnerhof, oder du öffnest das Hühnerhaus schon um sechs Uhr morgens, statt um halb acht, dann kann noch niemand die Eier gestohlen und zur Tarnung einen Teil seiner Beute auf den Boden gelegt haben." Beide Lösungen gefallen MM, ich glaube, am besten kann er sich vorstellen, wie er im Morgengrauen einen vermummten Eierdieb niederringt.
Der folgende Tag ist ein Samstag und ich liege immer noch im Bett, diesmal nur noch mit 38 Grad Fieber. Im Lauf des Vormittags besucht mich MM. Er hat eine Plastikschüssel mit vielen Eiern in der Hand. "12!!" sagt er beglückt. Die Hennen haben 12 Eier in ein von ihnen selbst gebautes Nest oberhalb ihres Hühnerhauses gelegt. Von wo aus, jeweils zwei nach unten gerollt sind.
Die Freude über diesen plötzlichen Eierreichtum ist größer als das Bedürfnis, eine Flasche Sekt im CSI-Labor zu entkorken und mit einem Plastikbecher anzustoßen. Dass unsere Nachbarn im Umfeld von fünf Kilometern nun über jeglichen Verdacht erhaben sind, geht in der Sorge unter, wie wir unsere sechs Hennen nun dazu bringen können, wieder in UNSER Nest zu legen, statt in IHR Nest.
Ein Fall für meine Schwiegermutter. Doch die ist nicht sehr optimistisch. "Ihr müsst sie in ihrem Hühnerhaus halten, bis sie die Eier gelegt haben. Vorher dürfen sie nicht raus." Sie schwarze Pädagogik meiner Schwiegermutter führt dazu, dass die Hennen alle verärgert MM zur Seite stoßen, als er das Hühnerhaus aufmacht, sofort hinaushüpfen, auf ihr Nest zustürzen und dort 5 Eier deponieren.
Nun bringt aber meine Krankheit den Vorteil, dass alles morgens später wird, und die Hennen können am nächsten Morgen bis halb zwölf ihr Haus nicht verlassen, worauf sie brav ihre Eier ins Strohnest legen. Und am folgenden Tag auch und dann wieder.
Ich bringe einige Eier meiner Nachbarin, die mir eine Crostata verspricht. Allerdings dräuen am Himmel der Zukunft die ersten Wolken in unserem ungetrübten Verhältnis zu den Hennen auf. Die Nachbarin sagt, dass ihre Hennen keine Eier legen. Und unsere werden auch wieder aufhören, denn sie müssten sich erholen. Erholen? Wovon denn? Unsere Hennen haben das schönste Leben der Welt. Sie sind zu sechst auf etwa 200 Quadratmeter einstiger Grünfläche, werden ernst genommen, wenn sie wie eine eifrige Wachtruppe das Gelände erkunden und haben hoffentlich keine unlösbaren inneren Konflikte. Bei Einbruch der Dunkelheit gehen sie schlafen und wenn es hell wird, möchten sie wieder ihre emsigen Rundgänge beginnen. Ich versuche mir jeden Tag ein Beispiel an ihnen zu nehmen, auch wenn ich beim Schlafen das Liegen bevorzuge.
Mittwoch, 15. Mai 2013
Forever young
Ich bringe die Jugendlichen zur Probe des Orchesters, dorthin, wo der begnadete Dirigent wirkt, der leider so nach Zigarren stinkt. Aber daran denke ich nicht, als ich den Hügel hinunter zum Meer fahre. Ich höre Radio und da ist ein Lied, das ich schon lange kenne: Forever young. Der Name der Gruppe fällt mir nicht ein, aber sie singen auch ein anderes Lied mit dem Titel "Big in Japan". Das Lied ist aus den 1980er Jahren. Ich kenne das Lied auswendig. Ich drehe lauter. Die Jugendlichen schweigen beschämt. Schon wieder einer der peinlichen Ausfälle der Mutter. Mit laut schmetterndem Radio Auto fahren. Oh nein, bitte nicht.
"Let us die young or let us live forever, we don't have the power but we never say never." Ein Schock breitet sich in mir aus: Es ist zu spät. Ich kann nicht mehr um die Gnade eines frühen Tods bitten, ich bin nicht mehr jung. Janis Joplin und Jimi Hendrix waren halb so alt wie ich, als sie gestorben sind. Mir wird heiß. Was hab ich in den letzten 25 Jahren gemacht und wieso kann ich nicht mehr sagen: Love hard, live fast, die young? Ich bin überrascht. Dass mir das erst jetzt auffällt!
Eine Gnade ist mir doch zuteil geworden, wenn man es als solche bezeichnen kann: abgrundtiefe Naivität. Ich glaube immer noch, dass alles möglich ist und sich das Genie in mir doch noch ausdrücken wird können. Manches, was möglich oder auch nicht ist, interessiert mich eh nicht mehr. "But we never say never."
Mit der 1980er Boygroup im Ohr stürze ich in die Orchesterprobe und klopfe inmitten der Kakophonie dem Schlagzeug-Prof. gegenüber deutlich auf die Uhr. Mein Ziel ist, zu signalisieren, dass ich echt keine Zeit habe und das gelingt mir ganz gut. Ich muss meine Kinder kaum mehr wohin verfrachten, das machen jetzt immer die Profs selber, weil ich eine Art Girlande der Hysterie und Gereiztheit um mich geworfen habe, die kaum jemand zu ignorieren wagt. Ich schwebe wieder weg, die Girlande wippt leicht, wie blasierte Kusshände, um mich. Weder der Dirigent, noch der Schlagzeuglehrer, noch der Schulwart werden in diesem Leben meine Geliebten sein und darüber bin ich sehr froh, denn als ich dem frühen Tod entgegeneilte hätte ich das auch noch unterbringen müssen und heute habe ich Zeit, "Krieg und Frieden", wenn schon nicht zu lesen, dann doch immerhin zu hören. Das hätte ich nicht gekonnt, wenn ich jung gestorben wäre.
Aber jetzt habe ich Angst, dass ich für immer leben muss.
Meine Mutter sagt: "So wie die Buben manchmal Fieber bekommen und danach gewachsen sind, geht es mir manchmal schlecht und ich entwickle mich rückwärts. Ich bin jetzt alt und hässlich." "Aber nein, hässlich bist du nicht." sage ich automatisch. "Doch", sagt meine Mutter.
"Let us die young or let us live forever." Ein Fluch, anyway.
Montag, 28. Januar 2013
Musik
"Music was my first love, and it could be my last", sang Barry Manilow, als er noch (gemeinsam mit Rod Stewart) der einzige Mann in meinem Leben war. Das war auch ungefähr die Zeit, als ich in mein Tagebuch schrieb: "Solange es Wein und Musik gibt, werde ich mir nicht das Leben nehmen." Und so ist es auch viele Jahre später, trotz Wirtschaftskrise.
Wobei sich das mit der Musik natürlich verändert hat. Über den orangen Philips-Plattenspieler versus you tube brauchen wir hier nicht zu reden, kommen wir lieber gleich zur Sache und das ist die mit der Mittelschule mit dem musikalischen Schwerpunkt, man erinnert sich tralalalala, die Söhne spielen Schlagzeug und singen und es gibt ein Orchester und eine königliche Musiklehrerin. Jetzt muss ich auch das Kind in diese Schule einschreiben und das Kind soll ein Instrument auswählen. Das Kind ist, auch das weiß man, ein wahrer Nonkonformist und geht nicht Fußball spielen sondern in klassischen Tanz. Das Kind kündigt bereits vor der Vorstellung der Instrumente an, dass es gedenkt, Harfe zu lernen. HARFE? Nein, das Kind hat nur einen Scherz gemacht. Sagt es.
Ich gehe mit dem Kind zur Präsentation der Instrumente und wo etwa 50 Kinder mit glänzenden Augen einer Vorstellung von 8 Musikinstrumenten folgen sollen, sitzen etwa 12 Kinder, dafür kommen mir gleich mehrmals die Tränen. Da gibt es Querflöte, Harfe, Klavier, Oboe, Klarinette, Trompete, Percussion und Geige. Die Lehrer stellen sich vor und ein oder mehrere Schüler geben etwas zum Besten. Die Instrumente werden auch für die nächsten drei Jahre ausgeliehen. Meine Freundinnen in der großen Stadt bekommen große Augen, ich weiß. Meine Freundinnen in der mittelgroßen Gemeinde in Kalabrien sind leicht genervt. Was? Auch noch ein Instrument? Eine Mutter der fünf Kinder aus der Klasse meines Kindes sagt, ihr Sohn sei nur gekommen, um die Instrumente zu sehen, er werde sicher keines spielen, er ginge ja ohnehin schon Fußballspielen. Andere Mütter bringen ihre Kinder nicht, denn wenn diese auch ein Instrument erlernen werden, dann muss ihnen das bitte nicht vorgestellt werden. Man weiß doch, was das ist, oder?
Ich musste hingehen, damit mein Kind sieht, dass es genauso gut Oboe lernen könnte, auch Geige ist nicht schwach, aber das Kind, zwar elektrisiert von der gesamten Darbietung, bleibt bei seiner Entscheidung: es wird Harfe lernen. Da hilft auch nichts, dass der Dirigent, der Freund der Königin, auftritt und sich herausstellt, dass er nicht nur dirigiert, sondern auch Trompete unterrichtet und der Chef der Blasmusikkappelle des Orts ist. Ich denke zwar, dass ich vielleicht Trompete statt Organetto lernen sollte und das Kind ist auch sehr erfreut, dass die beiden Schüler nun "When the saints go marchin' in" blasen, aber das hält ihn nicht davon ab, nach der Darbietung zu sagen: "Ich habe nur eine Frage: können auch Männer Harfe spielen, oder ist das nur was für Frauen." In diesem Moment kommt der Dirigent auf uns zu und ich frage mich erstens, ob er sich an unser aufregendes Erlebnis im Theater erinnert und zweitens, ob ich aus Gründen des allgemeinen Wohlbefindens mich jetzt blitzschnell in den Dirigenten verlieben soll, und da ist er schon in meinem olfaktorischen Bereich und NEIN, das habe ich in der Frischluft vor dem Theater nicht ahnen können: er ist Zigarrenraucher. Er fragt, ob er was für uns tun kann. Danke, aber mein Sohn will Harfe lernen.
Ich mache das Kind mit der Harfelehrerin bekannt. Und das ist Liebe. Ja, es gibt noch einen anderen kleinen Jüngling, der Harfe lernt. Das Kind ist beruhigt. Lehrerin und Kind planen bereits, wie sie mit der Harfe lateinamerikanische Rhythmen zupfen werden. Der Percussionlehrer ist noch dazu der Mann der schönen peruanischen Harfenfrau und im lateinamerikanischen musikalischen Gehirn werden rhythmische Familien-Happenings ausgesponnen.
