Sonntag, 29. Januar 2017

2 spiritulle Erfahrungen an 1 Tag

Samstag Morgen, ich setze die Kinder beim Bus ab. Der große Sohn eilt davon, ich weiß nicht wohin, das Kind wartet auf den Bus, die Freundin hat geschrieben, sie wird bald da sein mit dem Bus, der Fußballspieler ist in Neapale bei der Freundin. Mir fällt ein, dass ich den großen Sohn anrufen muss. Er hat zum zeiten Mal innerhalb von 5 Monaten sein Telefon verloren und wir haben ihm eine neue SIM-Card mit der alten Nummer gekauft. Ich muss prüfen, ob sie funktioniert. Sie funktioniert. Ein Mensch hebt ab, es ist meinSohn, er klingt, als wäre er ein normaler Mensch. Ich war zweimal bei einer Psychologin wegen ihm. Ich hätte gerne die Lizenz von ihr gehabt, dass ich meinem Sohn den Mittelfinger zeigen kann. Dass ich sagen kann: Oida he, ich habe alles getan, was ich tun konnte, ich habe alles gasagt, was ich sagen konnte. Wenn du dein Leben wegschmeißen willst, dann tu es. Schau, dass du dabei nicht im Rollstuhl landest, denn ich habe keine Lust, dich in diesem für den Rest meines Lebens zu schieben. Doch die Psychologin hat mir die Lizenz zu diesem verhalten nicht gegeben. Sie findet, ich soll ihm ein zu Hause geben und mit ihm kommunizieren. "Du erwartest aber nicht, dass ich zu ihm sage, wie war es in der Schule und er sagt zu mir, eh gut. Oder: wie immer." Nein, sie erwartet nicht von mir, dass ich etwas aus ihm herauspressem was er mir nicht sagen will. Zumindest gibt sie es nicht zu. Sie will aber, so meine ich zu verstehen, dass ich die Gelegenehit nütze, wenn es die Gelegenheit zur Kommunikation gibt.

Das habe ich getan und daher antwortet mir nun ein Mann, ein sehr junger Mann, wie es die Psychologin ausdrückt, der klingt, wie ein normaler Mensch, obwohl er doch sehr verwirrt ist und in mir ein Kontrollorgan haben will. "Er hat sehr viel Freiheit", sagt sie. Sie meint: "Du gibst ihm zu viel Freiheit." Er ist 19.

Aber egal. Jetzt antwortet er, als wäre es möglich, mit ihm zu kommunizieren. Die Sonne ist in spektakulären Farben aufgegangen. Ich fühle mich erleichtert und ich spüre, dass es das erste Mal seit Monaten ist. "Weihnachten ist, wann du willst", fällt mir ein. Ich habe diese Aussage vor kurzem gehört, als Antwort auf die insitierende Frage, wann endlich Weihnachten sei. So ein Glück. Denn ich kann nicht behaupten, dass ich im Jahr 2016 einen Moment ein Gefühl von Weihnachten hatte. Nicht einmal das Elementare: Morgen muss ich nicht aufstehen. Und schon gar nicht: And so this is Christmas And what have you done?
Und dann beginnt er im Radio zu singen. John Lennon singt Imagine. Rote Wolkenfetzen am Himmel. Ich fahre bergauf. Weihnachten ist jetzt. Und ich verstehe zum ersten Mal: Imagine there's no heaven. Above us only sky.

Above us only sky. Was für eine Erleichterung. Ich beginne hemmungslos zu weinen.
Ich fahre an einem Mädchen vorbei. Möglicherweise schaue ich aus, als hätte ich gerade vom Tod eines geliebten Menschen erfahren. Ich denke an den Tod von John Lennon, als ich 16 war. An die Mahnwache in meiner Heimatstadt. Nothing to kill or die for. Es ist mir eagl wie ich aussehe. Die Tränen verschleiern mir den Blick. Nach ein paar hundert Metern das zweite Mädchen, die Tochter des Obermaurers, auch sie wartet auf den Autobus, der sie vom Hügel runterbringt. And no religion too. Über mir immer noch der Himmel. Aber Hölle gibt es keine.

Ich verstehe, dass es nur dann möglich ist, spirituelle Erfahrungen zu machen, wenn man seine Sorgen für einen Moment vergisst, wie aber geht das?