Ich will heim zu meinem Kassettenrecorder und Barry Manilow. Und ich gestehe: es gab mehr als Barry und Rod. Da waren auch die Bay City Rollers...Ihnen ist es zu verdanken, dass ich auch heute noch davon besessen bin, dauernd einen Rock'n'Roll Love Letter schreiben zu wollen. Das kann ich dann tun, wenn nächstes Jahr gezupft und getrommelt wird.
Wobei sich das mit der Musik natürlich verändert hat. Über den orangen Philips-Plattenspieler versus you tube brauchen wir hier nicht zu reden, kommen wir lieber gleich zur Sache und das ist die mit der Mittelschule mit dem musikalischen Schwerpunkt, man erinnert sich tralalalala, die Söhne spielen Schlagzeug und singen und es gibt ein Orchester und eine königliche Musiklehrerin. Jetzt muss ich auch das Kind in diese Schule einschreiben und das Kind soll ein Instrument auswählen. Das Kind ist, auch das weiß man, ein wahrer Nonkonformist und geht nicht Fußball spielen sondern in klassischen Tanz. Das Kind kündigt bereits vor der Vorstellung der Instrumente an, dass es gedenkt, Harfe zu lernen. HARFE? Nein, das Kind hat nur einen Scherz gemacht. Sagt es.
Ich gehe mit dem Kind zur Präsentation der Instrumente und wo etwa 50 Kinder mit glänzenden Augen einer Vorstellung von 8 Musikinstrumenten folgen sollen, sitzen etwa 12 Kinder, dafür kommen mir gleich mehrmals die Tränen. Da gibt es Querflöte, Harfe, Klavier, Oboe, Klarinette, Trompete, Percussion und Geige. Die Lehrer stellen sich vor und ein oder mehrere Schüler geben etwas zum Besten. Die Instrumente werden auch für die nächsten drei Jahre ausgeliehen. Meine Freundinnen in der großen Stadt bekommen große Augen, ich weiß. Meine Freundinnen in der mittelgroßen Gemeinde in Kalabrien sind leicht genervt. Was? Auch noch ein Instrument? Eine Mutter der fünf Kinder aus der Klasse meines Kindes sagt, ihr Sohn sei nur gekommen, um die Instrumente zu sehen, er werde sicher keines spielen, er ginge ja ohnehin schon Fußballspielen. Andere Mütter bringen ihre Kinder nicht, denn wenn diese auch ein Instrument erlernen werden, dann muss ihnen das bitte nicht vorgestellt werden. Man weiß doch, was das ist, oder?
Ich musste hingehen, damit mein Kind sieht, dass es genauso gut Oboe lernen könnte, auch Geige ist nicht schwach, aber das Kind, zwar elektrisiert von der gesamten Darbietung, bleibt bei seiner Entscheidung: es wird Harfe lernen. Da hilft auch nichts, dass der Dirigent, der Freund der Königin, auftritt und sich herausstellt, dass er nicht nur dirigiert, sondern auch Trompete unterrichtet und der Chef der Blasmusikkappelle des Orts ist. Ich denke zwar, dass ich vielleicht Trompete statt Organetto lernen sollte und das Kind ist auch sehr erfreut, dass die beiden Schüler nun "When the saints go marchin' in" blasen, aber das hält ihn nicht davon ab, nach der Darbietung zu sagen: "Ich habe nur eine Frage: können auch Männer Harfe spielen, oder ist das nur was für Frauen." In diesem Moment kommt der Dirigent auf uns zu und ich frage mich erstens, ob er sich an unser aufregendes Erlebnis im Theater erinnert und zweitens, ob ich aus Gründen des allgemeinen Wohlbefindens mich jetzt blitzschnell in den Dirigenten verlieben soll, und da ist er schon in meinem olfaktorischen Bereich und NEIN, das habe ich in der Frischluft vor dem Theater nicht ahnen können: er ist Zigarrenraucher. Er fragt, ob er was für uns tun kann. Danke, aber mein Sohn will Harfe lernen.
Ich mache das Kind mit der Harfelehrerin bekannt. Und das ist Liebe. Ja, es gibt noch einen anderen kleinen Jüngling, der Harfe lernt. Das Kind ist beruhigt. Lehrerin und Kind planen bereits, wie sie mit der Harfe lateinamerikanische Rhythmen zupfen werden. Der Percussionlehrer ist noch dazu der Mann der schönen peruanischen Harfenfrau und im lateinamerikanischen musikalischen Gehirn werden rhythmische Familien-Happenings ausgesponnen.
Ich will heim zu meinem Kassettenrecorder und Barry Manilow. Und ich gestehe: es gab mehr als Barry und Rod. Da waren auch die Bay City Rollers...Ihnen ist es zu verdanken, dass ich auch heute noch davon besessen bin, dauernd einen Rock'n'Roll Love Letter schreiben zu wollen. Das kann ich dann tun, wenn nächstes Jahr gezupft und getrommelt wird.
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Samstag, 20. Oktober 2012
Kampf dem roten Rüsselkäfer
Dieser Titel klingt wie ein demagogisches Pamphlet aus den Anfängen des Kalten Kriegs, es geht aber um unsere Palme. Vor unserem Haus steht nämlich eine über hundertjährige Palme oder zumindest ca. hundertjährige, immerhin sagen alle, die hier schon lange wohnen, dass die Palme immer schon da gewesen wäre. Ich weiß nicht, ob wir das Haus gekauft hätten, wenn nicht diese große Palme davor gestanden hätte. Dann habe wir das Haus gekauft und danach hatte ich eine Zeit lang irrationale Ängste, jemand könne aus Bosheit die Palme umsägen. Ich war immer beruhigt, wenn sie noch da war.
Ab und zu habe ich dann in den letzten zwei Jahren, seit wir hier wohnen, gedacht, dass mein Leben leichter wäre, wenn die Palme nicht da stehen würde, denn die Palme hat kleine Datteln, die täglich auf den Boden fallen und die man irgendwann wegkehren muss. Entschuldigung liebe Palme.
Seit heute hat sie keine Äste mehr und sieht kahlgeschoren aus. Man kennt das. Man hofft, dass es vorbei geht.
Irgendwann vor ein paar Wochen hat die treue Pflanze ihre Wedel nicht mehr stolz in den Himmel gereckt, sondern leicht schlapp an sich herunter hängen lassen und sah aus wie der Kopf von Rod Stewart in den späten 1970er-Jahren, schlimmer noch, wie Tina Turner. Ich habe das schon bemerkt, aber ich dachte, dass nach drei Monaten ohne Regen auch eine Palme müde aussehen darf und habe freundlich das abgestandene Wasser in der Trinkschüssel vom Hund auf sie geleert.
In Wirklichkeit hat sie sich schon lange in den Fängen des roten Rüsselkäfers befunden, den ich echt nicht kannte, aber viele andere offenbar schon, denn man hört von ihm auch im Fernsehen und man kann viel im Internet lesen, was ich jetzt aber auch nicht machen werde, denn ich bin ihm heute leibhaftig begegnet.
MM hat das gleich gewusst, der ist nämlich informierter als ich und hat in die Wege geleitet, dass ich mich gestern vor acht Uhr morgens dem Obermaurer gegenüber sah, was meinen Gefühlshaushalt noch mehr durcheinander gebracht hat. Immer wenn es ums Krepieren geht, taucht der Mann auf, um irgendwie zu signalisieren, dass es auch Leben gibt, denn trotz seiner Herzprobleme, die er meines Wissens nach nicht zu lösen gedenkt, lebt er immer weiter mit ungebremster Energie und schonungslos.
Er zählt schon ab, wie viele Gerüstteile er braucht, um unsere Palme einzurüsten, zwei Jahre, nachdem er sein Gerüst am Haus abgebaut hat. Ich schaue ihn verärgert an, denn meine verhohlene Verehrung hat in diesen beiden Jahren mehrere Mutationen vollzogen. Nachdem ich die Phase überwunden hatte, in der ich wie Robert de Niro in Cape Fear vor seinem Haus mit einem Messer auftauchen wollte, nämlich als der Abfluss vor dem Haus nicht funktionierte und ich beim Betrachten der zahlreichen Fliesen in den zahlreichen Badezimmern dachte, dass ich selber besser verfliesen kann/könnte und bei allen anderen Problemen auch ihn verantwortlich machte, vor allem bei den Problemen mit der Bank, wurden er und die ganze Geschichte, die mit ihm verbunden ist, allmählich blässlich in meinen Gedanken, bis ich wieder die lebensrettende Funktion in seiner Existenz für mich entdeckte und dann fing alles wieder von vorne an.
Am selben Nachmittag hüpfen dann die Maurer auf ihrem in "quattro quattro otto" (bei uns würde man sagen: in null komma nichts) aufgestellten Gerüst herum und ich versuche, einen intelligenten Eindruck zu machen, und nicht händeringend neben dem Schauplatz zu stehen.
Insgeheim hoffe ich immer noch, dass MM einer Verschwörungstheorie zum Opfer gefallen ist und es keinen roten Rüsselkäfer, der Palmen aushöhlt, gibt. Ich denke, dass eine Beschneidung der Palme aber sicher nicht schaden wird. MM ist zwar ein Held, aber kein Superheld, und er ruft den Obermaurer an, um ihn zu bitten, noch ein paar Gerüstteile einzusetzen, denn er fühlt sich nicht gar so wohl in der Höh mit der Motorsäge in der Hand. Ja, am nächsten Morgen wird dafür gesorgt werden, obwohl es Sonntag morgen sein wird und ich noch verärgerter schauen werde.
Ein paar Palmwedel liegen schon auf dem Boden, das Kind wird dramatisch: "Meine Palme!"
Da mit dem Obermaurer immer ein paar Sachen einher gehen, betritt nun auch ein weiterer Mann mit einer Motorsäge die Bühne, nämlich Aldo, der Held des Baumschnitts, der hier schon eigentlich vor Wochen auftauchen sollte. In Wirlichkeit müsste man das alles filmisch festhalten, wie diese Männer auf unseren Bäumen herumspringen, denn anderswo wird das ans Fernsehen verkauft, aber ich sitze verbissen in meinem Arbeitszimmer UND WILL ES NICHT SEHEN, denn ich will nicht nachdenken, wer zahlen muss, wenn da einer abstürzt. Aldo schneidet zur Freude meiner Schwiegermutter unserer großen Eiche ein paar Äste ab, was uns angeblich heizungstechnisch durch den Winter bringen wird. Aldo ist mit Piero unterwegs und um es kurz zu machen: Piero kniet irgendwann auf der Palme und sägt ihr die Wedel ab. Aldo hält ihn an einem Fuß fest. Sie sind ganz nah bei mir, aber aus dem Augenwinkel sehe ich nur die Äste wackeln und ich schaue ganz fest in meinen Computer. Die Kinder schauen ganz fest in ihre neuen Nintendospiele und ab und zu höre ich MM: "Piero, Piero, warte!" rufen. Keine Frau schaut zu, Männer brauchen diesen Hormonrausch ganz alleine für sich. Angeblich hätte sich unsere brave alte Palme hin und herbewegt, mit Piero auf ihrer Krone.
Ok, die Männer haben es überlebt. Ob es die Palme überleben wird, werden wir sehen.
Der Hund hat ihn übrigens entdeckt, den roten Rüsselkäfer, und hat ihn schrecklich angebellt. Normalerweise bellt er Igel auf diese insistierende Art an, aber auch Hirschkäfer und so eine Art ist der rote Rüsselkäfer und sein Rüssel ist irgendwie eine Art Speerspitze und ich habe ihn mit Freuden zerquetscht. Er ist viel größer, als ich mir das vorgestellt habe, er ist mindestens drei Zentimeter groß und meine Schwiegermutter sagt am Telefon, ich soll vorsichtig sein. Die Palme ist ihr herzlich wurscht. Der Rallyefahrer, der jetzt Fussballer ist und mit Leidenschaft die ganzen Palmwedeln und die unreifen Datteln verbrennt, fragt sich auch, was er machen soll, wenn ihn der Rüsselkäfer beisst.
MM sagt, das nächste Exemplar, das mir unterkommt, soll ich in ein Glas tun, damit er ausprobieren kann, wie das Gift wirkt. Ehrlich gesagt würde ich jeden Rüsselkäfer am liebsten einzeln erschießen. Und dann möchte ich gerne alle erschießen, die mich mit dem Blick ansehen, der sagt: diese Frau hat es geschafft, eine hundertjährige Palme umzubringen. Nein, ihr Deppen, jemand hat den Rüsselkäfer aus Melanesien eingeschleppt und ich war das nicht, ich weiß nicht einmal wo das ist. Ich sage (weil mir das meine gebildete Freundin erzählt hat), dass ganz Sizilien mit dem Problem kämpft und die wohlwollendste Antwort, die ich bekomme, ist, dass nicht nur in Sizilien, dieser unwichtigen kleinen Insel, sondern auch in unserem extrem bekannten Ort zwei Palmen bereits ein der Rettung dienliches Häubchen verpasst bekommen haben.
Es ist sehr still draußen, weil keine Palmzweige rascheln. Ein bisschen erschrocken sieht sie aus, die Palme, so ganz ohne Bedeckung, und ein bisschen starr.
Ab und zu habe ich dann in den letzten zwei Jahren, seit wir hier wohnen, gedacht, dass mein Leben leichter wäre, wenn die Palme nicht da stehen würde, denn die Palme hat kleine Datteln, die täglich auf den Boden fallen und die man irgendwann wegkehren muss. Entschuldigung liebe Palme.
Seit heute hat sie keine Äste mehr und sieht kahlgeschoren aus. Man kennt das. Man hofft, dass es vorbei geht.
Irgendwann vor ein paar Wochen hat die treue Pflanze ihre Wedel nicht mehr stolz in den Himmel gereckt, sondern leicht schlapp an sich herunter hängen lassen und sah aus wie der Kopf von Rod Stewart in den späten 1970er-Jahren, schlimmer noch, wie Tina Turner. Ich habe das schon bemerkt, aber ich dachte, dass nach drei Monaten ohne Regen auch eine Palme müde aussehen darf und habe freundlich das abgestandene Wasser in der Trinkschüssel vom Hund auf sie geleert.
In Wirklichkeit hat sie sich schon lange in den Fängen des roten Rüsselkäfers befunden, den ich echt nicht kannte, aber viele andere offenbar schon, denn man hört von ihm auch im Fernsehen und man kann viel im Internet lesen, was ich jetzt aber auch nicht machen werde, denn ich bin ihm heute leibhaftig begegnet.
MM hat das gleich gewusst, der ist nämlich informierter als ich und hat in die Wege geleitet, dass ich mich gestern vor acht Uhr morgens dem Obermaurer gegenüber sah, was meinen Gefühlshaushalt noch mehr durcheinander gebracht hat. Immer wenn es ums Krepieren geht, taucht der Mann auf, um irgendwie zu signalisieren, dass es auch Leben gibt, denn trotz seiner Herzprobleme, die er meines Wissens nach nicht zu lösen gedenkt, lebt er immer weiter mit ungebremster Energie und schonungslos.
Er zählt schon ab, wie viele Gerüstteile er braucht, um unsere Palme einzurüsten, zwei Jahre, nachdem er sein Gerüst am Haus abgebaut hat. Ich schaue ihn verärgert an, denn meine verhohlene Verehrung hat in diesen beiden Jahren mehrere Mutationen vollzogen. Nachdem ich die Phase überwunden hatte, in der ich wie Robert de Niro in Cape Fear vor seinem Haus mit einem Messer auftauchen wollte, nämlich als der Abfluss vor dem Haus nicht funktionierte und ich beim Betrachten der zahlreichen Fliesen in den zahlreichen Badezimmern dachte, dass ich selber besser verfliesen kann/könnte und bei allen anderen Problemen auch ihn verantwortlich machte, vor allem bei den Problemen mit der Bank, wurden er und die ganze Geschichte, die mit ihm verbunden ist, allmählich blässlich in meinen Gedanken, bis ich wieder die lebensrettende Funktion in seiner Existenz für mich entdeckte und dann fing alles wieder von vorne an.
Am selben Nachmittag hüpfen dann die Maurer auf ihrem in "quattro quattro otto" (bei uns würde man sagen: in null komma nichts) aufgestellten Gerüst herum und ich versuche, einen intelligenten Eindruck zu machen, und nicht händeringend neben dem Schauplatz zu stehen.
Insgeheim hoffe ich immer noch, dass MM einer Verschwörungstheorie zum Opfer gefallen ist und es keinen roten Rüsselkäfer, der Palmen aushöhlt, gibt. Ich denke, dass eine Beschneidung der Palme aber sicher nicht schaden wird. MM ist zwar ein Held, aber kein Superheld, und er ruft den Obermaurer an, um ihn zu bitten, noch ein paar Gerüstteile einzusetzen, denn er fühlt sich nicht gar so wohl in der Höh mit der Motorsäge in der Hand. Ja, am nächsten Morgen wird dafür gesorgt werden, obwohl es Sonntag morgen sein wird und ich noch verärgerter schauen werde.
Ein paar Palmwedel liegen schon auf dem Boden, das Kind wird dramatisch: "Meine Palme!"
Da mit dem Obermaurer immer ein paar Sachen einher gehen, betritt nun auch ein weiterer Mann mit einer Motorsäge die Bühne, nämlich Aldo, der Held des Baumschnitts, der hier schon eigentlich vor Wochen auftauchen sollte. In Wirlichkeit müsste man das alles filmisch festhalten, wie diese Männer auf unseren Bäumen herumspringen, denn anderswo wird das ans Fernsehen verkauft, aber ich sitze verbissen in meinem Arbeitszimmer UND WILL ES NICHT SEHEN, denn ich will nicht nachdenken, wer zahlen muss, wenn da einer abstürzt. Aldo schneidet zur Freude meiner Schwiegermutter unserer großen Eiche ein paar Äste ab, was uns angeblich heizungstechnisch durch den Winter bringen wird. Aldo ist mit Piero unterwegs und um es kurz zu machen: Piero kniet irgendwann auf der Palme und sägt ihr die Wedel ab. Aldo hält ihn an einem Fuß fest. Sie sind ganz nah bei mir, aber aus dem Augenwinkel sehe ich nur die Äste wackeln und ich schaue ganz fest in meinen Computer. Die Kinder schauen ganz fest in ihre neuen Nintendospiele und ab und zu höre ich MM: "Piero, Piero, warte!" rufen. Keine Frau schaut zu, Männer brauchen diesen Hormonrausch ganz alleine für sich. Angeblich hätte sich unsere brave alte Palme hin und herbewegt, mit Piero auf ihrer Krone.
Ok, die Männer haben es überlebt. Ob es die Palme überleben wird, werden wir sehen.
Der Hund hat ihn übrigens entdeckt, den roten Rüsselkäfer, und hat ihn schrecklich angebellt. Normalerweise bellt er Igel auf diese insistierende Art an, aber auch Hirschkäfer und so eine Art ist der rote Rüsselkäfer und sein Rüssel ist irgendwie eine Art Speerspitze und ich habe ihn mit Freuden zerquetscht. Er ist viel größer, als ich mir das vorgestellt habe, er ist mindestens drei Zentimeter groß und meine Schwiegermutter sagt am Telefon, ich soll vorsichtig sein. Die Palme ist ihr herzlich wurscht. Der Rallyefahrer, der jetzt Fussballer ist und mit Leidenschaft die ganzen Palmwedeln und die unreifen Datteln verbrennt, fragt sich auch, was er machen soll, wenn ihn der Rüsselkäfer beisst.
MM sagt, das nächste Exemplar, das mir unterkommt, soll ich in ein Glas tun, damit er ausprobieren kann, wie das Gift wirkt. Ehrlich gesagt würde ich jeden Rüsselkäfer am liebsten einzeln erschießen. Und dann möchte ich gerne alle erschießen, die mich mit dem Blick ansehen, der sagt: diese Frau hat es geschafft, eine hundertjährige Palme umzubringen. Nein, ihr Deppen, jemand hat den Rüsselkäfer aus Melanesien eingeschleppt und ich war das nicht, ich weiß nicht einmal wo das ist. Ich sage (weil mir das meine gebildete Freundin erzählt hat), dass ganz Sizilien mit dem Problem kämpft und die wohlwollendste Antwort, die ich bekomme, ist, dass nicht nur in Sizilien, dieser unwichtigen kleinen Insel, sondern auch in unserem extrem bekannten Ort zwei Palmen bereits ein der Rettung dienliches Häubchen verpasst bekommen haben.
Es ist sehr still draußen, weil keine Palmzweige rascheln. Ein bisschen erschrocken sieht sie aus, die Palme, so ganz ohne Bedeckung, und ein bisschen starr.
Sonntag, 29. Juli 2012
Telefonieren
"Nein, ich bin der Rallyefahrer, ja, es geht mir gut, sehr gut, wie geht es euch?" Wieso lügt der Rallyefahrer am Telefon? Sein Leben ist schwierig, da weder seine Mutter, noch sein Vater, noch seine Brüder seine neue Lebensphilosophie akzeptieren wollen, die da lautet: Die größte Folter für mich ist zu arbeiten und zu lernen. Er ist dreizehn. Menschen, die sich professionell mit dem Wachsen von Menschen befassen, sagen, das ist normal.