Am Nachmittag besuche ich meine Schwiegermutter. Im Dorf, in dem sie lebt findet die Verhrung des San Rocco statt. eines Heiligen, der sich, wie sie erzählt, von seiner wohlhabenden Familie losgesagt hat, um in Armut in einer Hütte zu leben. Ich will auch in einer Hütte leben! Er hatte einen Hund, der bei anderen Häusern um Brot bettelte, dass er dann seinem Herrn brachte. Daher ist die Statue das San Rocco mit einem Hund ausgestattet, der ein Brötchen im Maul hält. San Rocco hat eine Schramme am Knie, das symbolisiert die Pest, vor der er sich retten konnte oder auch nicht, ich weiß es nicht. Jedenfalls versammeln sich seit einer Woche vor der Messe die Frauen des Orts um einen Sprechgesang zu Ehren ihres Heiligen abzuhalten. Ich kenne den Sprechgesang, der in zwei sich abewechselnden Gruppen im Dialekt stattfindet. Vor ein paar Jahren habe ich ihn mit den Kindern besucht, die kaum an sich halten konnten, so sehr mussten sie lachen. Manchmal fällt es uns auch zu Hause ein und wenn einer "Santo Ruocco" erwähnt, müssen alle losprusten. Diesmal gehe ich mit MM alleine. Der Fußballer ist in Neapel, der große Sohn will bei seinen Freunden bleiben, das Kind bleibt im Haus der Großmutter.

In der Kirche tritt Wasser vom Boden aus, man sieht die Fliesen feucht glänzen. Es ist kalt. Eiskalt. Es sind ungefähr 10 Frauen da, die jüngste ist in meinem Alter. Und ich bin ja leider auch nicht mehr jung. Aber so alt wie die Frauen mit den Kopftüchern nicht! Vor kurzem habe ich den Wikipedia-Eintrag über Alterssexualität gelesen. Demzufolge müsste die Hälfte dieser Frauen sexuelle Bedürfnisse haben. Im Moment aber beginnen sie zu singen: Santo Rocco, sagt die eine Bankreihe, in vier Zeilen, die andere antwortet mit vier Zeilen. Die Geschichte ist die, dass San Rocco, der geliebte, Anwalt seines Reichs, einen Stock in der Hand hat, den er gegen mich richtet, um mich vor der Pest zu bewahren. So geht es ewta 40 Minuten hin und her. Die Damen steigern sich. Am Anfang ein wenig müde, der Kälte trotzend, schwingen sie sich zu einem Feuer, gleich dem aus dem kleinen elektrischen Öfchen vor der ersten Reihe. Meine Schwiegermutter hat sich eine kleine Flasche mit Wasser mitgenommen, aus der sie ab und zu einen Schluck nimmt. Aus dem Sprechgesang wird ein Singsang, immer melodischer, Oh Maria kommt auch auch dazwischen vor, offenbar zählt jemand mit, denn ab und zu wechseln die Zeilen zwischen den Bankreihen.

Langsam fallen mir die Augen zu. Es ist wie in den Schlaf gewiegt werden. Wenn es nur nicht so kalt wäre! Ich reibe meine Knie. Ich denke an die Mönche, die greogorianische Chöre singen. An die Leute, die deshalb viele Kilometer zurücklegen. Da, meine Schwiegermutter und ihre Altergenossinnen bieten das Gleiche! Es hallt in der Kirche, dass einem die Gänsehaut kommt. Die Nichte meines Ehemanns, die, die in meinem Alter ist, dreht sich ab und zu um und sagt etwas mit verschmitztem Lächeln. Wie gut sich die Orchidee neben der Madonna hält oder wie niedrig hier der Altersdurchschnitt im Dorf sei. Ich versuche etwas an der Kirche zu finden, was mir gefällt. Der Priester, der schließlich kommt? Naja.Die Statuen. Oh Nein! Andere Bilder? Keine da. Eine schlichte Landkirche mit feuchten Wänden und nassem Boden. Der Priester hät die Messe. Mehr Leute sind da. Der Priester lächelt 2x. Ich erinnere mich an weiße Strumpfhosen, Kerzen, meine immer zu laut singende Mutter, wieder an die weißen Strumpfhosen. Nach der Messe verteilen zwei Frauen, eine davon meine Schwiegermutter, Brot, dass sie in großen Körben mitgebracht haben. Der Priester hat es freundlicherweise gesegnt. Nach der Messe. Er hat den heiligen Rocco auch nicht erwähnt. Meine Schwiegermutter hat beim Bäcker Brote machen lassen,die die Form eines Mannes haben. Zwei Kaffeebohnen sind die Augen. Er hat Arme, ich habe diese jahrelang für einen Schal gehalten. Er hat Beine, wenn auch kurze. Diese Brote hat sie in Stücke geschnitten. In viele Stücke, die sich alle Teilenhmer der Messe mitnehmen. Früher haben die Frauen, den San Rocco zu Hause gebacken. Früher gab es mehr Frauen, die Brot mitbrachten und sie tauschten sich die verschiedenen Brote untereinander aus. Heute sind es zwei Frauen und sie haben den Rocco in der gleichen Bäckerei machen lassen. Zu Hause nimmt meine Schwiegermutter die letzte Figur aus Brot aus dem Korb und küsst sie auf die Stirn. Ich bin bester Laune. Ich fühle mich frisch. Meine Schwiegermutter wirkt auch 10 Jahre jünger.

Nächstes Jahr gehe ich wieder! Und in der Zwischenzeit möge John Lennons Geist in mir hausen.