"Ja, Mamma ist da." Boing, wird mir ein Telefon ins Gesicht gedrückt. Am anderen Ende lächelt eine Männerstimme. Ich bin zwei Stunden versucht zu denken, das gelte mir. Mein Freund, der Vater der drei Töchter ist dran. Anfangs denke ich, er lacht, als hätte er in einem Hotelzimmer, abseits unserer sechs Kinder und zwei Angetrauten entdeckt, was das Leben sonst noch zu bieten hat und sei höchst erfreut darüber. Dann geht MM mit dem großen Sohn ein Feuerwerk anschauen und der Rallyefahrer plus das Kind können ihre geheimen Wünsche, nun bis drei Uhr morgens fernzusehen nicht verwirklichen und müssen ins Bett gehen. Ich wasche das Geschirr ab und dabei kommt mir eine Erkenntnis. Er denkt gar nicht an mich. Er denkt an sich. Er telefoniert gern mit mir, weil ich "Ja, ja!" sage und nicht versuche, selbst zu sprechen. Das habe ich mir verboten, weil unsere Telefonate sonst endlos dauern würden. Keine andere Frau in Italien würde das tun, ausgenommen eine Russin, aber da kennt er wahrscheinlich keine. Alle italienischen Frauen reden selbst. Russinnen sind (glaube ich) schlau, ich bin gut erzogen. Aber das ist noch nicht die Erkenntnis. Die Erkenntnis hat etwas mit meinen Lieben zu tun, die anfingen, als ich noch klein war und die Männer mir das Gefühl geben konnten, ich wisse nichts (von dem). Dann gab es die lange Zeit der Übereinkunft, in der sie wissen, also verstehen. Und jetzt bin ich es, die weiß und also versteht, das macht mich attraktiv.
Jahrzehnte, Jahrhunderte kommt mir vor, führen wir einen Kreuzzug, um verstanden zu werden. "Du musst dich nicht entschuldigen, ich will nur, dass du mich verstehst."
An einem sehr entlegenen Ort, an dem, wie ich glaube, wenig Menschen je waren, obwohl er schön ist und es einen See gibt, aber wer war schon in Makedonien, hat ein Mann, den ich dort kennengelernt habe, meine Hand ergriffen und mir erklärt, dass seine Frau ihn nicht verstehe. Was für eine Hypothek. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihn verstehen können.
Klar, selten sagt jemand: Ich liebe diese Frau, sie versteht mich nicht.
Nach der Erkenntnis, dass mein Freund mit den drei Töchtern nicht mich, mich, mich liebt, sondern einfach gern mit mir telefoniert, weil ich höre, was er sagt und weil ich lese was er schreibt (er ist nämlich nicht nur Vater von drei Töchtern und Geschichtelehrer, sondern auch Autor - nicht Schriftsteller, das ist ein anderer...), komme ich auch noch zu der Einsicht, dass das Interessanteste an jemand anders das ist, was man nicht schon kennt und versteht. So sagt er zum Beispiel abgesehen davon, dass er die Schulbücher von seinen Töchter verkauft hat, dass er gerne verreist, weil es ihm gefällt, von einem andern Ort auf das zu schauen , was er hier tut. Und das kommt mir beim Geschirrwaschen. Ich glaube, alle griechischen Philosophen haben ab und zu Geschirr abgewaschen, außer Diogenes, der hat gleich im Abwaschbecken Platz genommen.
"Ja, Mamma ist da." Boing, wird mir ein Telefon ins Gesicht gedrückt. Am anderen Ende lächelt eine Männerstimme. Ich bin zwei Stunden versucht zu denken, das gelte mir. Mein Freund, der Vater der drei Töchter ist dran. Anfangs denke ich, er lacht, als hätte er in einem Hotelzimmer, abseits unserer sechs Kinder und zwei Angetrauten entdeckt, was das Leben sonst noch zu bieten hat und sei höchst erfreut darüber. Dann geht MM mit dem großen Sohn ein Feuerwerk anschauen und der Rallyefahrer plus das Kind können ihre geheimen Wünsche, nun bis drei Uhr morgens fernzusehen nicht verwirklichen und müssen ins Bett gehen. Ich wasche das Geschirr ab und dabei kommt mir eine Erkenntnis. Er denkt gar nicht an mich. Er denkt an sich. Er telefoniert gern mit mir, weil ich "Ja, ja!" sage und nicht versuche, selbst zu sprechen. Das habe ich mir verboten, weil unsere Telefonate sonst endlos dauern würden. Keine andere Frau in Italien würde das tun, ausgenommen eine Russin, aber da kennt er wahrscheinlich keine. Alle italienischen Frauen reden selbst. Russinnen sind (glaube ich) schlau, ich bin gut erzogen. Aber das ist noch nicht die Erkenntnis. Die Erkenntnis hat etwas mit meinen Lieben zu tun, die anfingen, als ich noch klein war und die Männer mir das Gefühl geben konnten, ich wisse nichts (von dem). Dann gab es die lange Zeit der Übereinkunft, in der sie wissen, also verstehen. Und jetzt bin ich es, die weiß und also versteht, das macht mich attraktiv.
Jahrzehnte, Jahrhunderte kommt mir vor, führen wir einen Kreuzzug, um verstanden zu werden. "Du musst dich nicht entschuldigen, ich will nur, dass du mich verstehst."
An einem sehr entlegenen Ort, an dem, wie ich glaube, wenig Menschen je waren, obwohl er schön ist und es einen See gibt, aber wer war schon in Makedonien, hat ein Mann, den ich dort kennengelernt habe, meine Hand ergriffen und mir erklärt, dass seine Frau ihn nicht verstehe. Was für eine Hypothek. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ihn verstehen können.
Klar, selten sagt jemand: Ich liebe diese Frau, sie versteht mich nicht.
Nach der Erkenntnis, dass mein Freund mit den drei Töchtern nicht mich, mich, mich liebt, sondern einfach gern mit mir telefoniert, weil ich höre, was er sagt und weil ich lese was er schreibt (er ist nämlich nicht nur Vater von drei Töchtern und Geschichtelehrer, sondern auch Autor - nicht Schriftsteller, das ist ein anderer...), komme ich auch noch zu der Einsicht, dass das Interessanteste an jemand anders das ist, was man nicht schon kennt und versteht. So sagt er zum Beispiel abgesehen davon, dass er die Schulbücher von seinen Töchter verkauft hat, dass er gerne verreist, weil es ihm gefällt, von einem andern Ort auf das zu schauen , was er hier tut. Und das kommt mir beim Geschirrwaschen. Ich glaube, alle griechischen Philosophen haben ab und zu Geschirr abgewaschen, außer Diogenes, der hat gleich im Abwaschbecken Platz genommen.
Donnerstag, 29. März 2012
Wishlist
In der Früh höre ich mit den Kindern immer Radio Italia (solo musica italiana...sempre al tuo fianco). Dort sagen sie immer, man soll ihnen schreiben, was man sich wünscht und es werden täglich 40 Euro verlost. Donnerwetter.
Ich glaube an die Kraft der Wiederholung. Ich höre täglich, dass ich schreiben soll, was ich mir wünsche und jetzt bin ich so weit. Ich schreibe, was ich mir wünsche. Aber ich schreibe es nicht an Radio Italia, denn meine Wunschliste ist zu lang für ein sms.
Ich wünsche mir,
dass ich schneller verstanden werde und nicht mehr so viel reden muss
dass ich mich klarer ausdrücken kann, damit ich nicht mehr so viel reden muss
dass meine Kinder auch in Zukunft unablenkbar am Wesentlichen interessiert sind
dass in mir der Glaube wächst, meine Kinder werden einmal eine Arbeit ausführen, die sie mögen, auch wenn sie heute keine guten Noten in der Schule haben
dass ich nicht krank werde und auch sonst keiner in meiner Umgebung
dass wir aus irgendeinem Grund, der mir noch einfallen wird, zu Geld kommen und ein Dach auf den Schweinestall legen können oder noch viel wichtiger, die Heizung kaufen können
dass ich mir nicht wie Vincent van Gogh das Ohr abschneide
dass ich einmal einem Mann in dem Moment um den Hals falle, in dem er das auch tut, und dass danach alles gut und klar ist und keiner weinen muss
dass ich meine Arbeit rechtzeitig fertig machen kann
dass mich dann der Staatsanwalt oder sonst wer anruft, um mir eine neue Arbeit zu geben, besser wäre sonst wer
dass ich mit meiner Zeit so effizient umgehe, dass ich mir nicht immer mehr Zeit wünschen muss
dass ich bald den Mut habe, wieder im Meer zu schwimmen
dass ich mehr lächle und die da draußen auch
dass irgendwer kommt und denen da draußen mehr Mut macht und dass sie auf ihn hören
dass die Gerechtigkeit siegt (das könnte ich aber an Radio Italia schreiben, oder?)
dass jemand meine Fenster putzt oder ich selbst Lust dazu bekomme
dass ich nicht immer vergesse, die Mandarinen zu pflücken, und dann im letzten Moment wegrennen muss, so wie jetzt
to be continued
Ich glaube an die Kraft der Wiederholung. Ich höre täglich, dass ich schreiben soll, was ich mir wünsche und jetzt bin ich so weit. Ich schreibe, was ich mir wünsche. Aber ich schreibe es nicht an Radio Italia, denn meine Wunschliste ist zu lang für ein sms.
Ich wünsche mir,
dass ich schneller verstanden werde und nicht mehr so viel reden muss
dass ich mich klarer ausdrücken kann, damit ich nicht mehr so viel reden muss
dass meine Kinder auch in Zukunft unablenkbar am Wesentlichen interessiert sind
dass in mir der Glaube wächst, meine Kinder werden einmal eine Arbeit ausführen, die sie mögen, auch wenn sie heute keine guten Noten in der Schule haben
dass ich nicht krank werde und auch sonst keiner in meiner Umgebung
dass wir aus irgendeinem Grund, der mir noch einfallen wird, zu Geld kommen und ein Dach auf den Schweinestall legen können oder noch viel wichtiger, die Heizung kaufen können
dass ich mir nicht wie Vincent van Gogh das Ohr abschneide
dass ich einmal einem Mann in dem Moment um den Hals falle, in dem er das auch tut, und dass danach alles gut und klar ist und keiner weinen muss
dass ich meine Arbeit rechtzeitig fertig machen kann
dass mich dann der Staatsanwalt oder sonst wer anruft, um mir eine neue Arbeit zu geben, besser wäre sonst wer
dass ich mit meiner Zeit so effizient umgehe, dass ich mir nicht immer mehr Zeit wünschen muss
dass ich bald den Mut habe, wieder im Meer zu schwimmen
dass ich mehr lächle und die da draußen auch
dass irgendwer kommt und denen da draußen mehr Mut macht und dass sie auf ihn hören
dass die Gerechtigkeit siegt (das könnte ich aber an Radio Italia schreiben, oder?)
dass jemand meine Fenster putzt oder ich selbst Lust dazu bekomme
dass ich nicht immer vergesse, die Mandarinen zu pflücken, und dann im letzten Moment wegrennen muss, so wie jetzt
to be continued
Montag, 26. März 2012
Count your blessings
Die Blessings sind nicht die Blessuren, aber die könnte man natürlich auch zählen. Es ist Frühling, und während die Menschheit diese Zeit dazu nützt, erstens die Winterjacken wieder wegzuräumen, zweitens die Christbaumkugeln gegen die Osterzweige einzutauschen und drittens das Haus zu putzen, möchte ich die sonnigen Tage und das optimistische Vogelgezwitscher zum Anlass nehmen, mich umzuschauen.
Viele Farben, das grelle Gelb der Kleeblüten mit dem japanisch anmutendem rosa und weiß der Obstbaumblüte, das giftige Grün der sprießenden Natur, der strahlend blaue Himmel. Bei uns wächst der hellgrüne Lattugasalat und eine Art dunkelroter Lollo rosso, ein paar Hülsenfrüchtestängel streben nach oben, bei den Nachbarn hingegen wachsen ganze Felder mit Saubohnen, matt grüne Ranken, die jetzt zu blühen beginnen. Und Zwiebel recken stolz ihre grünen Blätter hoch.
Von einem Tag auf den anderen werden die Wollstrumpfhosen in der Lade nach hinten geschoben und man leidet unter der Hitze, statt unter der Kälte. Es riecht nach Honig, vielleicht liegt das daran, dass bienenartige Insekten um den Rosmarinstrauch brummen.
Die Nachbarzwillinge haben ihr Wollmützen gegen eine Ray Ban Sonnenbrille getauscht, nur meine Kinder haben einfach einen Anorak weniger an, denn den Kauf einer sogenannten Übergangsjacke für genau zwei Tage pro Jahr habe ich eingespart.
Die minimalistische Frau Adler habe ich schon lange nicht gesehen, da sie zu ihrer Tochter gefahren ist. Ihr Schwiegersohn hat gesundheitliche Probleme, und wenn Frau Adler hier ist, heißt das, der Schwiegersohn ist im Spital und das ist auch nicht sehr angenehm.
Meine Nachbarin Laura, die Mutter der Zwillinge, sagt bereits seit mehreren Tagen: Hast du gesehen, was für schönes Wetter ist? Und ihr Mann sagte auch schon mehrmals: Hoffen wir, es dauert. Ich bin immer ganz beeindruckt, weil er den Konjunktiv benutzt, er sagt: dass es dauern möge. Trotz allen Unbills und trotz all der Hausübungen habe ich nun doch so ein leicht flatterndes Gefühl im Bauch, als würden Ballettschuhe durch meine Seele tänzeln und ich würde gerne zu jemandem sagen: Ja, mein Schatz, es möge dauern.
Die Fenster stehen den ganzen Tag offen und die Katzen kommen herein und schnurren. Der Nachbar von unten ruft laut: "Buffa!". Er ruft seinen winzigen Rassehund, der wohl auch seinen Frühlingsgefühlen nachgibt und einen mittelgroßen Mischling lieb anschaut.
Traktoren sind aus allen Ecken zu hören und die Geißböcke mit ihren irritierenden Schreien, die mich an meine Kinder erinnern, wenn sie an den langen Nachmittagen am Tisch der Hausübungen sich nicht mehr konzentrieren können.
Die Mütter, die ich sehe, wenn ich das Kind in die Tanzstunde bringen, tragen kurze Lederjacken und sehen aus, als würden sie zu den Männern gehören, die am Samstag Vormittag auf den Harley Davidsons vorbeipreschen, während ich in den Supermarkt fahre. Ich habe bereits die Ostereier mit der Überraschung eingekauft und ich befürchte, dieses Jahr wird Ostern durch diese verfrühte Aktion von mir gar nicht stattfinden.
Ich gebe zu, statt mit meinem Ehemann über die Strategien bezüglich der Schule zu diskutieren, würde ich, wenn meine Kinder im Bett sind, lieber mit einem Mann in einer Bar sitzen, der nicht für diese Themen zuständig ist. Ich würde, wie Kim Basinger in einem Film, in dem sie die Frau des amerikanischen Präsidenten spielt, sagen: "Ich weiß, Frauen trinken normalerweise keinen Whiskey, aber meine Mutter ist aus Tennessee - hier, dieser ist für Sie." Ach, und dann würden wir möglicherweise eng umschlungen zu einer Melodie aus prähistorischen Zeiten tanzen und wenn seine Hand meinen Körper entlang streichen würde, dann wäre ich froh, keine Wollstrumpfhosen mehr zu tragen.
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Donnerstag, 20. Oktober 2011
Etwas Kleines und sehr Schönes
Seit geraumer Zeit denke ich über das Nachbarkind nach. Und ich gebe zu, dass diese Gedanken mich irritieren. Ich weiß nicht, welche Faszination dieses Kind auf mich ausübt. Gefallen mir jetzt bereits bartlose 16-jährige? Es handelt sich eindeutig um ein Kind, das noch im Wachsen ist, dem Pickel sprießen und das beim Sprechen einen S-Fehler nicht verbergen kann. Auch mein Kind ist vom Nachbarkind begeistert: "Ich weiß nicht, aber der Typ gefällt mir!". Dem ist nichts hinzuzufügen, jetzt sind wir schon soweit, dass der Mutter und dem neunjährigen Kind dieselben jungen Männer gefallen.
Ich überprüfe mich: Als mir der Junge nahe kommt, weil er das, was ich ihm sagen will, aufgrund lauter Musik nicht verstehen kann, und er sein Ohr in Richtung meines Mundes bewegt, durchfährt kein inopportuner aufregender Schauer meinen Körper, ich begehre ihn also nicht. Was ist es aber dann, dieses Licht, das auf mich scheint?
Als ich in der Küche stehe und marinierte Paprikaschoten esse und dabei auf einer Ebene meines Gehirns über diese Speise nachdenke, nämlich dass MM die Paprikaschoten im Ofen gegart hat, um sie anschließend zu schälen und wie heldenhaft ich das finde und dass eigentlich Schafkäse passen würde, da kommt plötzlich von hinten eine Welle der Erkenntnis angerollt, in der geschrieben steht, dass es sich bei dem erstaunlichen Nachbarkind um einen Engel handeln muss.
Und zwar deshalb, weil er immer lächelt, wenn er mit jemandem zu tun hat. Weil er mit kleineren Kindern spielt. Weil er kleineren Kindern über die Wange streicht und Erwachsene mit ihrem Namen anspricht. Weil er Konversation betreibt (stotternd). Weil er mit weiblichen Wesen im Alter von 12 bis 82 tanzt, unermüdlich. Weil er immer dann und dort auftaucht, wo Hilfe gebraucht wird. Weil er oft Danke sagt und "Das macht nichts", wenn etwas nicht klappt. Weil er einen Glanz in den Augen hat, als würde er immer auf den Christbaum starren.
So wäre ich auch gerne.
Der Junge hat einen Zwillingsbruder, der so ist, wie man sich einen 15- oder 16jährigen vorstellt: rau, lässig, unfreundlich, stumm und ohne Sturzhelm. Die beiden schauen sich auch gar nicht ähnlich und ich finde ziemlich dämlich von mir, dass ich sie anfangs nicht unterscheiden konnte, aber "das machte nichts".
Schon bevor das Kind zu tanzen begann, erklärte mir der Nachbarjunge, eben auch ein Tänzer, dass es in Ordnung ist, dass männliche Wesen tanzen. (Mittlerweile versucht er sich nicht nur im modernen Tanz, sondern auch im klassischen Ballett und dazu hat ihn sicher das Beispiel unseres akklamierten unerschrockenen Neunjährigen gebracht). Jetzt schauen sich die beiden Eleven im Internet Tanzvideos an und unterhalten sich über die weiblichen Mitglieder ihrer jeweiligen Gruppen. Welche seiner Kolleginnen er schön fände, will der Große vom Kleinen wissen. Schön finde er keine, sagt der ehrlich, lieb seien sie aber.
Ich glaube, der Engel hat das Engelhafte von seiner Mutter, von der meine Freundin Teresa sagt: "...und sie beklagt sich nie!" Auch dieser Satz ist wie ein Mantra in meinen Gedanken.
So wäre ich auch gerne.
Ich bin leider nur sehr selten heilig, denn ich bin eher wie der unsympathische Zwillingsbruder. Aber ich habe mir vorgenommen, den beiden Jungs zu empfehlen, einen Sturzhelm auf ihrem knatternden kleinen Motorrad zu tragen, obwohl der Engel keinen bräuchte, der hat ja Flügel für den Notfall.
Ich überprüfe mich: Als mir der Junge nahe kommt, weil er das, was ich ihm sagen will, aufgrund lauter Musik nicht verstehen kann, und er sein Ohr in Richtung meines Mundes bewegt, durchfährt kein inopportuner aufregender Schauer meinen Körper, ich begehre ihn also nicht. Was ist es aber dann, dieses Licht, das auf mich scheint?
Als ich in der Küche stehe und marinierte Paprikaschoten esse und dabei auf einer Ebene meines Gehirns über diese Speise nachdenke, nämlich dass MM die Paprikaschoten im Ofen gegart hat, um sie anschließend zu schälen und wie heldenhaft ich das finde und dass eigentlich Schafkäse passen würde, da kommt plötzlich von hinten eine Welle der Erkenntnis angerollt, in der geschrieben steht, dass es sich bei dem erstaunlichen Nachbarkind um einen Engel handeln muss.
Und zwar deshalb, weil er immer lächelt, wenn er mit jemandem zu tun hat. Weil er mit kleineren Kindern spielt. Weil er kleineren Kindern über die Wange streicht und Erwachsene mit ihrem Namen anspricht. Weil er Konversation betreibt (stotternd). Weil er mit weiblichen Wesen im Alter von 12 bis 82 tanzt, unermüdlich. Weil er immer dann und dort auftaucht, wo Hilfe gebraucht wird. Weil er oft Danke sagt und "Das macht nichts", wenn etwas nicht klappt. Weil er einen Glanz in den Augen hat, als würde er immer auf den Christbaum starren.
So wäre ich auch gerne.
Der Junge hat einen Zwillingsbruder, der so ist, wie man sich einen 15- oder 16jährigen vorstellt: rau, lässig, unfreundlich, stumm und ohne Sturzhelm. Die beiden schauen sich auch gar nicht ähnlich und ich finde ziemlich dämlich von mir, dass ich sie anfangs nicht unterscheiden konnte, aber "das machte nichts".
Schon bevor das Kind zu tanzen begann, erklärte mir der Nachbarjunge, eben auch ein Tänzer, dass es in Ordnung ist, dass männliche Wesen tanzen. (Mittlerweile versucht er sich nicht nur im modernen Tanz, sondern auch im klassischen Ballett und dazu hat ihn sicher das Beispiel unseres akklamierten unerschrockenen Neunjährigen gebracht). Jetzt schauen sich die beiden Eleven im Internet Tanzvideos an und unterhalten sich über die weiblichen Mitglieder ihrer jeweiligen Gruppen. Welche seiner Kolleginnen er schön fände, will der Große vom Kleinen wissen. Schön finde er keine, sagt der ehrlich, lieb seien sie aber.
Ich glaube, der Engel hat das Engelhafte von seiner Mutter, von der meine Freundin Teresa sagt: "...und sie beklagt sich nie!" Auch dieser Satz ist wie ein Mantra in meinen Gedanken.
So wäre ich auch gerne.
Ich bin leider nur sehr selten heilig, denn ich bin eher wie der unsympathische Zwillingsbruder. Aber ich habe mir vorgenommen, den beiden Jungs zu empfehlen, einen Sturzhelm auf ihrem knatternden kleinen Motorrad zu tragen, obwohl der Engel keinen bräuchte, der hat ja Flügel für den Notfall.
Montag, 5. September 2011
Organetto spielen
Ho preso la chitarra
e suono per te
il tempo di imparare
non l’ho e non so suonare
ma suono per te.
Ich habe die Gitarre genommen
und spiele für dich.
Ich habe keine Zeit, zu lernen
und ich kann nicht spielen,
aber ich spiele für dich.
Das Kind fragt, warum Malika Ayan in diesem Lied mit dem Titel "La prima cosa bella" behauptet, sie könne nicht Gitarre spielen und dann würde sie es doch tun. Ich sage, sie würde sich auf diese Art entschuldigen, weil sie nicht so gut spiele, wie sie es wolle. Wir reden über Instrumente und ich sage, das sei toll, ein Instrument zu lernen, ich würde gerne Organetto lernen. "Du?" prustet der 14-jährige. Er findet es lächerlich. "Mama, es tut mir Leid, dass mein Bruder sich über dich lustig macht.", sagt das Kind. In Wirklichkeit ist er froh, denn so kann er sich über den Bruder stellen. "Ich möchte nicht Organetto lernen." setzt der 14-jährige nach. "Ich spreche auch nicht von dir, sondern über mich." Ein wenig Selbstverteidigung kann nicht schaden. Ich sage nicht, dass ich schon geplant habe, den Nachbarjungen Francesco, angeblich ein kleiner Gott des Organetto, nach seinem Lehrer zu fragen. Manchmal hört man den frischen und gleichzeitig wehmütigen Klang vom Nachbarhaus her wehen. Das Organetto ist ein in Süditalien verbreitetes Instrument, das an eine kleine Ziehharmonika erinnert. Bei jedem Fest spielen ein paar Jungs im Alter von 5 bis 99 dieses Instrument und dann tanzen alle Tarantella, als hätten sie das im Mutterleib schon getan. Außerdem kenne ich ein paar geniale Musiker, die mit ihrem Können die Volksmusik zu dem machen, was dann "Ethno" genannt wird und das darf dann auch Menschen wie mir gefallen, denen Volksmusik peinlich ist.
Dass ich Organetto spielen will, hat zwei Gründe. Erstens: ich wollte das schon lange machen, ich betrachte es als die größte derzeit vorstellbare Herausforderung, weil ich nämlich nicht musikalisch bin. Und aufgeschoben wird nichts mehr. Zweitens: es erscheint mir als Weg, meine überbordende Libido zu kanalisieren. Da ich aufgrund meiner Wade, die wie die von Fussballstar Totti aussieht, nur humpeln und damenhaft schwimmen kann, könnte ich doch die Energie in meine Finger legen, oder? Ins Schwitzen käme ich dabei bestimmt.
Der 14-jährige findet mein Projekt so komisch, dass er es seinem Vater erzählt. "Tolle Idee!", sagt der, "dann kann sie ein wenig Zeit totschlagen, sie hat ja so viel davon." Haha. "Sie muss nur einen Lehrer finden, der sie zwischen ein und drei Uhr morgens unterrichtet."
Ihr werdet euch wundern, Jungs. Der Herbst kommt und ihr werdet in euren Ausbildungsstätten verschimmeln, während ich ein Mal pro Woche heimlich zum Organetto-Lehrer hinke. Und dann spiele ich - für mich.
e suono per te
il tempo di imparare
non l’ho e non so suonare
ma suono per te.
Ich habe die Gitarre genommen
und spiele für dich.
Ich habe keine Zeit, zu lernen
und ich kann nicht spielen,
aber ich spiele für dich.
Das Kind fragt, warum Malika Ayan in diesem Lied mit dem Titel "La prima cosa bella" behauptet, sie könne nicht Gitarre spielen und dann würde sie es doch tun. Ich sage, sie würde sich auf diese Art entschuldigen, weil sie nicht so gut spiele, wie sie es wolle. Wir reden über Instrumente und ich sage, das sei toll, ein Instrument zu lernen, ich würde gerne Organetto lernen. "Du?" prustet der 14-jährige. Er findet es lächerlich. "Mama, es tut mir Leid, dass mein Bruder sich über dich lustig macht.", sagt das Kind. In Wirklichkeit ist er froh, denn so kann er sich über den Bruder stellen. "Ich möchte nicht Organetto lernen." setzt der 14-jährige nach. "Ich spreche auch nicht von dir, sondern über mich." Ein wenig Selbstverteidigung kann nicht schaden. Ich sage nicht, dass ich schon geplant habe, den Nachbarjungen Francesco, angeblich ein kleiner Gott des Organetto, nach seinem Lehrer zu fragen. Manchmal hört man den frischen und gleichzeitig wehmütigen Klang vom Nachbarhaus her wehen. Das Organetto ist ein in Süditalien verbreitetes Instrument, das an eine kleine Ziehharmonika erinnert. Bei jedem Fest spielen ein paar Jungs im Alter von 5 bis 99 dieses Instrument und dann tanzen alle Tarantella, als hätten sie das im Mutterleib schon getan. Außerdem kenne ich ein paar geniale Musiker, die mit ihrem Können die Volksmusik zu dem machen, was dann "Ethno" genannt wird und das darf dann auch Menschen wie mir gefallen, denen Volksmusik peinlich ist.
Dass ich Organetto spielen will, hat zwei Gründe. Erstens: ich wollte das schon lange machen, ich betrachte es als die größte derzeit vorstellbare Herausforderung, weil ich nämlich nicht musikalisch bin. Und aufgeschoben wird nichts mehr. Zweitens: es erscheint mir als Weg, meine überbordende Libido zu kanalisieren. Da ich aufgrund meiner Wade, die wie die von Fussballstar Totti aussieht, nur humpeln und damenhaft schwimmen kann, könnte ich doch die Energie in meine Finger legen, oder? Ins Schwitzen käme ich dabei bestimmt.
Der 14-jährige findet mein Projekt so komisch, dass er es seinem Vater erzählt. "Tolle Idee!", sagt der, "dann kann sie ein wenig Zeit totschlagen, sie hat ja so viel davon." Haha. "Sie muss nur einen Lehrer finden, der sie zwischen ein und drei Uhr morgens unterrichtet."
Ihr werdet euch wundern, Jungs. Der Herbst kommt und ihr werdet in euren Ausbildungsstätten verschimmeln, während ich ein Mal pro Woche heimlich zum Organetto-Lehrer hinke. Und dann spiele ich - für mich.
Sonntag, 4. September 2011
Auf dem Dach
Meine erotische Vorstellung besteht darin, dass ich nachts auf dem Dach liege und er, der Prinz auf dem weißen Pferd, hinter mir sitzt und durch mein Haar streicht. Armselig?
Mein Ehemann kommt als Prinz nicht in Frage, denn der muss die Kinder versorgen, während ich, wenn auch nur in meiner Fantasie, auf dem Dach liege. Wie kommt der Mann auf das Dach? Es gibt keinen Übergang vom Festland auf diese Insel, außer durch das Haus. Als die Maurer hier werkten, haben sie ein langes Holzbrett vom Weg auf das Dach gelegt und sind geschickt darüber getänzelt. MM ist froh, dass das Brett weg ist, aber aus Gründen der allgemeinen Sicherheit, und nicht, weil er weiß, dass ich in der Theorie nachts auf dem Dach liege. In der Praxis hänge ich nachts auf dem Dach die Wäsche auf und schaue in den unglaublichen Sternenhimmel. Und ich rede mir ein, dass es nicht an meiner Unfähigkeit liegt, die Dinge des Alltags eben unter Tags fertig zu bringen, sondern weil ich den Mann, der mir durchs Haar streicht, keinesfalls verpassen möchte.
Mein Ehemann kommt als Prinz nicht in Frage, denn der muss die Kinder versorgen, während ich, wenn auch nur in meiner Fantasie, auf dem Dach liege. Wie kommt der Mann auf das Dach? Es gibt keinen Übergang vom Festland auf diese Insel, außer durch das Haus. Als die Maurer hier werkten, haben sie ein langes Holzbrett vom Weg auf das Dach gelegt und sind geschickt darüber getänzelt. MM ist froh, dass das Brett weg ist, aber aus Gründen der allgemeinen Sicherheit, und nicht, weil er weiß, dass ich in der Theorie nachts auf dem Dach liege. In der Praxis hänge ich nachts auf dem Dach die Wäsche auf und schaue in den unglaublichen Sternenhimmel. Und ich rede mir ein, dass es nicht an meiner Unfähigkeit liegt, die Dinge des Alltags eben unter Tags fertig zu bringen, sondern weil ich den Mann, der mir durchs Haar streicht, keinesfalls verpassen möchte.
Montag, 22. August 2011
Sozialstudie im Krankenhaus
Nach dem Besuch in der Kindheit, besucht die Dattilografa das allgemeine Krankenhaus der Stadt. Mit großer Dankbarkeit verläßt sie es wieder: es ist nur ein Muskelfaserriss und kein Achillessehnenriss, nur 6 Wochen Heilungsprozess und nicht 4 Monate. Kein Gips, nur ein Tapeverband. Keine OP. Nach der Dankbarkeit kommt gleich die Unzufriedenheit. Wieso musste mir das passieren? Ich hatte doch gerade so Spaß beim Federballspielen! Und ich kann heuer nicht mehr im Meer schwimmen. Der entfernte MM behauptet, schwimmen sei gut, aber ich glaube, er weiß nicht, wie es in meiner Wade aussieht.
Der OP-Gehilfe, der mir den Tapeverband anlegt, hat sich auch einmal die Muskeln in der Wade eingerissen und die Frau Doktor (die den ganzen Tag nichts gegessen hat) auch zwei Mal die Achillessehne.
Nur der 2. OP-Gehilfe ist nervös und spricht mit hervorquellenden Augen über seinem Mundschutz hervor:wir haben sooo lange Schnittwunden zu nähen. Mit den Händen zeigt er die Distanz eines halben Meters.
Meine Freundin und ich werfen uns einen Blick zu: Wir haben niemanden abgestochen!
Der OP-Gehilfe, der mir den Tapeverband anlegt, hat sich auch einmal die Muskeln in der Wade eingerissen und die Frau Doktor (die den ganzen Tag nichts gegessen hat) auch zwei Mal die Achillessehne.
Nur der 2. OP-Gehilfe ist nervös und spricht mit hervorquellenden Augen über seinem Mundschutz hervor:wir haben sooo lange Schnittwunden zu nähen. Mit den Händen zeigt er die Distanz eines halben Meters.
Meine Freundin und ich werfen uns einen Blick zu: Wir haben niemanden abgestochen!
Back to the roots
Die Dattilografa war mit dem Nachwuchs dort, wo die Dattilografa ihre Kindheitssommer verbracht hat, im Dorf von der Oma. Ich habe im Haus von der Oma geschlafen, das nur noch außen an das Haus von der Oma erinnert, dort aber dafür ziemlich. Die Tante wohnt noch daneben. Der Nussbaum ist weg, aber ein paar Marillenbäume sind noch die alten und die Milchkanne, mit der ich als Kind beim Bauern Milch holen war, hat meine Kusine auch aufgehoben. Ich war seit dreißig Jahren nicht mehr im Ort, seit die Oma tot ist. Ich weiß nicht warum, es ist einfach so. Ich bin froh, dass ich jetzt dort war.
Ich sitze auf der Treppe vom Omas Haus und fühle mich wie 10. Entschieden, vorurteilsfrei und voller klar umrissener Projekte.
Wir haben noch einen Kusin gehabt, den wir auch gar nicht mehr sehen, der war uns damals schon zu "verweichlicht" wie meine Kusine heute sagt, wir waren eher die "wilden Typen". Ich weiß, dass wir gelacht haben, bis wir uns fast in die Hosen gemacht haben und die Oma war mit von der Partie. Meine Kusine ist heute noch lustig.
Auch die Kinder amüsieren sich bis zum Abwinken.
Ich erinnere mich, dass ich mit 15 einen potenziellen jugendlichen Geliebten hatte, der nicht verstand, dass ich ihn nicht treffen konnte, als meine Oma starb. Ich kann nicht, meine Oma ist gestorben, verstehst du? Verstand er nicht, ich weiß auch nur noch wo das war und nicht mehr wer er war. Beim Begräbnis habe ich viel geweint, aber beim Leichenschmaus haben wir wieder Tränen gelacht. Vielleicht habe ich auf Vorrat gelacht.
Meine Oma hatte immer einen Spruch auf Lager, über den ich lange nachdenken konnte. Mein Großvater hatte sie begehrt, aber sie sei stolz vor ihm hergegangen, wie ein Hirsch. Mir wurde auch erzählt, dass meine Großmutter von eben diesem Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, in die große Stadt kam und ihren Koffer auf dem Kopf trug. So stellte ich sie mir dann immer vor: stolz wie ein Hirsch, mit einem Koffer auf dem Kopf, den lechzenden Großvater dahinter.
Meinen Großvater habe ich nie kennen gelernt und meine Kusine hat mir ein Detail aus meiner Familiengeschichte verraten, das mich so überrascht hat, dass ich nicht weiter nachfragen konnte. Ich hoffe, es falsch verstanden zu haben. Ich würde es sehr gerne googlen, aber ich befürchte, es steht nicht im Internet.
Die Tatsache, dass auch die Urahnen einmal jung waren und dass sie von romantischen oder erotischen Gefühlen ergriffen wurden, erstaunt mich sehr. Und wohin dann das Begehren sich erstreckt! Aber vielleicht ist es dem Begehren ja sozusagen systemimmanent, dass es immer in die hoffnungslos falsche Richtung strebt.
Ich sitze auf der Treppe vom Omas Haus und fühle mich wie 10. Entschieden, vorurteilsfrei und voller klar umrissener Projekte.
Wir haben noch einen Kusin gehabt, den wir auch gar nicht mehr sehen, der war uns damals schon zu "verweichlicht" wie meine Kusine heute sagt, wir waren eher die "wilden Typen". Ich weiß, dass wir gelacht haben, bis wir uns fast in die Hosen gemacht haben und die Oma war mit von der Partie. Meine Kusine ist heute noch lustig.
Auch die Kinder amüsieren sich bis zum Abwinken.
Ich erinnere mich, dass ich mit 15 einen potenziellen jugendlichen Geliebten hatte, der nicht verstand, dass ich ihn nicht treffen konnte, als meine Oma starb. Ich kann nicht, meine Oma ist gestorben, verstehst du? Verstand er nicht, ich weiß auch nur noch wo das war und nicht mehr wer er war. Beim Begräbnis habe ich viel geweint, aber beim Leichenschmaus haben wir wieder Tränen gelacht. Vielleicht habe ich auf Vorrat gelacht.
Meine Oma hatte immer einen Spruch auf Lager, über den ich lange nachdenken konnte. Mein Großvater hatte sie begehrt, aber sie sei stolz vor ihm hergegangen, wie ein Hirsch. Mir wurde auch erzählt, dass meine Großmutter von eben diesem Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, in die große Stadt kam und ihren Koffer auf dem Kopf trug. So stellte ich sie mir dann immer vor: stolz wie ein Hirsch, mit einem Koffer auf dem Kopf, den lechzenden Großvater dahinter.
Meinen Großvater habe ich nie kennen gelernt und meine Kusine hat mir ein Detail aus meiner Familiengeschichte verraten, das mich so überrascht hat, dass ich nicht weiter nachfragen konnte. Ich hoffe, es falsch verstanden zu haben. Ich würde es sehr gerne googlen, aber ich befürchte, es steht nicht im Internet.
Die Tatsache, dass auch die Urahnen einmal jung waren und dass sie von romantischen oder erotischen Gefühlen ergriffen wurden, erstaunt mich sehr. Und wohin dann das Begehren sich erstreckt! Aber vielleicht ist es dem Begehren ja sozusagen systemimmanent, dass es immer in die hoffnungslos falsche Richtung strebt.
Montag, 8. August 2011
hush hush and away
Die Dattilografa mit den drei Kindern und den drei Koffern gibt die Fremdenführerin in ihrer alten Heimatstadt. Der große Sohn findet sie beeindruckend. Sie findet den Sohn beeindruckend, dass er so was sagen kann. Die Kinder der besuchenden Familie sind noch anstrengender als die eigenen. Am Ende des Tages hat der Rallyefahrer ein Stück Zahn ausgebrochen, das Gastkind ist im Gatsch gelandet und wie durch ein Wunder nicht vom Ringelspiel überfahren worden, das Kind sagt hundertmal: "ich sage es dir jetzt zum letzten Mal, wenn ich nicht sofort etwas zu trinken bekomme, sterbe ich." Außerdem hat er hundert Nadeln in den Füßen. Der Datti ist das alles so was von wurscht, denn sie hat sich als Kind selbst ein Stück Zahn ausgeschlagen, ist in den Gatsch gefallen und meinte, verdursten zu müssen.
Alles was mich interessiert ist, so zu werden, wie mein Freund, der italienische Filmprofessor. Nein, ich bin nicht in ihn verliebt, ich finde ihn nur so verehrunsgwürdig klar. Wie er die Dinge beurteilt. Wenn er einen Satz mit: "Ich nehme wahr..." beginnt. Auch wie er das Beste für seine Familie, für seine Kinder herauszufinden versucht, jetzt ganz abgesehen von Wenders, Herzog und Nanni Moretti. Ich kann das nicht, deshalb bin ich wahrscheinlich auch kein ordentlicher Universitätsprofessor. Allerdings habe ich auch keine Frau wie er. Aber ich weiß aus eigener Ansicht, dass er für seine damals noch kleine Tochter sorgte, als seine Frau schlief, die sich mit der somnambulen Tochter die Nächte um die Ohren schlug. Sie saßen auf der Terrasse, die z´Zweijährige mit ihrem Buch, er mit seinem Buch: "Nein, das ist Papas Buch, du hast dein Buch!"
Ich habe jetzt abends eineinhalb Stunden vor dem Computer, das ist mehr als zu Hause, wo ich mit MM spreche, oder dem Hund zu fressen gebe, während die Unter-15-jährigen einen Film sehen. Da die Kinder einige Harry Potter Filme mitgenommen habe, erwarten mich einige lange Abende. Ich habe begonnen, zu schreiben, und ich werde mich jeden Tag an meinen erfolgreichen Freund erinnern: Papa arbeitet - Mama arbeitet, la Dattilografa schreibt.
Gestern wollte das Kind die Tür zum Wohnzimmer schließen, in dem der Film gesehen wurde, ich saß in der Küche vor dem Schreibgerät. "Kann ich die Tür zu machen?" "Wieso?" "Damit du besser lernen kannst." Ok, die Zeit ist kurz, ich muss schnell lernen.
Alles was mich interessiert ist, so zu werden, wie mein Freund, der italienische Filmprofessor. Nein, ich bin nicht in ihn verliebt, ich finde ihn nur so verehrunsgwürdig klar. Wie er die Dinge beurteilt. Wenn er einen Satz mit: "Ich nehme wahr..." beginnt. Auch wie er das Beste für seine Familie, für seine Kinder herauszufinden versucht, jetzt ganz abgesehen von Wenders, Herzog und Nanni Moretti. Ich kann das nicht, deshalb bin ich wahrscheinlich auch kein ordentlicher Universitätsprofessor. Allerdings habe ich auch keine Frau wie er. Aber ich weiß aus eigener Ansicht, dass er für seine damals noch kleine Tochter sorgte, als seine Frau schlief, die sich mit der somnambulen Tochter die Nächte um die Ohren schlug. Sie saßen auf der Terrasse, die z´Zweijährige mit ihrem Buch, er mit seinem Buch: "Nein, das ist Papas Buch, du hast dein Buch!"
Ich habe jetzt abends eineinhalb Stunden vor dem Computer, das ist mehr als zu Hause, wo ich mit MM spreche, oder dem Hund zu fressen gebe, während die Unter-15-jährigen einen Film sehen. Da die Kinder einige Harry Potter Filme mitgenommen habe, erwarten mich einige lange Abende. Ich habe begonnen, zu schreiben, und ich werde mich jeden Tag an meinen erfolgreichen Freund erinnern: Papa arbeitet - Mama arbeitet, la Dattilografa schreibt.
Gestern wollte das Kind die Tür zum Wohnzimmer schließen, in dem der Film gesehen wurde, ich saß in der Küche vor dem Schreibgerät. "Kann ich die Tür zu machen?" "Wieso?" "Damit du besser lernen kannst." Ok, die Zeit ist kurz, ich muss schnell lernen.
Mittwoch, 3. August 2011
Worte der Woche: amorevole und amoroso
Ein wesentlicher Bestandteil unseres etwa 3500 Quadratmeter großen Obst- und Gemüsegartens ist ein Wasserbecken, in dem das Wasser, das aus wunderbaren Gründen aus einer Quelle zu uns kommt, gesammelt wird, bevor wir damit den Garten gießen. Wenn wir das Wasser nicht brauchen, fließt es durch ein Rohr weiter, mischt sich mit anderem Wasser und geht in den Wildbach. Wenn wir gießen, öffnen wir ein anderes Rohr und schleppen Schläuche zu den Furchen, in denen Tomaten, Auberginen (in Österreich als Paradeiser und Melanzani bekannt), Kürbisse, Gurken, Paprikaschoten und anderes wachsen. Wenn das Wasser in die Rinnen gluckert, fühlt man sich wie ein Wasserbauexperte und hat das Gefühl, sein Leben extrem sinnvoll zu gestalten und sich sein Abendessen oder sein Frühstück, je nach Zeit dies Gießens, rechtschaffen verdient zu haben. Leider gehört die Putzorgie, die wir vor zwei Jahren im Wasserbecken veranstaltet haben, dringend wiederholt, denn es haben sich Algen gebildet und die Abflüsse funktionieren nicht einwandfrei und wir müssen regelmäßig kontrollieren, ob das Becken übergeht. Das fällt uns neuerdings nachts ein und MM und ich gehen dann leichtherzig mit einer Taschenlampe in den Garten, während die Kinder vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen. Über uns sind reichlich Sterne zu sehen. Im Wasserbecken sitzen die Frösche und halten erschrocken in ihrem Gesang inne. Wir leuchten sie an und sie tun so, als wären sie gar nicht da, aber sie sind deutlich zu sehen, sie passen auf einen Handteller, sind grellgrün, haben hervorquellende Augen und eine Blase an der Kehle, die aussieht, als hätte das Kind seinen Kaugummi oder seine Spuckeblase hingeklebt. Wenn wir das Licht ausmachen beginnen sie wieder: "QUAQUAQUA!". Von der Mauer über dem Wasserbecken hallt es wider, den ganzen Hügel hinunter. Ohrenbetäubend. "Warum tun sie das?" fragt mich MM. "Aus Liebesgründen", will ich mit größter Überzeugung sagen, aber ich verwende ein falsches Wort und sage: "Aus Gründen der Liebenswürdigkeit." MM sieht mich an. Sein Blick sagt: "Meint sie das ernst?". Er leuchtet wieder die Frösche an. Sie schweigen beleidigt.
Die Tatsache, dass nur noch fünf Wochen Ferien sind, versetzt mich geradezu in Panik. Ich muss meinen Kindern doch noch so viel beibringen, bevor sie wieder in der Schule verhaftet sind. Da aber bereits 8 Wochen Ferien hinter mir liegen merke ich auch gewisse Erschöpfung, was mich selbst betrifft. Ich habe Briefe an Gremien geschrieben, um eine Lehrerin in der Klasse des Kindes zu halten, ich habe das Kind erfolgreich auf dem zeitaufwändigen Weg zu seiner zweiten Ballettaufführung begleitet und ich habe aus Gründen der Liebenswürdigkeit eine kräfige Überdosis an sozialen Kontakten genossen, die sich nicht als Zuschuss an heiteren Geschichten in meinem Blog verewigt, sondern beklemmende Seelenzustände hervorgerufen hat. Ich habe viel gekocht und mir viel vorlesen lassen. Ich löse gemeinsam mit dem Kind das Geheimnis des gelben Drachens, bin mit dem Rallyefahrer zusammen darüber entsetzt, dass die Feen im Wald sterben und amüsiere mich mit dem demnächst Vierzehnjährigen über die abartigen Streiche, die Gianburrasca in seinem Tagebuch beschreibt. Viel lieber würde er mit mir über Videogames reden, aber ich will, dass er liest.
Alles in allem fühle ich den unverkennbaren Drang nach Grenzüberschreitung in mir aufsteigen. Ich bin zu gut gelaunt, um nach der üblichen Pumpgun zu verlangen und ich muss auch nicht zwangsläufig etwas sprengen, das heißt, die Gefahr ist groß, dass ich auf einer knatternden Vespa durchbrenne, zumindest einen Nachmittag lang. Ach, könnte man nur Ferien machen wie damals, an Orten, an die man nie mehr zurückkehrt, an denen sich die eigenen Spuren langsam verwischen und der Wind den Sand verbläst. Könnte man etwas Verbotenes tun mit aller aufzubringender Ernsthaftigkeit. Lieder in einer fremden Sprache schmettern und mit jungen Männern tanzen. Auf fremde Dächer steigen und aus voller Kehle quaken, aus Liebesgründen natürlich.
Die Tatsache, dass nur noch fünf Wochen Ferien sind, versetzt mich geradezu in Panik. Ich muss meinen Kindern doch noch so viel beibringen, bevor sie wieder in der Schule verhaftet sind. Da aber bereits 8 Wochen Ferien hinter mir liegen merke ich auch gewisse Erschöpfung, was mich selbst betrifft. Ich habe Briefe an Gremien geschrieben, um eine Lehrerin in der Klasse des Kindes zu halten, ich habe das Kind erfolgreich auf dem zeitaufwändigen Weg zu seiner zweiten Ballettaufführung begleitet und ich habe aus Gründen der Liebenswürdigkeit eine kräfige Überdosis an sozialen Kontakten genossen, die sich nicht als Zuschuss an heiteren Geschichten in meinem Blog verewigt, sondern beklemmende Seelenzustände hervorgerufen hat. Ich habe viel gekocht und mir viel vorlesen lassen. Ich löse gemeinsam mit dem Kind das Geheimnis des gelben Drachens, bin mit dem Rallyefahrer zusammen darüber entsetzt, dass die Feen im Wald sterben und amüsiere mich mit dem demnächst Vierzehnjährigen über die abartigen Streiche, die Gianburrasca in seinem Tagebuch beschreibt. Viel lieber würde er mit mir über Videogames reden, aber ich will, dass er liest.
Alles in allem fühle ich den unverkennbaren Drang nach Grenzüberschreitung in mir aufsteigen. Ich bin zu gut gelaunt, um nach der üblichen Pumpgun zu verlangen und ich muss auch nicht zwangsläufig etwas sprengen, das heißt, die Gefahr ist groß, dass ich auf einer knatternden Vespa durchbrenne, zumindest einen Nachmittag lang. Ach, könnte man nur Ferien machen wie damals, an Orten, an die man nie mehr zurückkehrt, an denen sich die eigenen Spuren langsam verwischen und der Wind den Sand verbläst. Könnte man etwas Verbotenes tun mit aller aufzubringender Ernsthaftigkeit. Lieder in einer fremden Sprache schmettern und mit jungen Männern tanzen. Auf fremde Dächer steigen und aus voller Kehle quaken, aus Liebesgründen natürlich.
Dienstag, 17. Mai 2011
volevo sentire la tua voce
Im Autobus sitzt ein Junge vor mir. Er wirkt wie siebzehn, unfrisiert und mit leichtem Bartwuchs. Ich beginne vor mich hinzudämmern, als mich seine Stimme aufschreckt, die unerwartet fest und laut ist: "Störe ich dich?" Es gibt schlimmere Anfänge von Telefonaten. Stille. "Ich hab's mir gedacht. Ich wollte nur deine Stimme hören. Bis später."
Zuerst denke ich, beachtlich, das aus dem Munde eines jungen Mannes. Sowas sagen doch nur Frauen. (Ich habe das einmal auf dem Anrufbeantworter meines damaligen Freundes gehört. Es war aber nicht meine Stimme. Warum auch? Ich war ja da. Die Frau, die nur seine Stimme hören wollte, sprach mich einmal auf der Straße an. Sie teilte mir mit, dass sie ohnehin nur einmal mit meinem Freund geschlafen hätte, und dass sie dann festgestellt hätte, dass es das nicht bringe. Zu meiner Beruhigung.) Diese Reminiszenz bringt mich auf den Gedanken, dass dieses Bedürfnis, die Stimme des anderen zu hören vielleicht gar nicht so nett ist. Wenn die Frau, die er anrief, schwer beschäftigt ist, und er ohnehin weiß, dass sie keine Zeit hat? Vielleicht ist der harmlos wirkende nette Bursche ein Stalker? Mir fällt ein, dass ich immer häufiger im Radio höre, dass junge Männer ihre Freundinnen erstechen, erschießen oder erschlagen, weil diese mit einem anderen zusammen sein wollen und die jungen Männer das nicht ertragen können. Komisch, vor zwanzig oder dreißig Jahren haben wir das alle ertragen. Ich fühlte mich trotz einiger Freiheiten (besser:Frechheiten) nie in Lebensgefahr und selbst die Frau, die nur einmal das enttäuschende Liebeserlebnis mit meinem Gefährten hatte, hat mich zu keinen Handgreiflichkeiten animiert. Was ist das? Ich möchte das wirklich wissen - warum das Leben heute so billig ist. Warum das Leben von Frauen so wenig wert ist. Und warum die Männer dann nicht ohne die Frauen leben können, wenn sie ohnehin umzubringen sind. Ich möchte mich in die Untiefen dieser Seelen begeben. Ich begebe mich zuerst der Einfachheit halber in meine, und da wird es mir schon schwarz vor den Augen.
Zuerst denke ich, beachtlich, das aus dem Munde eines jungen Mannes. Sowas sagen doch nur Frauen. (Ich habe das einmal auf dem Anrufbeantworter meines damaligen Freundes gehört. Es war aber nicht meine Stimme. Warum auch? Ich war ja da. Die Frau, die nur seine Stimme hören wollte, sprach mich einmal auf der Straße an. Sie teilte mir mit, dass sie ohnehin nur einmal mit meinem Freund geschlafen hätte, und dass sie dann festgestellt hätte, dass es das nicht bringe. Zu meiner Beruhigung.) Diese Reminiszenz bringt mich auf den Gedanken, dass dieses Bedürfnis, die Stimme des anderen zu hören vielleicht gar nicht so nett ist. Wenn die Frau, die er anrief, schwer beschäftigt ist, und er ohnehin weiß, dass sie keine Zeit hat? Vielleicht ist der harmlos wirkende nette Bursche ein Stalker? Mir fällt ein, dass ich immer häufiger im Radio höre, dass junge Männer ihre Freundinnen erstechen, erschießen oder erschlagen, weil diese mit einem anderen zusammen sein wollen und die jungen Männer das nicht ertragen können. Komisch, vor zwanzig oder dreißig Jahren haben wir das alle ertragen. Ich fühlte mich trotz einiger Freiheiten (besser:Frechheiten) nie in Lebensgefahr und selbst die Frau, die nur einmal das enttäuschende Liebeserlebnis mit meinem Gefährten hatte, hat mich zu keinen Handgreiflichkeiten animiert. Was ist das? Ich möchte das wirklich wissen - warum das Leben heute so billig ist. Warum das Leben von Frauen so wenig wert ist. Und warum die Männer dann nicht ohne die Frauen leben können, wenn sie ohnehin umzubringen sind. Ich möchte mich in die Untiefen dieser Seelen begeben. Ich begebe mich zuerst der Einfachheit halber in meine, und da wird es mir schon schwarz vor den Augen.
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